Wikileaks
«Die Gerüchteküche unter Kontrolle behalten»

Wikileaks veröffentlicht geheime Unterlagen und erregt damit sogar den Zorn des Pentagons. Im Interview gesteht Sprecher Daniel Schmitt Fehler bei den Afghanistan-Dokumenten ein distanziert sich von Gerüchten um eine Verleumdungskampagne.

Das bisher größte Aufsehen erregte die Enthüllungsplattform Wikileaks, als sie im Juli rund 77.000 Geheimunterlagen des Pentagons zum Afghanistankrieg veröffentlichte. Am vergangenen Wochenende sorgten dann Vergewaltigungsvorwürfe gegen Gründer Julian Assange für Aufsehen. Eine der wenigen bekannten Personen hinter Wikileaks neben Assange ist ein Deutscher, der unter dem Pseudonym Daniel Schmitt auftritt. Im Interview stellt er sich den Fragen von news.de:

Ihr Kollege Julian Assange hat es «zutiefst beunruhigend» genannt, dass er in Schweden gerade der Vergewaltigung beschuldigt wurde. Welcher Verdacht steckt da konkret dahinter?


Schmitt: Wir sehen uns zurzeit relativ vielen Angriffen ausgesetzt. Bisher zielten diese immer auf unsere Organisation und unsere Arbeitsweise. Das jetzt hat eine andere Qualität. Allerdings ist es ein laufendes Verfahren und wir müssen sehen, wie sich das weiter entwickelt. Aber eines unserer größten Probleme im Moment ist, dass es zu viele Gerüchte gibt. Deswegen werde ich nicht spekulieren, was dahinter stecken könnte.

Ein isländischer Kollege von Ihnen hat von einer Verleumdungskampagne gesprochen.

Schmitt: Ich bin sehr vorsichtig mit solchen Aussagen. Auch wenn wir Anfang der Woche einen Hinweis bekommen haben, dass wir mit komischen Tricks rechnen müssen, ist nichts bewiesen. Wir müssen vermeiden, Sachen hochzubauschen, die faktisch nicht belegbar sind. Denn die Medien machen im Moment aus allem, was zu unserem Projekt auftaucht, gleich eine Story. Die Vorwürfe am Wochenende standen nicht mal 24 Stunden im Raum und schon ist das Ganze einmal komplett durch die Weltpresse gegangen - dabei wurde der Haftbefehl zwei Stunden später aufgehoben. Es ist im Moment extrem schwierig, diese ganze Gerüchtemühle unter Kontrolle zu behalten.

Sie haben gesagt, Wikileaks wurde vor komischen Tricks gewarnt. Passieren Ihnen im Alltag Dinge, die Sie als seltsam und verdächtig wahrnehmen?

Schmitt: Überhaupt nicht. Deshalb bin ich auch vorsichtig, was solche Vermutungen angeht. Schließlich bin ich auch nicht besonders schwer zu finden. Ich habe viele öffentliche Auftritte, die vorher bekannt sind. Obwohl mein Nachname ein Künstlername ist, wird mich jeder finden, der ein ernsthaftes Interesse daran hat. Trotz allem habe ich weder in Deutschland noch in anderen Ländern den Eindruck, dass irgend jemand versucht, mir mein Leben schwer zu machen. Es gibt, soweit ich das beurteilen kann, kein Überwachungsversuche meiner Wohnung. Und aus meiner Sicht ist es die beste Taktik, mit dem Gesicht voran zu gehen. Denn die Öffentlichkeit ist das, was uns am besten schützt.

Warum verwenden Sie dann ein Pseudonym?

Schmitt: 2008, als ich die ersten öffentlichen Auftritte absolvierte, hatten wir rechtliche Probleme mit der Schweizer Bank Julius Bär. Diese Bank hatte Privatdetektive beauftragt, um unserer Quelle auf die Spur zu kommen. Und das Pseudonym war einfach der Versuch, die Hürde für Detektive ein bisschen höher zu legen. Heute würde ich das anders machen, wenn ich es revidieren könnte oder wüsste, wie man es am elegantesten auflöst.

Dann könnten sie doch ab jetzt unter ihrem richtigen Namen auftreten.

Schmitt: Es gab schon Versuche. Das Problem ist, dass die Medien daraus bisher dann immer eine Story machen wollten. Und ich finde es wesentlich sinnvoller, wenn über das Projekt berichtet wird und nicht über meine Person. Außerdem ist es natürlich auch weiterhin von Vorteil, wenn es um Privatdetektive und Ermittlungen gegen unsere Quellen geht.

Wikileaks kritisiert mächtige Organisationen mit Geheimnissen, aber sie selbst geben sich am geheimnisvollsten: Man kennt außer Ihnen und Herrn Assange keine Gesichter, ihre Recherchemethoden sind nicht transparent. Sehen Sie da nicht einen Widerspruch?

Schmitt: Es gibt bestimmte Bereiche, in denen müssen wir mehr Transparenz schaffen. Das beginnt damit, dass wir Kooperationen mit Medien eingehen und sie in unsere Arbeit mit einbeziehen. Das zeigt auch unbeteiligten Parteien, dass das alles Hand und Fuß hat und es bei uns professionell zugeht.

Ihre Partner wissen also mehr als die Öffentlichkeit über Wikileaks?

Schmitt:
 Teilweise ja. Sie wissen zum Beispiel, wie wir mit Materialien umgehen und wie unsere Rechercheprozesse ablaufen. Wir wollen das alles auch für die breite Öffentlichkeit öffnen. Aber wir sind weit davon entfernt, vollständig aufgebaut zu sein. Solange wir das nicht ganz umgesetzt haben, müssen wir leider noch einige Sachen ein wenig im Unklaren lassen. Außerdem gibt es gewisse Obskuritäten bei uns auch, um unsere Arbeit zu schützen. Dazu gehört etwa, dass wir nicht sagen, wer sonst noch an diesem Projekt beteiligt ist. Das hat etwas mit Quellenschutz zu tun und damit, dass wir nicht wollen, dass diese Leute vielleicht bestochen oder belästigt werden.

Sie brauchen einen großen Mitarbeiter-Apparat. Laufen Sie da nicht Gefahr, dass sie jemanden für sich arbeiten lassen, der in Wirklichkeit vielleicht ganz andere Ziele verfolgt, einen Maulwurf?

Schmitt:
 Ja, das stimmt. Wir sind fünf Leute in Vollzeit und haben zwischen 800 und 1000 unabhängige Experten, die wir hinzuziehen können, etwa für Verifizierungs- oder Programmieraufgaben. Dabei gilt ein Mehraugenprinzip: Es arbeiten immer mehrere Leute unabhängig voneinander an derselben Aufgabe. Und sie wissen in der Regel nichts von den anderen. Zusätzlich werden alle Ergebnisse nochmal von weiteren Parteien geprüft. Das Ganze ist ziemlich aufwendig und im Moment eines der Hindernisse für unser Wachstum. Denn es ist sehr schwierig, diesen Apparat weiter zu öffnen für den Ansturm von Leuten, die uns helfen wollen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Schmitt einen Fehler bei den Afghanistan-Dokumenten eingesteht

Vor einiger Zeit haben Sie auf Ihrer Seite eine verschlüsselte Datei mit
dem Titel Insurance (Versicherung) veröffentlicht. Was hat es damit auf
sich?

Schmitt: Wir veröffentlichen regelmäßig verschlüsselte Archive. Die enthalten Backups von bereits publizierten Dokumenten, von unserer technischen Infrastruktur oder von unveröffentlichten Informationen. Seit Ende 2009 haben wir Tausende von Einsendungen bekommen, die bisher nicht verarbeitet und publiziert wurden, weil unsere ganze Publikationsmaschine zurzeit umgebaut wird. Was in dieser Insurance-Dateien drin ist, kann ich selbst nicht mal genau sagen. Da ich öffentlich exponiert bin, habe ich aus Gründen der Sicherheit auch keinen Zugriff auf technische System.

Es wurde spekuliert, dass die Datei die fehlenden 15.000 Afghanistan-Dokumente enthält.

Schmitt: Dafür wäre sie aus meiner Sicht zu groß. Ich vermute eher, dass es eine Sammlung ist von Dokumenten, die für die Nachwelt erhalten bleiben sollen, egal, was passiert. Das ist eine Reaktion auf den öffentlichen Druck, den wir in letzter Zeit bekommen haben, etwa durch schwierige Statements von Seiten des Pentagons und konservativer Amerikaner.

In Bezug auf die Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente wurden sie nicht nur vom Pentagon kritisiert, sondern auch von Reporter ohne Grenzen und Amnesty International. Der Vorwurf: Sie würden afghanische Informanten gefährden, weil sie deren Namen nicht anonymisiert hatten. Sehen sie das heute als Fehler?

Schmitt: Wir beschreiten mit diesem Projekt völlig neues Territorium. Deshalb müssen wir bei jeder Veröffentlichung schauen, ob es der richtige Weg ist und welche Erfahrungen wir daraus ziehen können. Bei den Afghanistan-Dokumenten haben wir 15.000 Stück zurückgehalten, um sie zu redigieren. Daran wird im Moment noch gearbeitet. Von den restlichen Dokumenten hatten wir Ausschnitte betrachtet, denn aufgrund der Menge des Materials konnten wir nicht alles anschauen. Bei der Vorbereitung des Materials sind hier einige Namen durch das Raster gerutscht, es handelt sich um etwa 100 Namen in 77.000 Dokumenten. Das zeigt, dass wir mehr Ressourcen brauchen, die wir in einen solchen Prozess sicher einbinden können. Das ist etwas, woraus wir gelernt haben für die Zukunft, und den Fehler machen wir so nicht noch einmal.

Sie sehen es also als Fehler an.

Schmitt:
 Das ist nicht hundert Prozent glücklich gewesen. Ganz bestimmt nicht. Mittlerweile sind wir auch mit Reporter ohne Grenzen und Amnesty International in Kontakt, um in Zukunft bei solch großen Veröffentlichungen zusammenzuarbeiten und solche Fehler zu vermeiden.

Wie fühlt man sich persönlich, wenn man so etwas veröffentlicht und dann erfährt, dass man damit potenziell Menschenleben gefährdet? Fragt man sich da nicht, ob man das Richtige tut?

Schmitt: Es geht hier um einen Krieg, und in einem Krieg sind immer Menschenleben gefährdet. Gerade deshalb und um weitere Opfer zu vermeiden ist die Aufklärung eines Krieges durch Berichterstattung extrem wichtig. Ich kann nur sagen: In meinem ganzen Leben bin ich noch nie so aufrecht gegangen wie im Moment. Ich investiere alle meine Zeit, meine Ressourcen, mein Geld und mein Herzblut in dieses Projekt. Es ist die größte persönliche Befriedigung und Herausforderung, vor der ich in meinem ganzen Leben je stand. Dabei ist mir vollkommen klar, dass auch Fehler passieren. Die Geschichte zeigt, dass immer wieder Fehler geschehen, egal, was man Neues unternimmt. Das Wichtige aus meiner Sicht ist, dass man sich davon nicht abschrecken lässt, aber aus diesen Fehlern lernt und sie kein zweites Mal macht.

Sie haben gerade von der Geschichte gesprochen. Haben Sie das Gefühl, Historisches zu schaffen?

Schmitt: Das Schaffen von Historischem ist genau unser Ziel. Wir wollen helfen, die historische Aufzeichnung zu vervollständigen und alles aufzudecken, was wichtig für die Menschheit ist, aber sonst nicht in die offizielle Aufzeichnung einfließt. Gerade die Veröffentlichung zu Afghanistan ist ganz bestimmt ein Teil, der dazu beiträgt. Sie wird helfen zu verstehen, wie ein solcher Krieg funktioniert, und aufgrund dieses Verständnisses möglich machen, eine vernünftige Meinung dazu zu haben.

 

tno/mat/reu/news.de/dp/ap

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