Schulreform Eine vertane Chance

Während in Finnland fast alle Schüler die mittlere Reife machen, verlassen in Deutschland viele jung (Foto)
Während in Finnland fast alle Schüler die mittlere Reife machen, verlassen in Deutschland viele junge Menschen die Schule sogar ohne einen Hauptabschluss. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Herbert Mackert
Hauptschule und Realschule in Bayern, Sekundarschule in Thüringen oder Gesamtschule in Hessen: Deutschlands Schulsystem gleicht einem Flickenteppich. Nach dem Volksentscheid in Hamburg wird das auch so bleiben. Schade.

Hamburgs Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL) war tief enttäuscht über das Scheitern der von allen Senatsparteien unterstützten sechsjährigen Primarschule. «Jedes Kind ist ein Unikat», betonte sie. Vor allem meinte sie damit: Es ist auch ein Unikat in seiner Entwicklung. Da gibt es die früh geförderten Kinder aus den Lehrer- und Ärztefamilien und die aus schwierigen und instabilen Familien, die Migrantenkinder, die Deutsch erst während der Grundschulzeit lernen, dann die Schnellbegreifer und die Spätzünder. Alle sind sie Unikate - aber vor allem auch Talente.

Die mit dem Volksentscheid nun für mindestens zehn Jahre verhinderte Schulreform hätte nicht nur ein längeres gemeinsames Lernen bedeutet, damit möglichst jedes Talent sich entfalten kann. Sie wäre auch die Chance auf den Einstieg in ein einheitliches, vergleichbares Schulsystem in Deutschland gewesen. Die deutsche Kleinstaaterei in der Bildung - nirgends ist sie ungerechter als in den ersten Jahren der Schullaufbahn.

In Bayern werden Kinder inzwischen mit fünf eingeschult, die Entscheidung, ob der Nachwuchs es ans Gymnasium schafft oder in die Hauptschule muss, fällt schon mit acht. Fast allen europäischen Ländern ist diese frühe Trennung von Kindern fremd. Im PisaDie Bildungsstudie der OECD ist eine internationale Schulleistungsuntersuchung, die in dreijährigem Turnus durchgeführt werden. Darin werden alltags- und berufsrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten von 15-Jährigen gemessen. -Sieger-Land Finnland durchlaufen alle Schüler eine neunjährige Gesamtschule, ehe sie sich für die gymnasiale Oberstufe oder eine Berufsausbildung bewerben.

Gleichheit der Bildungswege als Prinzip


Ziemlich vieles machen die Skandinavier ziemlich anders als wir Deutschen, die Gleichheit der Bildungswege gilt als geheiligtes Prinzip. Im Alter von sieben Jahren kommen die kleinen Finnen auf die Gesamtschule, in der sie den ganzen Tag verbringen, das kostenlose Mittagessen ebenso inklusive wie Sport und Musikunterricht oder, falls nötig, Nachhilfestunden vom Lehrer.

Die ersten sechs Jahre zählen als Grundstufe, in denen der Klassenlehrer die zentrale Rolle spielt und fast alle Fächer selbst unterrichtet. Nach weiteren drei Jahren erreichen die Schüler den ersten Abschluss, danach erst trennen sich ihre Wege. Das Abitur erlangen sie drei Jahre später in einer landesweiten Zentralprüfung. Der Leistungsdruck beginnt erst in den höheren Klassen, Noten in Ziffern sind ab Klasse 7 Pflicht, können allerdings schon früher gegeben werden.

Selbst konservative CSU-Politiker, die sonst eisern das dreigliedrige Schulsystem in Bayern verteidigen, erkennen inzwischen, dass keiner aus dem Bildungssystem fallen darf, dass künftig jeder gebraucht wird, um die Arbeit von morgen zu schaffen.

Kulturhoheit der Länder in allen Ehren - wenn es um die Startchancen der nächsten Generation ins Leben geht, darf es keine Verlierer, keine hoffnungslosen Fälle mehr geben. «Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft hängt davon ab, dass auch sozial Benachteiligte und Menschen mit Migrationshintergrund bessere Bildungschancen bekommen», heißt es im nationalen Bildungsbericht 2010. Deutschland kann es sich nicht leisten, dass noch immer sieben Prozent der Jugendlichen die Schule ohne jeden Abschluss verlassen.

che/ivb/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Arsch
  • Kommentar 2
  • 20.07.2010 16:04
Antwort auf Kommentar 1

Blödsinn, Wahlbeteiligung mau und die Befürworter des Dreigliedrigen Systems sind halt nachweislich aus den nördlichen, finanzstarken Stadtteilen Hamburgs. Sie wollen halt unter sich bleiben.Leute wie Ole von Beust wollten sich nicht nur mit den fdp-Finanzmatratzen in die Hotelbetten legen,sondern anderen Parteien öffnen.Pech,nun hat das"wählerdumm Bürgerdumm"die fdp und cdu im Bund gewählt und nun hauen alle Landesfürsten ab oder werden nun vom betrogenem"Bürgerdumm"wieder abgewählt,wie Rüttgers.Böhmer ist auf Abschiedsreine und Harry Carstensen folgt,wetten!Die fdp ist sowieso AD, 3 Prozent!

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  • Jakester
  • Kommentar 1
  • 19.07.2010 17:52

Das kommt davon wenn elitaere Minderheiten dem Rest der Bevoelkerung schon in der fruehesten Basis keinerlei Chancengleichheit einrauemen wollen. Dass diese aggressiv'elitaere Propaganda vermag, die durchschnittlich'buergerliche Mehrheit zu verunsichern, .. gar einzuschuechtern, wird mit dem Volksentscheid in Hamburg mehr als deutlich. Da konnte/wollte eine Mehrheit Betroffener nicht einmal die einwandfreie Chance einer Aus'Wahl zu ihrem gerechten 'Vorteil wahrnehmen. ... Hierzu nur ein Musterbeispiel, wie extrem noetigend elitaere Minderheit gegen die Masse agitiert. http://www.youtube.com/watch?v=2jAI0hzDZuc&feature=related

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