Mi., 08.02.12
Integration

Ohne Namen und Foto Anonym bewirbt sich's besser

Von den news.de-Redakteuren Timo Nowack und Jens Kiffmeier, Berlin

Artikel vom 04.08.2010

Absagen an Bewerber, weil sie einen türkischen Namen tragen oder älter als 50 sind? Das Familienministerium und mehrere Firmen wollen das verhindern und testen bald anonymisierte Bewerbungsverfahren. Ob die wirklich helfen, ist jedoch ungewiss.

Es ist ein Test: Wer sich künftig beim Bundesfamilienministerium, den Firmen L'Oréal, Procter & Gamble und drei weiteren Unternehmen bewirbt, der soll das anonym tun. Die Personalverantwortlichen sollen weder Name, noch Adresse, Geburtsdatum oder Angaben zum Familienstand erfahren. So will man verhindern, dass Bewerber wegen ihrer Alters, ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts frühzeitig abgelehnt werden.

«Bei anonymisierten Lebensläufen steht ausschließlich die Qualifikation der Bewerberin oder des Bewerbers im Mittelpunkt», heißt es in einem Papier der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), die das Projekt angestoßen hat. Leiterin Christine Lüders sagte der Bild-Zeitung: «Studien und Beratungsfälle belegen, dass Bewerbungen von Migranten, Müttern und über 50-Jährigen eher aussortiert werden. Das wollen wir verhindern.»

Eine der Studien, auf die sich Lüders beruft, zeigt durch einen Versuch mit Praktikumsstellen: Bewerber mit türkischen Namen erhielten bei gleicher Qualifikation 14 Prozent weniger positive Antworten als Bewerber mit deutschen Namen.

Und die Situation könnte noch schlimmer sein: «Gestützt durch die Erkenntnisse aus anderen Ländern deutet vieles darauf hin, dass die Diskriminierung im echten Berufsleben eher noch höher ausfällt als bei den Praktikantenstellen», sagt Ulf Rinne vom Instiut zur Zukunft der Arbeit, das die Untersuchung veröffentlicht hat und nun das deutsche Projekt mit vorbereitet. «Auch in vielen anderen Ländern wie Schweden, den USA, Großbritannien oder Frankreich gibt es Studien, die belegen, dass etwa ausländische Namen, weibliches Geschlecht und hohes Alter zu Nachteilen bei der Bewerbung führen», sagt Rinne.

Arbeitgeber kritisieren anoymisierte Bewerbungen

Skeptisch zeigt sich dagegen die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. «Anonymisierte Bewerbungen sind nicht praxistauglich. In den Unternehmen ist man da schon viel weiter», sagte Kristina Huke, Arbeitsrechtsexpertin der Verbände bei sueddeutsche.de. Der Vize-Chef der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Achim Dercks, sagte der Bild-Zeitung: «Bereits die schriftliche Bewerbung muss zentrale Informationen enthalten, denn die Unternehmen können nicht alle Bewerber zum Gespräch einladen.»

Der integrationspolitische Sprecher der FDP, Serkan Tören, glaubt deshalb auch nicht richtig an das Projekt. «Gut gemeint ist nicht gut gemacht», kritisiert er auf Anfrage von news.de. Die Unternehmen würden Methoden finden, um das Projekt auszuhebeln. Ob per Internetrecherche oder Kurzinterviews - die Personaler hätten genug Möglichkeiten, um Informationen bereits vor dem Bewerbungsgespräch herauszufiltern.

Auch Ulf Rinne weiß, dass es Punkte gibt, die gegen eine Anonymisierung sprechen. So nehme etwa der Arbeitsaufwand tendenziell zu: «Wenn etwa eine Sekretärin alle Angaben von Hand schwärzen müsste, wäre das bei einer großen Anzahl von Bewerbungen praktisch nicht umsetzbar.» Zugleich räumt er ein, dass selbst nach dem Schwärzen von Name, Adresse und Alter immer noch Rückschlüsse möglich sind.  «Zum Beispiel durch türkische oder polnische Sprachkenntnisse, über deren Anonymisierung man dann ebenfalls nachdenken sollte.»

Erhöhen sich wirklich die Chancen auf einen Job?

Vor diesem Hintergrund suche das Expertenteam nach einer umfangreichen Lösung. Weitere konkrete Ideen, mit denen die Schwachstellen ausgemerzt werden könnten, gibt es dem Vernehmen nach bereits. Verraten wird aber noch nichts. Am 24. August wollen sich Vertreter des Ministeriums, der Unternehmen und der Antidiskriminierungsstelle erst einmal treffen, um sich auf einen Starttermin im Herbst zu einigen.

Auch Ulf Rinne wird dabei sein. «Das Ziel ist es dann, die erste Stufe der Diskriminierung zu überwinden.» Spätestens im Vorstellungsgespräch bleibe der Bewerber zwar nicht mehr anonym, aber so bekomme er zumindest die Gelegenheit, sich persönlich zu präsentieren. «Und andere bewerben sich vielleicht sogar erst, wenn das Verfahren anonym ist», sagt Rinne.

Im Herbst 2011 soll das Projekt enden und ausgewertet werden. Was herauskommt, ist schwer vorherzusagen. Denn ähnliche Versuche in der Schweiz und den Niederlanden waren wenig aussagekräftig, in Frankreich ist ein Projekt noch nicht evaluiert.

Modellversuch zeigt: Frauen ja, Ausländer nein

So bleibt nur der Blick auf einen Modellversuch in Schweden mit Frauen und Migranten.  «Er hat gezeigt, dass mit einer Anonymisierung die Wahrscheinlichkeit für diese beiden Gruppen um acht Prozent steigt, zu einem Gespräch eingeladen zu werden», sagt Rinne. «Für Frauen hat dies auch dazu geführt, dass sich ihre Chancen, wirklich eingestellt zu werden, erhöht haben.» Allerdings nur für die Frauen. Nicht für die Menschen mit Migrationshintergrund.

Serkan Tören fordert deshalb einen Mentalitätswechsel. Zwar würden zunehmend Unternehmen mit internationaler Ausrichtung den Mehrwehrt ausländischer Arbeitnehmer erkennen, aber von einer echten Gleichberechtigung sei Deutschland noch weit entfernt. Dass man Unternehmen deswegen mit schärferen Gesetzen zu einem anderen Einstellungsverhalten zwingen sollte, hält der  FDP-Integrationexperte indes für keine gute Idee. «Diesen Wandel kann man nicht von oben verordnen», sagt er.

Stattdessen müssten freiwillige Initiativen wie die «Charta der VielfaltDie Charta der Vielfalt ist eine Erklärung von Unternehmen, in der sie sich zu einer respektvollen Unternehmenskultur und zur Anerkennung der gesellschaftlichen Vielfalt verpflichten. », bei der sich zurzeit 800 Firmen zusammengeschlossen haben, stärker gefördert werden. Die Erfahrung lehre, dass dadurch bereits viele Unternehmen und auch der öffentliche Dienst für das Problem sensibilisiert worden seien. Dieser Weg sei langwierig, aber Geduld zahle sich aus. «Ich appelliere an ausländische Bewerber, sich nicht entmutigen zu lassen», so Tören. «Ziel muss es sein, dass sie durch Eignung und die besonderen Kompetenzen, die sie durch ihre persönliche Geschichte und Herkunft mitbringen, schlussendlich überzeugen können.»

che/reu/news.de
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Ohne Namen und Foto: Anonym bewirbt sich's besser » Politik » Nachrichten

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Leserkommentare (15)
  • Kommentar: 15
  • 21.10.2010 23:55
von
Paka

Ich bin eindeutig für die anonyme Bewerbung, denn es zählt einzigst und alleine, was der Bewerber auf dem Kasten hat und nicht, wie er aussieht, heisst, herkommt oder wie alt er ist. Der gemeine Mensch ist nun mal zu emotional gesteuert und sortiert gerne mal aus, was ihm nicht passt, z.b. wenn ihm Gesicht oder Name nicht gefallen. Dem gehört ein Riegel vorgeschoben.

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  • Kommentar: 14
  • 07.10.2010 10:32
von
debema

Eine Bewerbung ist immer eine persönliche Offerte und keine Anonyme. Also mit allen Personenstandsdaten. Wer was Anderes will, meint etwas Anderes. Das Erscheinungsbild ist sehr wichtig für eine Bewerbung. Ich habe den Eindruck, das hier auch ein Rechtsbeistand den Bewerber vertreten soll bei einem Bewerbungsvorgang. Wäre für die Juristengarde ein neues Betätigungsfeld analog der HARTZIV-Steitereien.

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  • Kommentar: 13
  • 06.08.2010 16:53
von
RAGNAROEKR
Antwort auf Kommentar 11

Also kapiert haben Sie nicht, um was es geht. Wenn ich 6o Bewerber habe, dann diskriminiere ich 59, wenn ich einen wähle. Wo sitzt dann der Schwachsinn, im Gesetz oder in den Personalchefs? Wenn es verschiedene Menschen gibt, dann gibt es Gleichheit und Ungleichheit. Anders gewendet: Der einzelne Mensch darf und muss andere bejahen oder verneinen können, das liegt im Wesen und der Natur des Menschen. Und eine gesetzliche Missgeburt wie das AGG kann diese natürliche Begabung nicht zu einem Fehler machen. Und wenn darüber diskutiert wird, dann sagt R, weg mit diesem politischen Gesetzesdreck.

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  • Kommentar: 12
  • 06.08.2010 00:36
von
Monika

So einen Schwachsinn habe ich lange nicht mehr gelesen. Als Personalchef muß ich neben der Qualifikation auch wissen, ob der Bewerber in die Gruppe und seinem Umfeld paßt, also muß ich ggfs. auch das Alter berücksichtigen. Der Artikel beweist eigentlich nur, daß da Dilettanten am Werk sind, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben - und noch viel weniger vom Personalwesen.

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  • Kommentar: 11
  • 05.08.2010 18:28
von
JR
Antwort auf Kommentar 10

Wider schlechtes Beispiel, denn kein Unternehmer wird so blöd sein bei 60 Bewerbungen 59 mal Fehler zu machen,die ein Arbeitsgerichtsverfahren nach sich ziehen.Bei ihren Kommentaren scheint doch sehr, sich mit der eigenen Meinung einer gewissen Selbstbefriedigung zu unterziehen. Na,doch son bisschen krank?

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  • Kommentar: 10
  • 05.08.2010 08:38
von
RAGNAROEKR
Antwort auf Kommentar 7

Schon mal was vom Gleichstellungsgesetz gehört. Das war ein Beispiel für Bewerberauswahlt. Dieser Gesetzgeber hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, wenn er die Auswahl um Arbeitsstellen mit Geschlecht und geschlechtlicher Disposition, der Religion, des Herkommens, Alters,usw. verknüpft. Und ein Arbeitgeber hat etwas besseres zu tun, als bei 60 Bewerbern mit 59 vor das Arbeitsgericht zu ziehen,weil er diese Personen durch die Einstellung des einen Bewerbers diskriminiert hat. Etwas wacher beim Lesen von Gesetzestexten sein ist zu empfehlen, oder Anwalt von Diskriminierungsopfern werden!

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  • Kommentar: 9
  • 05.08.2010 05:14
von
Uschi
Antwort auf Kommentar 6

Schwule Dreher sind eigentlich seltener, meistens erlernen sie das Friseurhandwerk oder studieren etwas.

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  • Kommentar: 8
  • 05.08.2010 02:10
von
Uwe Hotze
Antwort auf Kommentar 7

Wieso? Schwule können sich doch auch anonym bewerben. Nur zum Vorstellungs-Gespräch müssen sie ihr Handtäschchen zu Hause lassen.

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  • Kommentar: 7
  • 04.08.2010 20:34
von
JR
Antwort auf Kommentar 6

Sind sie krank? Was hat schwul sein mit einer Bewerbung zu tun.

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  • Kommentar: 6
  • 04.08.2010 17:26
von
RAGNAROEKR

Habe den Bericht noch einmal durchlesen müssen. Geht es eigentlich noch bescheuerter. Wissen die Politiker eigentlich nicht, was Bewerbungen kosten. Irgend wie kommt es einem vor, dass wir im Kindergarten sind und beschäftigt werden sollen. Stoppt den politischen Schwachsinn jetzt! Kein Mensch sucht einen Schwulen,wenn er Hetero ist und einen Dreher braucht. Politiker scheinen nur Sex im Kopf zu haben, es sei denn, sie sind behindert.

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  • Kommentar: 5
  • 04.08.2010 16:25
von
totalbeschert

Ich stell doch Niemanden ein der nicht mal in der Lage ist mir seinen Namen zu nennen, oder seine Muttersprache. So etwas landet gleich im Papierkorb. Alles klar?

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  • Kommentar: 4
  • 04.08.2010 16:21
von
Frank Schusterbach

also auch wenn ich selbst keiner bin denke ich das ein personalleiter lieber mit fakten arbeitet als das er die "katze im sack kauft", ich finde es gut das sich keine deutschen firmen dafür begeistern konnten, tja frau schröder nur die sachen anderer kopieren bringts nicht immer auch wenn die usa so toll erscheinen und es bei ihnen scheinbar seit 1960 so funktioniert muss das für uns nicht gelten

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  • Kommentar: 3
  • 04.08.2010 13:54
von
RAGNAROEKR

Bürokratien, die sich um asoziale Gedankengebäude wie der Gleichschaltung aller Menschen, jetzt Antidiskriminierung genannt, verdient machen, gehören eingestampft. Sie verraten nämlich in durchaus faschistischer Art und Weise die menschlichen Unterschiede und die Reaktion auf diese, Charakterausbildung genannt. Auch die sozialen und wirtschaftlichen Denkgesetze werden auf den Kopf gestellt. Im Übrigen darf das Individuum diskriminieren.Wer wählt denn z.B.seinen Sexualpartner nach dem Gegenteil seiner Vorstellungen aus?Diese Gleichschaltungspolitik ist niederträchtig. R diskriminiert sie!

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  • Kommentar: 2
  • 04.08.2010 13:09
von
Gerhard Hoppe

Wer denkt sich einen solchen Schwachsinn bloß aus! Na, selbst wenn anonyme Bewerber denn mal eingeladen werden sollten -was äußerst fraglich ist- bekommen sie ihre "Abfuhr" halt hinterher. Vielleicht mal vor dem Sprechen bzw. Schreiben das Gehirn einschalten. Wir leben nun mal heute in einem Land voller Vorurteile und darin ist für bestimmte Völkergruppen und Leute über 50 -betreffs der Jobs- kein Platz mehr vorgesehen. Es ist äußerst traurig und beschämend, was in einem so hoch zivilisierten Land wie Deutschland abgeht. Ich könnte hier noch stundenlang schreiben, aber..... ich wünsche allen Bürgern noch einen schönen Tag!

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  • Kommentar: 1
  • 04.08.2010 12:40
von
Christian Kraus

Also- "unbekannt" bewirbt sich besser? Ein größeren Blödsinn habe ich noch nicht gelesen. Als Ausbilder mit 50- jähriger Ausbilderpraxis muß ich da nur den Kopf schütteln! Selbst wenn der Bewerber für eine Stelle-egal ob alt od.unqualizifiert erscheint, muß ich doch-bevor es zu einem vier Augengespräch kommt - an Hand der eingereichten Unterlagen zu einer Vorentscheidung kommen.Fehlendes Geburtsdatum/keine Altersangabe? dies ist schon aus jedem Zeugnis herauszulesen...ausländische Herkunft? sehe ich spätestens Einstellungsgespräch..mir bei zählen nur:Paßt BewerberIn in den Betrieb...

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