Konflikte in Afrika Der Nachbar, der Mörder

Von Eva Krafczyk
In den meisten afrikanischen Staaten leben Dutzende ethnischer Gruppen friedlich miteinander. Doch auf dem Kontinent mit den künstlichen Grenzen der alten Kolonialmächte bergen die Vielvölkerstaaten auch Konfliktstoff mit dramatischen Folgen.

Manchmal sieht Pierre Celestin Karimumrumba von seiner Hütte im ruandischen Gahanga Straßenbauarbeiter in Gefängnisuniform, die mit geschulterten Spitzhacken durch die grüne Hügellandschaft ziehen. Für den Überlebenden des Völkermords im Jahr 1994, dessen Frau und Kinder vor 16 Jahren von den Hutu-Milizen brutal ermordet wurden, ist es jedes Mal wieder eine Begegnung mit der Vergangenheit.

Denn viele der arbeitenden Häftlinge gehörten damals zu den Milizen, die mit Hacken und Macheten durch die gleichen hügeligen Dorfstraßen zogen. Die Mörder waren keine Unbekannten. In vielen Fällen waren sie Nachbarn, die seit Generationen auf dem gleichen Hügel lebten, die wussten, wer Hutu und wer Tutsi war.

Wenn es um ethnische Konflikte in Afrika geht, kommt vielen Ruanda in den Sinn. Innerhalb von 100 Tagen wurden in dem kleinen ostafrikanischen Land 800.000 Menschen buchstäblich zerhackt. Staatliche Propagandasender riefen die Mörder zur «Arbeit», verlangten die Vernichtung der «Kakerlaken», wie die verfolgten Tutsi genannt wurden. Doch Hass gab es nicht erst seit 1994, und wie in vielen afrikanischen Konflikten hatten die alten Kolonialmächte einen erheblichen Teil dazu beigetragen.

Tutsi und Hutu sprechen die gleiche Sprache, haben seit Jahrhunderten untereinander geheiratet. Es waren die belgischen Kolonialherren, die 1933 «ethnische» Personalausweise einführten. Die Tutsi, vermeintlich aristokratische Elite, wurde gefördert, die Bevölkerungsmehrheit der Hutu wurde als primitives Bauernvolk angesehen, dem Zugang zu Bildung und Aufstiegschancen verwehrt wurde. Als nach der Unabhängigkeit Mehrheiten und nicht alte Allianzen zählten, waren es die Tutsi, die ausgegrenzt und verfolgt wurden - bis zum Massenmord im Jahr 1994.

Kolonialmächte interessierten sich nicht für tradtionalle Siedlungsgebiete

Auch der 2005 beendete Bürgerkrieg in Uganda hatte Wurzeln in der ungleichen Behandlung der ethnischen Gruppen durch die britische Kolonialmacht. Sie hatte die Bevölkerung des Südens in der Verwaltung eingesetzt und zur innerugandischen Elite gemacht, während die Acholi aus dem Norden als Krieger galten, für die nur die Armee Verwendung hatte. In anderen Ländern wurden Rivalitäten zwischen verschiedenen Gruppen ausgespielt, um die eigene Macht zu festigen.

Bei der Grenzziehung der Kolonialmächte im 19. Jahrhundert spielten traditionelle Siedlungsgebiete keine Rolle. Die Folge: die meisten afrikanischen Staaten sind Vielvölkerstaaten. Meist funktioniert das Miteinander der ethnischen Gruppen. Doch manchmal genügt ein geringer Anlass, um eine Welle der Gewalt auszulösen.

Zuletzt wurde das etwa bei den Präsidentenwahlen in Kenia Ende 2007 deutlich. Die beiden wichtigsten Kandidaten, Amtsinhaber Mwai Kibaki und der damalige Oppositionsführer Raila Odinga gehörten den beiden größten und einflussreichsten Bevölkerungsgruppen, den Kikuyu und den Luo an. Der Kampf um die Macht wurde plötzlich auch der Kampf um die Macht des eigenen Volkes. Die schwelende Konkurrenz der beiden Gruppen wurde von skrupellosen Politikern und Geschäftsleuten bewusst geschürt.

Um politische und wirtschaftliche Macht geht es auch im Sudan. Die schwarzafrikanische Bevölkerung in Darfur kämpft gegen arabischstämmige Milizen, die von der Regierung im Norden unterstützt werden. Während die schwarzen Sudanesen mehrheitlich Bauern sind, handelt es sich bei den Arabern um Nomaden und Viehzüchter. Beide Gruppen konkurrieren um Wasser und Weideflächen, die angesichts des Klimawandels immer knapper werden. Doch auch im teilautonomen Südsudan bedrohen ethnische Konflikte der schwarzafrikanischen Völker der Nuer und der Dinka den Aufbau des Landes nach 20 Jahren Bürgerkrieg gegen den Norden.

hav/che/news.de/dpa

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