So., 12.02.12

Humor und Politik Wo hört der Spaß auf?

Von news.de-Redakteur Björn Menzel

Artikel vom 08.07.2010

Das schlüpfrige Bild von einer halbnackten Angela Merkel, Toilettenpapier aus Sandpapier und eine Partei, die die Mauer wieder aufbaut. Darf Satire eigentlich alles? Eine Ausstellung hat sich mit der Frage beschäftigt und ist auf dem besten Weg, eine Antwort zu finden.

Vielleicht gibt es jetzt endlich eine zufriedenstellende Antwort. Die Frage ist ja schon so alt. Und noch immer gibt es keine Antwort. Der Fragesteller gehört mindestens ein Jahr eingesperrt. In den Bundestag, oder so. Doch das geht leider nicht mehr. Er ist der Zumutung bereits entgangen. Durch seinen Tod im Jahre 1935. Kurt Tucholsky ließ uns mit der Frage allein zurück. «Was darf Satire?» Denn an seiner eigenen Antwort, nämlich «Alles», hat er am Ende selbst gezweifelt.

Greifen wir die Frage also wieder auf. Dieses Mal macht es das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig (Sachsen). Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist während des Wahlkampfes zur Bundestagswahl im September durch die Räume gerannt. Sie hatte wenig bis gar keine Zeit. Keine zwei Meter hinter ihr lief die Figur, die da immer hinter Merkel läuft und grinst: Ronald Pofalla (CDU). Es ist anzunehmen, dass den Machern der Ausstellung in diesem Moment die Idee zum Thema kam. Humor und Politik. Da war doch was. Man sollte lachen, wenn es nicht zum Weinen reicht.

Versuchen wir es im Fahrstuhl. Ein Ort, der nicht für ausgiebiges Lachen bekannt ist. Die Ausstellung befindet sich in der dritten Etage. Es dudelt keine gemafreie Fahrstuhlmusik, sondern Witze. Die sind auch gemafrei, manchmal auch witzfrei. Das ist das Dumme daran. «Warum muss in einem DDR-Fleischer immer mindestens eine Wurst im Schaufenster hängen? Weil der Laden nicht wie ein Fliesenfachgeschäft aussehen darf.» Da ist noch Potenzial nach oben. Der Fahrstuhl fährt. Und noch ein DDR-Witz beginnt, die Pointe gibt es erst beim Runterfahren.

Ein ganz doller Witzesammler war Egon Strauch. Er hat zwischen 1953 und 1988 mehr als 400.000 aus Zeitungen ausgeschnitten und archiviert. Seine 200 Ordner stehen in der Ausstellung. Ob er selbst ein Lustiger war, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall muss er viel Zeit gehabt haben - und Angst vor der Stasi. Egon Strauch sammelte nur unpolitische Witze. Politik und Humor haben sich in der DDR nicht so vertragen. Die Stasi kannte keinen Spaß. Sie verbot ausgewählte Kabarettprogramme, sie verhaftete lustige Menschen sogar und verfolgte sie. Kein Witz. Die Kehrseite: Manche Kabarettisten waren so sehr von der Stasi begeistert, dass sie bald selbst mitmachen wollten.

Heute treffen sich Politik und Humor schonmal auf einer Ebene. Was wäre die Wahl zum Bundespräsidenten in der vorigen Woche ohne die Sprüche des lustigen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) gewesen? Doch nicht mehr als eine der immer gleichlautenden Regierungserklärungen von Angela Merkel. Wie oft will sie uns die Regierung eigentlich noch erklären? Egal. Norbert jedenfalls eröffnete das Büffet und merkte an, es handle sich um eine «nicht unproblematische Innovation» im parlamentarischen Prozedere. «Ich hoffe, dass Sie bei der Befriedigung ihrer kulinarischen Bedürfnisse nicht ihre Stimmabgabe aus dem Auge verlieren.»

Satire die niemandem weh tut. Das behrrscht auch Mario Barth. Er tut so wenigen weh, dass fast alle sein Programm sehen wollen. Einmal, im Berliner Olympiastadion, waren es fast 70.000 Menschen gleichzeitig. «Was will man mehr?», lautet darauf die Frage von Loriot. Stimmt. In einer Zeit, in der Satire eh alles macht, kann es nur darum gehen. Eine Werbeanzeige mit einer halbnackten Angela Merkel, da guckt doch schon keiner mehr hin. Wer will das auch wirklich sehen? Anecken ist damit schwierig. Auch die politische Aussage tendiert gegen Null.

Unsere Witzvorfahren waren da noch aus ganz anderem Holz geschnitzt. Die Rolle Klopapier lässt den Besucher der Humor-und-Politik-Ausstellung schmerzlich genau daran denken. Sie besteht aus Sandpapier, dem mit den ganz groben Körnern. Der Macher hat damit auf die Beschaffenheit des Materials von DDR-Klopapier hingewiesen. Muss sehr hart gewesen sein. Ja, das war ein Politikum. Und nicht gern gesehen. Ebenso der nur 20 Zentimeter breite Stuhl, der auf die Wohnraumknappheit im Arbeiter- und Bauernstaat hinwies. Natürlich war die Exportausführung in herkömmlichen Abmessungen lieferbar.

Mit solch simpel scheinenden Aktionen kommt heute keiner mehr beim Lachvolk an. Es muss knallen oder nerven oder Aufsehen erregen. Wie die Partei, die einfach nur die Partei heißt und von Mitgliedern des Satiremagazins Titanic gegründet wurde. Die Partei hat ja immer recht. 2004 zum Beispiel, da baute sie an der Grenze zwischen Deutschland die Mauer einfach wieder auf. Ob es mehr Befürworter als Gegner gab, ist nicht bekannt. Ein politisches Statement war es allemal. Aber hat diese Satire Grenzen überschritten, nur weil sie eine Grenze wieder herstellte?

Darf Satire alles? Für «Ja» oder für «Nein» müssen sich die Besucher der Ausstellung gleich am Eingang entscheiden. Am Ausgang dann das Resultat. Aktuell steht es bei Ja gegen Nein, 8718 : 7896. Eine eindeutige Antwort sieht anders aus.

Die Ausstellung «Spaß beiseite, Humor und Politik in Deutschland» ist im Leipziger Zeitgeschichtlichen Forum noch bis zum 24. Oktober zu sehen. Ein Tritt frei. Falsch: Eintritt frei.

iwe/ivb/news.de
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 08.07.2010 16:43
von
RAGNAROEKR

Satire darf alles, wenn sie ihre Grenzen nicht überschreitet. Beispiel für einen Bruch: Ein Satiriker beseitigt den unverdenklichen RAGNAROEKR mittels Kritik seiner Pistole. Niemand darf dieses Horrorszenario Realsatire nennen. Da hört jeder Spass auf.

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  • Kommentar: 1
  • 08.07.2010 15:38
von
International

Ja, Satire darf alles!! Das steht fest, wenn man sich einig darüber wird, WAS SATIRE IST! Der im Artikel angesprochene Mario Barth macht keine Satire. Der macht "Comedy" auf neudeutsch. Comedy darf eindeutig nicht alles!! Was ist Satire? 2 wesentliche Merkmale von Satire sind : Sie ist hintergründig (d.h. Sie hat eine gewisse Intelligenz und Tiefe) und Sie ist politisch (mindestens aber gesellschaftskritisch). Ist dies einmal so allgemein festgestellt, darf Satire alles! Denn die zwei o.g. Merkmale schließen praktisch aus: Dummheit, Plumpheit, Witz vordergründig auf Kosten anderer!

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