Studien Wie Hartz-IV-Empfänger so ticken

Hartz-IV-Empfänger (Foto)
Hartz-IV-Empfänger setzen sich aus allen möglichen Bevölkerungsgruppen zusammen. Bild: iStockphoto / news.de (Montage)

Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Hartz-IV, das steht für Menschen, die den ganzen Tag nichts tun und an der Flasche und am Fernseher hängen. Doch keine Bevölkerungsgruppe ist so unterschiedlich wie die der so genannten Hartzer. Nicht einmal der Fakt, dass alle arbeitslos sind, stimmt. 

Arno Dübel heißt er. Er ist seit fast 30 Jahren arbeitslos und hat offenbar viel Spaß dabei. Großschnäuzig tingelte der 53-Jährige durch Deutschlands Talkshows und sprach überzeugt in die Kameras: «Ich will nicht arbeiten.» Warum auch?

Sieht so etwa der typische Hartz-IV-Empfänger aus? Lange Haare, Tränensäcke, mieses Lächeln? Oder gehört Dübel noch zu den besseren der etwa 6,5 Millionen Hartzer, wie sie umgangssprachlich oft genannt werden? Das glaubt man, wenn Filmemacherin Rita Knobel-Ulrich beginnt, über Hartz-IV-Empfänger nachzudenken. In der Talksendung Anne Will sprach sie von Rabeneltern, die natürlich niemals arbeiten würden, und das Geld ihrer Kinder besser in Playstation und Alkohol investieren.

Arbeitsverweigerung
Hartz-IV als Protest
Video: news.de

Dieses Klischee des faulen Drückebergers, der sich auf Kosten des fleißigen deutschen Arbeiters den ganzen Tag die Sonne auf den Bauch scheinen lässt, prägt unser Bild der Langzeitarbeitslosen. Doch eins vornweg: Den Hartz-IV-Empfänger gibt es gar nicht. Wenn sich eine Personengruppe der Bevölkerung stark unterscheidet, dann ist es diese - und sie ist groß.

Wer sind die Hartz-IV-Empfänger überhaupt?

Knapp 6,5 Millionen Menschen in Deutschland bekommen Hartz-IV. 1,8 Millionen davon sind erst gar nicht erwerbstätig. Nicht etwa, weil sie faul sind oder Tagverschläfer, sondern weil es meist Kinder und Jugendliche sind. Bleiben also noch knapp fünf Millionen. Per Definition sind sie in der Lage, mindestens drei Stunden pro Tag zu arbeiten.

1,3 Millionen tun das übrigens auch. Sie arbeiten in der Wirtschaft für so wenig Geld, dass ihnen der Staat etwas zum Überleben dazugeben muss. Das sind meist so genannte Aufstocker. Die Deutsche Wirtschaft macht's möglich.

Bleiben also noch etwa 3,4 Millionen, wovon sich wiederum mehr als eine Million fortbilden lässt oder das 100. Bewerbungstraining durchmacht.

Summa summarum sind noch etwas mehr als zwei Millionen für die Vermittlung übrig - für sie wird nach einem neuen Job gesucht. Etwas mehr als zwei Millionen, darunter viele Ältere über 50 Jahre, Ausländer und Ungelernte mit großen Schwierigkeiten, einen Job zu finden - laut liberalen Verbalattacken alles Menschen, die angeblich nicht arbeiten wollen.

Aber für derartige Beschuldigungen ist die Zahl der Sanktionen, die wegen Arbeitsverweigerung verhängt werden, einfach zu niedrig. Laut Bundesagentur für Arbeit liegen die Werte unter drei Prozent - berechnet auf alle Hartz-IV-Empfänger in Vermittlung.

Trotz dieser geringen Quote von Arbeitsverweigerern glaubt auch die Bevölkerung daran, dass Hartz-IV-Empfänger faul sind. Laut einer Umfrage des Instituts für Meinungsforschung in Allensbach glauben 57 Prozent der Deutschen, dass viele Erwerbslose nicht arbeiten wollen. 33 Prozent meinen, dass dies nur «Einzelfälle» sind.

Wie Hartz-IV-Empfänger so drauf sind

Aber wie ticken sie genau? Wollen sie wirklich nicht arbeiten? Wissenschaftliche Studien dazu gibt es wie Sand am Meer. Dazu ein Überblick:

Nach einer älteren Untersuchung des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung (IAB) sind Hartz-IV-Empfänger überhaupt nicht faul. Sie würden sogar ungünstige Arbeitszeiten, lange Arbeitswege und Beschäftigungen unter ihrem Qualifikationsniveau annehmen. Nur eins wollen sie nicht: Umziehen. Offenbar ist Hartz-IV-Empfängern das soziale Umfeld wichtiger als eine Chance in einer neuen Stadt.

In einer erst im August vorgestellten Studie bestätigt das IAB diese Ergebnisse erneut. Die große Mehrheit der Hartz-IV-Empfänger bemühe sich um einen Job, betonen die Arbeitsmarktexperten in Nürnberg. Doch die Erfolgsaussichten seien gering - nur etwas mehr als ein Viertel der Jobsuchenden sei in dem Befragungszeitraum von vier Wochen zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Nach Ansicht der Experten ist das ein Indiz, dass es nicht an mangelnder Motivation liege, wenn Langzeitarbeitslose ohne Job blieben und auf staatliche Hilfe angewiesen seien.

Unterschied zwischen Ost und West

Übrigens: Es gibt den Hartz-IV-Ossi und den Hartz-IV-Wessi – und der Wessi ist wohl fauler, zumindest sagen das die Forscher. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer Studie aus dem Jahr 2008 festgestellt, dass es in Ostdeutschland einen großen Teil an Arbeitslosen gibt, die eine Beschäftigung annehmen würden und sich selbst um die Stellensuche kümmern. In Westdeutschland finden sich laut DIW dagegen relativ viele Arbeitslose, die eine ihnen angebotene Stelle ausschlagen würden.

Und was hilft, um den Hartz-IV-Empfänger wieder in den Job zu bringen? Natürlich Leistungen kürzen. Zumindest sieht das das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) so und legt natürlich auch eine passende Studie vor. Demnach steigt mit der Verhängung einer Sanktion die Bereitschaft der Leistungsempfänger, einer Beschäftigung nachzugehen. So hätten Erwerbslose mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent innerhalb von acht Monaten wieder eine reguläre Arbeit gehabt, soweit sie von Jobcentern mit strenger Sanktionspraxis betreut wurden.

Voraussetzung dafür ist natürlich erstmal, dass es Jobs gibt. Doch das einzige, was Hartz-IV-Empfängern meist angeboten wird, sind Aufstocker- und Zeitarbeitsjobs. Nur sieben Prozent schaffen darüber den Weg in eine feste Stelle. Das IAB, von dem die Zahlen stammen, interpretiert das Ergebnis als gut. So sei die Leiharbeit immer noch eine bessere Alternative zur Arbeitslosigkeit. «Leiharbeit ist zwar keine breite Brücke, aber zumindest ein schmaler Steg in Beschäftigung», sagte IAB-Direktor Joachim Möller.

Bekommen Hartz-IV-Empfänger zuviel?

Nun kann man sich durchaus darüber streiten, ob sieben Prozent wirklich als Erfolg gewertet werden können. Die Verdienste dieser Brückenjobs sind zumindest äußerst dürftig und der Weg daraus ist äußerst schwierig. Das bestätigt sogar die OECDDie Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat 32 Mitgliedsstaaten. Die meisten davon gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen. in einer Studie, in der sie die Situation von Arbeitslosen in verschiedenen europäischen Ländern verglichen hat. Ergebnis: Nirgendwo in Europa ist es so schwierig, aus der Sozialhilfe herauszukommen wie in Deutschland. In dieser Studie hat die OECD auch festgestellt, dass der einzelne Hartz-IV-Empfänger ohne Beschäftigung weniger bekommt als in anderen OECD-Ländern.

Übrigens: Den Hartz-IV-Satz von 359 Euro halten einige Forscher immer noch für viel zu hoch. Zwei Chemnitzer Wissenschaftler schlagen vor, den Betroffenen nicht mehr als 132 Euro auszuzahlen. Das machen sie daran fest, was ein Warenkorb für den täglichen Bedarf kostet - und zwar in Chemnitz. Man sollte dazu sagen, dass die Experten Finanzwissenschaftler sind, ein Soziolge hätte wahrscheinlich andere Maßstäbe angesetzt. 

Und genau das muss man immer im Blick haben, wenn man derartige Studien liest: Wer hat die Untersuchung durchgeführt, und wer hat sie in Auftrag gegeben.

hav/reu/news.de

Leserkommentare (52) Jetzt Artikel kommentieren
  • 12345
  • Kommentar 52
  • 27.08.2013 18:03

@suchearbeit: Wenn Ihre Bewerbungen genauo so verfasst sind, wundern mich die Absagen nicht!

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  • Anti-SPD
  • Kommentar 51
  • 11.04.2013 12:26

Ihr wisst doch alle gar nicht was wirklich läuft: Ich kenne jemanden, der ist 45 Jahre alt, ist Hartz IV-Empfänger und hat seit fast 22 Jahren nicht mehr gearbeitet. Er verkauft nebenbei gebrauchte Autos und betreibt, schwarz natürlich, eine Auto-Aufbereitungsfirma. Ohne Steuern, ohne Abgaben. Er besitzt eine 2-motorige Motoryacht, fährt immer tolle Autos, schenkt seiner Freundin einen gerade mal 5 Jahre alten Mercedes 280 SLK, fliegt mit ihr 2-3 mal im Jahr nach Mallorca und die beiden gehen natürlich jeden Abend schön essen. Noch Fragen?

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  • suchearbeit
  • Kommentar 50
  • 22.01.2013 11:06

ich war auch an der Meinung, dass Harz IV Empfänger nur faul sind und die Stadt ausnutzen bis ich von meine Stelle vor ende Probezeit gekündigt bin. Ich habe hohe Qualifikation und Erfahrung aber wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe, die genau meinen Profile passt , denn entweder bekomme ich kein Antwort oder schnelle Absage. Ich denke weile ich einen Emigrant bin und viele wollen mein Name in der Firmenstruktur oder im Vordergrund nicht stellen. Ich denke Denke deutschland hat sehr viel positive Seite, aber mit toleranz und gleisch chance für alle ist das noch nicht soweit.

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