Rechtsextremismus
Wenn der Nazi die Kinder erzieht

Vom Sportverein bis zur Feuerwehr - seit Jahren unterwandern deutsche Neonazis gesellschaftliche Organisationen. Selbst vor Kindergärten schrecken die braunen Genossen nicht zurück. News.de zeigt in einem Überblick, wo die Rechtsextremen unauffällig eindringen.

Selbst vor den Kindern machen sie nicht halt: Immer öfter versuchen Neonazis, Kindergärten zu unterwandern. Bild: dpa

Gerüchte gab es in Bartow schon länger. Deshalb fasste sich der Bürgermeister des mecklenburgischen Dorfs ein Herz und fragte nach: Ob er Sympathisant der rechtsextremen NPD sei, wollte Dieter Karstädt von dem Mann wissen, der sich um die Trägerschaft des örtlichen Kindergartens beworben hatte. Weil er ein «Ja» zu hören bekam, lehnte das Stadtoberhaupt jedes weitere Gespräch ab. «Da waren wir uns alle einig: mit denen nicht», sagte er der Süddeutschen Zeitung. «Zu Weihnachten hätten wir sonst gehört: So sozial ist die NPD.»

Die Geschichte ist im Nordosten kein Einzefall. Bereits vier ähnliche Versuche der rechtsextreme Szene, ihre Gesinnungsgenossen als Erzieher in die Kindergärten zu schicken, wurden allein in Mecklenburg-Vorpommern registriert. Experten befürchten, dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt. Denn nicht überall gibt es Warnungen und beherztes Eingreifen wie in Bartow.

FOTOS: Rechtsextremismus Die braune Gefahr

Fest steht: Seit Jahren rufen die NPD und die rechtsextremen Kameradschaften unter dem Slogan «Raus aus den Hinterzimmern» aktiv ihre Mitglieder dazu auf, sich in Vereinen und sozialen Organisationen breit zu machen oder alternative Freizeitangebote für Jugendliche zu schaffen. Wie news.de kürzlich berichtete, spielt ihnen dabei gerade die finanziell angespannte Lage in den Kommunen in die Hände.

In Mecklenburg-Vorpommern hat man reagiert. Dem jüngsten Treiben der Neonazis in den Kitas setzte Landessozialministerin Manuela Schwesig (SPD) einen Radikalenerlass entgegen. Demnach müssen künftig alle Träger, Erzieher und Mitarbeiter eine Erklärung abgeben, dass sie auf dem Boden der Verfassung stehen. Nur wer sich strikt daran hält, bekommt eine Zulassung.

Inwiefern solche Konzepte tragen, bleibt abzuwarten. Außerdem ist das Problem damit alleine nicht gelöst. Denn die Rechtsradikalen agieren mittlerweile auch auf anderen Feldern, wie der news.de-Überblick zeigt.

Lesen Sie auf Seite zwei, wo die Nazis noch ihr Unwesen treiben

Sportvereine

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kann unter seinem Präsidenten Theo Zwanziger im Kampf gegen den Rassismus zumindest in den großen Stadien eine ordentliche Bilanz vorlegen. Das Problem liegt vielmehr auf der Landesebene, sagt Christoph Ruf, Autor des Buches In der NPD: Reisen in die National Befreite Zone. «Der Sächsische Fußball-Bund etwa duckt sich vor dem Problem Rechtsextremismus viel zu oft weg», sagt der Rechtsextremismusexperte. «Dort müsste man agieren und nicht immer nur reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.»

So kommt es immer wieder zu Problemen mit Rechtsextremen in den unterklassigen Vereinen. Erst am Montag berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk über einen Fußballverein in Laucha in Sachsen-Anhalt. Dort ist ein NPD-Anhänger als Trainer aktiv - auch in der Kinderabteilung. Als bekannt wurde, dass einer seiner erwachsenen Spieler einen israelischen Jugendlichen überfallen und misshandelt haben soll, forderte der Deutsche Olympische Sportbund die Entlassung des Trainers. Der Verein kam dem jedoch zuerst einmal nicht nach. Nun fordert auch Sachsen-Anhalts Innenminister den Verein auf, sich von seinem Trainer zu trennen.

Und was ist zu tun, wenn man als Spieler oder Trainer in Fußball- und Sportvereinen auf Rechtsextreme trifft? «Druck machen», rät Ruf. «Zum Vorstand gehen und sagen: ‹Seid nicht naiv, tut nicht so, als wäre das Privatsache›.»

 

Gerichte

Im Sommer 2009 berichtete das ARD-Magazin Fakt, die rechtsextreme NPD versuche erfolgreich, ihre Anhänger als Schöffen in Gerichten zu platzieren. In einem Aufruf, der vom sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel unterzeichnet wurde, hieß es, als ehrenamtlicher Richter könne man «das gesunde Volksempfinden in die Urteilsfindung einfließen» lassen. Damit könne «ein höheres Strafmaß etwa gegen kriminelle Ausländer und linksradikale Gewalttäter» durchgesetzt werden.

Bis heute ist eine NPD-Anhängerin Hilfsschöffin beim Amtsgericht Riesa. Ob es allerdings weitere Rechtsextreme in eine solche Position geschafft haben, ist ungewiss. Das sächsische Justizministerium verweist darauf, dass nur dieser eine Fall bekannt sei. Das Bundesjustizministerium will nach Informationen von news.de noch im Sommer einen Gesetzesentwurf präsentieren, der die Entlassung von Schöffen an Strafgerichten möglich macht, die eine verfassungsfeindliche Einstellung zeigen.

 

Freiwillige Feuerwehr

Die Unterwanderung von Freiwilligen Feuerwehren gehört mittlerweile schon zu den Klassikern. Wie viele der 17.000 Jugendfeuerwehren in Deutschland mit dem Problem zu kämpfen haben, weiß niemand so genau. «Aber man kann es nicht schönreden, rechtsextreme Fälle gibt es vielerorts», bestätigte bereits vor Wochen der Landesjugendfeuerwehrwart aus Mecklenburg-Vorpommern, Michael Schlichting, im Gespräch mit news.de. Gerade weil die örtliche Feuerwehr in strukturschwachen Regionen oftmals noch die einzigen Anlaufstellen für Jugendliche sind, haben die Neonazis hier leichtes Spiel.

Weil das Problem nach allgemeiner Einschätzung schon große Ausmaße angenommen hat, wurden bereits Gegenmaßnahmen eingeleitet. In sechs Bundesländern läuft das Programm «Jugendfeuerwehren - strukturfit für die Demokratie». Gerade der jugendliche Führungsnachwuchs soll im Rahmen dieses Projekts im Umgang mit Rechtsradikalen geschult werden.

jek/news.de

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12 Kommentare
  • vnz

    21.09.2011 15:57

    Ob Links oder Rechts, beides Dreck. Ich bin die ewige, monotone Hetzte gegen Rechts leid, dabei werden die Linken außeracht gelassen und können gemütlich ihr Extremistisches Gedankengut unter die Leute bringen. Bravo Deutschland, beschränk dich auf 1/2 der Extremisten und lass die andere Hälfte wachsen. Welch ein Saustall dieses Land doch ist, es schimpft sich Demokratie... aber unterstützt Linksextremismus und rühmt sich dafür auch noch?

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  • Ellipirelli

    08.07.2011 12:25

    Immer wenn die Politiker Mist bauen und von sich ablenken wollen,fachen sie einen neuen Meinungsstreit gegen "rechts" an.Und da die meisten ja schön mainstream-gesteuert sind,merken sie nicht(oder wollen nicht merken),was da gespielt wird. Das Schlimmste in unserem Land sind unsere derzeitigen POLITIKER,und zwar durch die Bank weg ALLE! Damit das "gemeine Fußvolk " dagegen nicht auf die Strasse geht und rebelliert,werden die "Rechten" wieder vorgekramt und wie eine Sau durchs Dorf gejagt. Ach ja,wen stört es aber,daß die Migrantenquote bei den Kindergärtnerinnen erhöht werden soll..?

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  • Dear

    06.07.2011 13:28

    Antwort auf Kommentar 9

    Wenn man so dafür ist das den Kindern deutsche Tugenden anerzogen werden, dann sollte man Tugenden wenigstens richtig schreiben!

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