Afghanistan-Akten Die Suche nach dem Maulwurf

Wer hat Wikileaks die Afghanistan-Akten zugespielt? Fieberhaft sucht das US-amerikanische Verteidigungsministerium nach dem Leck und hat dabei alte Bekannte im Visier. Der Druck auf Präsident Obama wächst.

Geheimakten: Afghanistan-Krieg immer gefährlicher (Foto)
Blick auf die Internetseite Wikileaks: Eine Sammlung von 90 000 überwiegend geheimen Afghanistan-Militärdokumenten offenbart das Wiedererstarken der Taliban im Krieg gegen die ISAF-Schutztruppe. Bild: dpa

Das Weiße Haus war vorgewarnt. Schon vorige Woche wusste Präsident Barack Obama, dass die Veröffentlichung der teils geheimen Militärdokumente zum Afghanistan-Krieg kommen würde, räumt sein Sprecher Robert Gibbs ein. Verhindern konnte Washington sie nicht. Dass die mehr als 90.000 Akten im Internet ans Licht kamen, löste in der Regierung von Präsident Barack Obama zweifellos Schock und Wut aus - allerdings weniger wegen der Inhalte, die sie im wesentlichen als bereits bekannt bezeichnete.

«Die Dokumente offenbaren keine Sachverhalte, die nicht schon Teil der öffentlichen Diskussion über Afghanistan waren», sagte auch Präsident Obama in Washington.

Alte Bekannte im Visier

«Neu und beispiellos sind Ausmaß und Umfang dieses Lecks», gesteht Pentagon-Sprecher Geoff Morrell offen ein. Es scheint die Furcht davor zu wachsen, was sonst noch alles an geheimen Dokumenten den Weg an die Öffentlichkeit finden könnte. Fieberhaft sucht das Verteidigungsministerium nun nach der undichten Stelle - und hat dabei einen alten Bekannten im Visier.

Militärermittler durchforsten nach einem Bericht des Wall Street Journal bereits Computer des Obergefreiten Bradley Manning, einem Analysten von Geheimdienstmaterial des US-Heeres. Er ist bereits wegen eines anderen Informationslecks angeklagt, und vermutlich geht es dabei um die Wikileaks-Veröffentlichung von drastischen Videoaufnahmen einer tödlichen US-Hubschrauberattacke im Irak, mit dem die Enthüllungs-Webseite im April für Aufsehen sorgte. Manning sei eine «Person von Interesse» in den Ermittlungen, sagte Pentagon- Sprecher Dave Lapan dem Blatt.

10 Jahre alter Konflikt in grellem Schlaglicht

Militär- und Geheimdienstexperten halten es für gut möglich, dass die Dokumenten aus einem Computersystem der Streitkräfte mit Namen SIPRNet (Secret Internet Protocol Router Network) abgezweigt wurden. Es sei vor allem dazu da, «das Tagesgeschäft» von Militäroperationen in Afghanistan abzuwickeln, erläutert der Zeitung ein früherer Geheimdienstmitarbeiter. Entsprechend könnte eine große Zahl von Personen an vielen verschiedenen Orten Zugang zu den Daten gehabt haben. Hochgeheime Informationen seien in dem System jedoch nicht im Umlauf, sondern vielmehr «unbewiesenes, ungeprüftes» Material.

Was nicht heißt, dass die Wikileaks-Veröffentlichung keinen Schaden zur Folge haben könnte, für Präsident Obama und den Krieg in Afghanistan. Die Dokumente tauchen den beinahe zehn Jahre alten Konflikt erneut in ein grelles Schlaglicht - gerade einen Monat nachdem sich Afghanistan-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal, vor wenigen Monate noch als Hoffnungsträger gefeiert, durch ein Porträt mit allzu offenen Äußerungen über die politischen Verantwortlichen im US-Magazin Rolling Stone selbst aus dem Amt katapultierte. Schon dieser Skandal kam zur Unzeit: Kurz zuvor musste eine für den Sommer geplante Offensive zur Vertreibung der Taliban aus der südafghanischen Provinz Kandahar verschoben werden.

Blauäugige Frist?

Für Obama tickt immer hörbarer die Uhr: Schon im Juli 2011 will er mit dem Truppenabzug aus Afghanistan beginnen. US-Medien stellen in jüngsten Zeit jedoch immer häufiger die Frage, ob diese selbst gesetzte Frist nicht viel zu blauäugig ist.

Die jetzt ans Licht gekommenen Akten «verstärken den Druck auf Präsident Obama, seine Kriegsstrategie zu verteidigen», so die New York Times. «Wir wissen nicht, wie wir reagieren sollen», sagte ein frustrierter Regierungsmitarbeiter. «Die Sache sorgt offensichtlich beim Kongress und in der Öffentlichkeit für schlechte Stimmung.»

Für die Kriegs-Kritiker aus Obamas eigenen Reihen ist das Material durchaus Wasser auf die Mühlen. «Diese Dokumente unterstreichen, was wir schon wissen», meinte der demokratische Senator und Gegner der Konflikts am Hindukusch, Russ Feingold: «Die Politik, die wir sowohl unter der Bush - wie auch unter der Obama-Regierung in der Region verfolgen, basiert auf einer zutiefst fehlerhaften Strategie.» Kein Zweifel: Wikileaks macht für Obama das Regieren nicht einfacher.

cvd/news.de/dpa

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • tommy
  • Kommentar 1
  • 30.07.2010 20:35

Diskutieren Sie mit und kommentieren Sie den Artikel Afghanistan-Akten : Die Suche nach dem Maulwurf.Alle Kriegsverbrecher sollten irgenwann mal selber dran sein. Gott will es.

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