Fremd im Alltag
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Von Anett Böttger
Artikel vom 22.08.2010
Nach elf Monaten Geiselhaft im Jemen haben Anna und Lydia nur noch arabisch gesprochen. Vor drei Monaten kamen die Schwestern aus Sachsen frei. Sie leben inzwischen bei Verwandten - ohne Eltern und Bruder.
Als Anna und Lydia nach elf Monaten Geiselhaft aus dem Jemen nach Deutschland zurückkehrten, war vieles fremd für sie. Inzwischen haben sich die vier und sechs Jahre alten Schwestern in der Großfamilie eingelebt, die sie nach ihrer Befreiung Mitte Mai bei sich in Ostsachsen aufnahm. «Sie haben einen normalen Alltag, aber die Lebensumstände sind nicht geklärt», sagt ihr Onkel Reinhard Pötschke. Ausführlich über den Zustand der Mädchen äußerte er sich nach der Ankunft der Schwestern in einem news.de-Interview.
Das Schicksal der Eltern und des kleinen Bruders Simon ist nach wie vor ungewiss. Die fünfköpfige Familie aus Meschwitz bei Bautzen war am 12. Juni 2009 nördlich von Jemens Hauptstadt Sanaa zusammen mit anderen Ausländern verschleppt worden. Die Kinder wurden offenbar bald nach der Entführung von ihren Eltern getrennt. Die Mädchen kamen überraschend frei.
Anna und Lydia leben nun in einem großen Haushalt, bei einer Tante, die selbst fünf Kinder hat. «Sie können die vielen Leute inzwischen einordnen, treten sicherer auf», sagt Pötschke zur Situation in der Großfamilie. Anfangs sprachen die Mädchen nur arabisch, nannten sich Fatima und Sarah. Erst rund zwei Monate nach der Rückkehr sei eine normale Verständigung ohne Dolmetscher möglich gewesen. «Das hat länger gedauert als erwartet», gesteht der Onkel.
Von der Öffentlichkeit schirmt die Familie die Mädchen nach wie vor ab. In einen Kindergarten gehen sie noch nicht, Lydia wird erst im kommenden Jahr eingeschult. Und aktuelle Fotos der beiden sollen nicht in die Medien gelangen. «Es sind keine Stars», sagt Pötschke mit Nachdruck.
Von den Eltern und dem Bruder kein Lebenszeichen
Seit der Entführung vor mehr als einem Jahr gibt es von den Erwachsenen kein Lebenszeichen. «Das geht an uns nicht spurlos vorüber», sagt Pötschke. Groß ist die Sorge, ob die Eltern Sabine und Johannes Hentschel überhaupt noch leben. «Mit jedem Monat wird die Wahrscheinlichkeit geringer», sagt der Schwager des verschollenen Familienvaters ein. Auch um Simon, der zum Zeitpunkt der Entführung noch nicht einmal ein Jahr alt war, bangen die Angehörigen.
Nur Fragmente kämen, wenn die Mädchen von ihrem kleinen Bruder sprechen würden. Er sei krank geworden, hätten sie erzählt. Zeitlich könnten die Mädchen die Ereignisse jedoch nicht einordnen. «Sie haben nicht gesehen, dass ihr Bruder gestorben ist oder beerdigt wurde», berichtet Pötschke. Im vergangenen Jahr waren Filmaufnahmen veröffentlicht worden, auf denen der kleine Junge erschöpft ausgesehen habe, mit einer Haut wie Pergament. «Wir haben dieses Video nie gesehen», sagt der Pfarrer aus Radebeul.
Für die Angehörigen bleibt die Frage, warum die Familie entführt wurde und weshalb die Mädchen plötzlich frei kamen. «Die waren einfach da», sagt Pötschke. Traumatische Erlebnisse sind Anna und Lydia aber offenbar erspart geblieben, sie seien gut behandelt worden, meint ihr Onkel.
Die Eltern von Anna und Lydia waren für die kleine niederländische Hilfsorganisation «Worldwide Services» in den Jemen gegangen, schon vor der Geburt ihres ersten Kindes. Die Krankenschwester und der studierte Maschinenbauer arbeiteten in einem staatlichen Krankenhaus in der nordjemenitischen Provinz Saada.
bjm/hav/news.de/dpa
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