Gummibärchen für den Freiherrn
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Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Burg
Artikel vom 30.07.2010
Der Afghanistan-Einsatz und die Bundeswehrreform werden Thema Nummer eins im politischen Herbst. Bombeneinschläge muss Verteidigungsminister zu Guttenberg schon jetzt verkraften. Er versucht, sich in Sicherheit zu bringen - an ungewohnter Stelle.
Der Mann, den sie auf den Fluren des Verteidigungsministeriums einfach nur KT nennen, hat etwas Staub im Auge. Kein Wunder, Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sieht sich gerade auf einem Sand-Rasen-Stück in einer Waldlichtung eine Übung der Truppe an. Obwohl kaum etwas zu erkennnen ist, so viel Staub wirbelt durch die Luft. Zum Glück erklärt ein Rekrut per Mikrofon, was vor KT passiert. Im Staub tummeln sich Teile des Logistikregiments 17.
Der Minister befindet sich in Deutschland - und in Sicherheit. Der vorgegebene Abstand zur Übung stimmt. Falls mal ein Seil reißt. Die Soldaten des Regiments trainieren für ihren Einsatz. Ein Siebentonner liegt umgekippt im Sand. Er muss mit Seilwinden aufgerichtet werden. Acht Soldaten beschützen mit dem Gewehr in der Hand die Szenerie. Es sind Männer, die sich in Burg (Sachsen-Anhalt) auf ihren Einsatz in Afghanistan vorbereiten und die Bergung von Gerät proben. Eine typische Sache also.
Nicht ganz. Denn wenn den Ausführungen des Wehrbeauftragten Hellmut Köningshaus (FDP) Glauben zu schenken ist, gibt es ein gravierendes Problem. Der Truppe fehlt in der Heimat das Gerät, mit dem sie später im Einsatz konfrontiert wird. Es ist ungefähr so, als ob ein Tischler an einer Laubsäge ausgebildet wird und dann mit der Kettensäge arbeiten darf. Das ist nicht die einzige Kritik am Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch. Um KT wimmelt es nur so von Menschen, die den Zeigefinger mahnend in die Luft heben.
Der Grüne Hans-Christian Ströbele etwa will nach dem Auftauchen von mehr als 90.000 geheimen Akten erkennen, dass die Opposition nicht ausreichend über das Kriegsgeschehen informiert wurde. Die Linken sind eh alle gegen den Krieg, die SPD stellt den Einsatz in Afghanistan bereits in Frage. Aber auch aus den eigenen Reihen haben sich Schützen eingeschossen. Aus der Deckung ist unter anderem bereits Sachsens Minsterpräsident Stanislaw Tillich (CDU) gekommen, der die anstehende Bundeswehrreform kritisiert.
KT-Gerede klingt fast wie eine Drohnung
Im Staub vor KT liegt auch Soldat Klaus Bretschneider. Er ist 28 Jahre alt, seit sechs Jahren beim Bund und steht nun vor seinem ersten Afghanistan-Einsatz. Bretschneider hat eine schusssichere Weste an und sich eine Pistole vor die Brust geschnallt. Am 1. November fliegt er mit seinen Kameraden nach Masar-i-Sharif. Er geht mit «gemischten Gefühlen». «Ich habe Respekt und potenzielle Angst», sagt er. Es klingt ein bisschen anklagend, besonders weil KT nicht weit von ihm entfernt steht.
Doch KT geht den Soldaten nicht aus dem Weg. Im Gegenteil. Es scheint so, als ob er in den Gefilden der Truppe Deckung sucht. Das konnte bisher noch bei keinem Verteidigungsminister beobachtet werden. KT hat gleich nach seinem Amtsantritt eine Besuchsrunde absolviert, das ist üblich. Jetzt fliegt er mit seinem weißen Hubschrauber der Luftwaffe während seiner Sommerreise Stützpunkte an. Für ein Vier-Augengespräch mit dem Kommandeur sind fünf Minuten eingeplant, für Gespräche mit Soldaten allerdings eine halbe Stunde.
«Ich möchte offen mit Ihnen reden», sagt zu Guttenberg. Und auch wenn er mehr geschlossene als offene Fragen stellt, erfährt KT von den Soldaten einiges. Einer wünscht sich zum Beipiel an der Ausrüstung eine Hosentasche mehr. Ein anderer erzählt, dass zwar genug Munition da ist, sie aber für das Maschinengewehr erst noch gegurtet werden muss. Aha. Es sind Kleinigkeiten. Vielleicht kann sich ein Minister nicht alles merken, vielleicht können diese Dinge aber auch von den großen Problemen etwas ablenken.
KT fühlt sich wohl in der Truppe und die Truppe mag ihren neuen Chef. Die Soldaten haben ihm sogar extra eine Schüssel mit Gummibärchen an seinen Platz gestellt. Die Armee steht hinter ihm und genau das könnte sich in der politischen Auseinandersetzung bald bezahlt machen. Auch wenn es schon fast wie eine Drohung klingt, was KT den Männern mit auf den Weg in den Einsatz gibt: «Ich unterstütze sie da unten, sie werden mich nicht los.» Dann reibt er sich den Staub aus dem Auge und blickt auch etwas sorgenvoll in den Himmel.
«Ich wünsche Ihnen Gottes Segen.»
ped/reu/news.de
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