Mo., 13.02.12
Wikileaks

Wikileaks «Die Gerüchteküche unter Kontrolle behalten»

Von news.de-Redakteur Timo Nowack

Artikel vom 25.08.2010

Wikileaks veröffentlicht geheime Unterlagen und erregt damit sogar den Zorn des Pentagons. Im Interview gesteht Sprecher Daniel Schmitt Fehler bei den Afghanistan-Dokumenten ein distanziert sich von Gerüchten um eine Verleumdungskampagne.

Das bisher größte Aufsehen erregte die Enthüllungsplattform Wikileaks, als sie im Juli rund 77.000 Geheimunterlagen des Pentagons zum Afghanistankrieg veröffentlichte. Am vergangenen Wochenende sorgten dann Vergewaltigungsvorwürfe gegen Gründer Julian Assange für Aufsehen. Eine der wenigen bekannten Personen hinter Wikileaks neben Assange ist ein Deutscher, der unter dem Pseudonym Daniel Schmitt auftritt. Im Interview stellt er sich den Fragen von news.de:

Ihr Kollege Julian Assange hat es «zutiefst beunruhigend» genannt, dass er in Schweden gerade der Vergewaltigung beschuldigt wurde. Welcher Verdacht steckt da konkret dahinter?


Schmitt: Wir sehen uns zurzeit relativ vielen Angriffen ausgesetzt. Bisher zielten diese immer auf unsere Organisation und unsere Arbeitsweise. Das jetzt hat eine andere Qualität. Allerdings ist es ein laufendes Verfahren und wir müssen sehen, wie sich das weiter entwickelt. Aber eines unserer größten Probleme im Moment ist, dass es zu viele Gerüchte gibt. Deswegen werde ich nicht spekulieren, was dahinter stecken könnte.

Ein isländischer Kollege von Ihnen hat von einer Verleumdungskampagne gesprochen.

Schmitt: Ich bin sehr vorsichtig mit solchen Aussagen. Auch wenn wir Anfang der Woche einen Hinweis bekommen haben, dass wir mit komischen Tricks rechnen müssen, ist nichts bewiesen. Wir müssen vermeiden, Sachen hochzubauschen, die faktisch nicht belegbar sind. Denn die Medien machen im Moment aus allem, was zu unserem Projekt auftaucht, gleich eine Story. Die Vorwürfe am Wochenende standen nicht mal 24 Stunden im Raum und schon ist das Ganze einmal komplett durch die Weltpresse gegangen - dabei wurde der Haftbefehl zwei Stunden später aufgehoben. Es ist im Moment extrem schwierig, diese ganze Gerüchtemühle unter Kontrolle zu behalten.

Sie haben gesagt, Wikileaks wurde vor komischen Tricks gewarnt. Passieren Ihnen im Alltag Dinge, die Sie als seltsam und verdächtig wahrnehmen?

Schmitt: Überhaupt nicht. Deshalb bin ich auch vorsichtig, was solche Vermutungen angeht. Schließlich bin ich auch nicht besonders schwer zu finden. Ich habe viele öffentliche Auftritte, die vorher bekannt sind. Obwohl mein Nachname ein Künstlername ist, wird mich jeder finden, der ein ernsthaftes Interesse daran hat. Trotz allem habe ich weder in Deutschland noch in anderen Ländern den Eindruck, dass irgend jemand versucht, mir mein Leben schwer zu machen. Es gibt, soweit ich das beurteilen kann, kein Überwachungsversuche meiner Wohnung. Und aus meiner Sicht ist es die beste Taktik, mit dem Gesicht voran zu gehen. Denn die Öffentlichkeit ist das, was uns am besten schützt.

Warum verwenden Sie dann ein Pseudonym?

Schmitt: 2008, als ich die ersten öffentlichen Auftritte absolvierte, hatten wir rechtliche Probleme mit der Schweizer Bank Julius Bär. Diese Bank hatte Privatdetektive beauftragt, um unserer Quelle auf die Spur zu kommen. Und das Pseudonym war einfach der Versuch, die Hürde für Detektive ein bisschen höher zu legen. Heute würde ich das anders machen, wenn ich es revidieren könnte oder wüsste, wie man es am elegantesten auflöst.

Dann könnten sie doch ab jetzt unter ihrem richtigen Namen auftreten.

Schmitt: Es gab schon Versuche. Das Problem ist, dass die Medien daraus bisher dann immer eine Story machen wollten. Und ich finde es wesentlich sinnvoller, wenn über das Projekt berichtet wird und nicht über meine Person. Außerdem ist es natürlich auch weiterhin von Vorteil, wenn es um Privatdetektive und Ermittlungen gegen unsere Quellen geht.

Wikileaks kritisiert mächtige Organisationen mit Geheimnissen, aber sie selbst geben sich am geheimnisvollsten: Man kennt außer Ihnen und Herrn Assange keine Gesichter, ihre Recherchemethoden sind nicht transparent. Sehen Sie da nicht einen Widerspruch?

Schmitt: Es gibt bestimmte Bereiche, in denen müssen wir mehr Transparenz schaffen. Das beginnt damit, dass wir Kooperationen mit Medien eingehen und sie in unsere Arbeit mit einbeziehen. Das zeigt auch unbeteiligten Parteien, dass das alles Hand und Fuß hat und es bei uns professionell zugeht.

Ihre Partner wissen also mehr als die Öffentlichkeit über Wikileaks?

Schmitt:
 Teilweise ja. Sie wissen zum Beispiel, wie wir mit Materialien umgehen und wie unsere Rechercheprozesse ablaufen. Wir wollen das alles auch für die breite Öffentlichkeit öffnen. Aber wir sind weit davon entfernt, vollständig aufgebaut zu sein. Solange wir das nicht ganz umgesetzt haben, müssen wir leider noch einige Sachen ein wenig im Unklaren lassen. Außerdem gibt es gewisse Obskuritäten bei uns auch, um unsere Arbeit zu schützen. Dazu gehört etwa, dass wir nicht sagen, wer sonst noch an diesem Projekt beteiligt ist. Das hat etwas mit Quellenschutz zu tun und damit, dass wir nicht wollen, dass diese Leute vielleicht bestochen oder belästigt werden.

Sie brauchen einen großen Mitarbeiter-Apparat. Laufen Sie da nicht Gefahr, dass sie jemanden für sich arbeiten lassen, der in Wirklichkeit vielleicht ganz andere Ziele verfolgt, einen Maulwurf?

Schmitt:
 Ja, das stimmt. Wir sind fünf Leute in Vollzeit und haben zwischen 800 und 1000 unabhängige Experten, die wir hinzuziehen können, etwa für Verifizierungs- oder Programmieraufgaben. Dabei gilt ein Mehraugenprinzip: Es arbeiten immer mehrere Leute unabhängig voneinander an derselben Aufgabe. Und sie wissen in der Regel nichts von den anderen. Zusätzlich werden alle Ergebnisse nochmal von weiteren Parteien geprüft. Das Ganze ist ziemlich aufwendig und im Moment eines der Hindernisse für unser Wachstum. Denn es ist sehr schwierig, diesen Apparat weiter zu öffnen für den Ansturm von Leuten, die uns helfen wollen.

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