Wie im Roman Moskaus Maulwürfe im US-Vorstadtidyll

Agenten (Foto)
Eine Gerichtszeichnung vom Montag aus einem New Yorker Gericht zeigt einige der mutmaßlichen Agenten, denen Spionage für Russland vorgeworfen wird. Bild: ap

Von Frank Brandmaier & Ulf Mauder
Ihre Nachbarn fielen aus allen Wolken, als die FBI-Fahnder kamen. Nach außen schien die Tarnung der mutmaßlichen Moskauer Spione in den USA perfekt. Auch Deutschland und Frankreich sehen die Aktivitäten russischer Agenten mit Sorge. Russland ist erbost.

Tom Clancy, Meister des Spionageschmökers, hätte es nicht besser erfinden können: Agenten tauschen in einem belebten Bahnhof im Vorbeigehen blitzschnell identische Taschen aus. Geheime Botschaften werden in unsichtbarer Tinte verfasst und verschlüsselt ins Internet gestellt. Derweil wartet Geld-Nachschub aus Moskau vergraben in einem Feld irgendwo im Staate New York. Glaubt man der US-Justiz, kann Russland auch zwei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges nicht von alter Geheimdienstgewohnheit lassen und setzt weiter massiv Maulwürfe auf die USA an. Drohen nach der Festnahme von elf mutmaßlichen Moskauer Agenten die gerade wieder wärmeren Beziehungen nun wieder drastisch abzukühlen?

Erst am Donnerstag hatte US-Präsident Barack Obama während eines Besuchs seines Kollegen Dmitri Medwedew im Weißen Haus noch über die Kalte-Kriegs-Vergangenheit gescherzt: Da beide Politiker ja nun ein Twitter-Konto hätten, könnten sie wohl «endlich die Roten Telefone wegwerfen». Den Gast aus dem Kreml nannte Obama «Partner und Freund», einen verlässlichen dazu. Gerade hat man sich daran gemacht, die beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen auszubauen. Kein Wunder, dass Obama «nicht glücklich» über den Zeitpunkt der Festnahmen sei, wie die New York Times in Erfahrung brachte.

Doch die FBI-Fahnder witterten Fluchtgefahr, als sie am Sonntag in gleich vier US-Staaten zuschlugen. Sieben lange Jahre hatten sie ermittelt, sich selbst als russische Regierungsbeamte ausgegeben, Nachrichten abgefangen, Wanzen in den Wohnungen versteckt. Letzter Akt war eine gestellte «Übergabe», bei der ein FBI-Mann 5000 Dollar abfing - wie im Thriller in einer gefalteten Zeitung versteckt.

«Das können doch keine Spione sein»

Zumindest für die Nachbarn der mutmaßlichen Spitzel schien die Tarnung perfekt. Sie reagierten wie vom Donner gerührt, als am Sonntag Fahnder die Verdächtigen abführten und Beweismaterial davon schafften, berichtete die New York Times. Wie im Falle des Paares, das sich in Montclair (New Jersey) als Richard und Cynthia Murphy ausgab. Ein Nachbar nennt sie «das personifizierte Vorstadtleben», sogar mit Töchtern im Grundschulalter. «Das können doch keine Spione sein», meinte eine Teenagerin, die nebenan lebt. Das sehe man doch schon dran, wie Mrs. Murphy ihre Hortensien pflege.

Tatsächlich soll sich das Ehepaar aber um Informationen über die US-Haltung zu einem neuen Abrüstungsvertrag und zum iranischen Nuklearprogramm vor Obamas Russland-Besuch im vorigen Jahr bemüht haben. Das Ziel: «Bisher unveröffentlichte, aber von Quellen im Außenministerium, in der Regierung und in Denkfabriken in privaten Gesprächen weitergegebene Informationen zu erlangen.»

Nicht jedes Mitglied des mutmaßlichen Spionagerings zog die Unscheinbarkeit vor. Ein gewisser Mikhail Semenko, Ende 20, fuhr den Angaben zufolge einen Mercedes S-500. Gestylt sei der junge Mann aus Arlington in Virgina vor den Toren Washingtons aufgetreten. Mit seiner brünetten Freundin habe er russisch gesprochen, sich sonst aber von Nachbarn ferngehalten, berichtet eine Frau von gegenüber der New York Times. Ein anderes Verdächtigenpaar lebte in Cambridge (Massachusetts) mit seinen zwei Teenagersöhnen in einem Appartementhaus, wo auch Harvard-Professoren wohnen. «Sehr freundlich, sehr nett» sei die Frau gewesen, sagte eine Nachbarin.

Agenten-Paare werden in Russland zusammengestellt

Training und Vorbereitung sollen minutiös gewesen sein, die Missionen auf viele Jahre angelegt: Die Verdächtigen «sind ausgebildete russische Geheimdienstmitarbeiter», sagte ein Sprecher des US-Justizministeriums. Die Paare wurden den Ermittlungen zufolge in Russland zusammengestellt - «damit sie im Gastland getarnt als Ehepaar zusammen leben und arbeiten können». Oft hätten sie dann auch gemeinsame Kinder, was die Tarnung nur noch besser mache.

Neben den Schlapphut-Klassikern wie unsichtbare Tinte, Kurzwellensender und tote Briefkästen griffen die angeblichen Spione auch zu Mitteln des Cyber-Zeitalters: Codierte Botschaften verbargen sie in Bildern, die jedermann im Internet sehen konnte. Informationen wechselten über spezielle Datennetzwerke von einem Laptop zum anderen, während eine Agentin in einem Buchladen saß und der russische Geheimdienstmann im Lieferwagen vorbeifuhr.

Ob die angeblichen Agenten tatsächlich erfolgreich waren - die Anklageschrift läßt es offen. «Es gäbe mehr Anklagepunkte, hätten sie Erfolg gehabt», sagte ein US-Beamter, der mit den Ermittlungen vertraut ist, der Washington Post. Was aber Gefahren durch Spione angingen, dafür seien die Festnahmen «sicherlich in Weckruf».

Lesen Sie auf Seite 2, warum Putin verärgert und Deutschland besorgt ist

Russland Regierungschef Wladimir Putin kritisierte das Verhalten der US-Behörden scharf . Die US-Bundespolizei FBI habe sich «gehen lassen», schimpfte Putin bei einem Treffen mit dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton nahe Moskau. «Die stecken einfach Leute ins Gefängnis.»

Putin schloss einen Rückschlag im zuletzt positiven bilateralen Verhältnis nicht aus. Zum Glück gebe es viele Menschen wie Clinton, denen gute russisch-amerikanische Beziehungen viel wert seien, sagte der Ex-Kremlchef und frühere Geheimdienstler Putin am nach Angaben der Agentur Interfax.

Das Außenministerium in Moskau bestätigte derweil, dass unter den Festgenommenen russische Staatsbürger sind. «Sie haben (aber) keine Handlungen begangen, die sich gegen die Interessen der USA richten», teilte das Außenamt am Abend auf seiner Internetseite mit. Russland gehe davon aus, dass die US-Administration ihnen den Kontakt zu russischen Konsularmitarbeitern gewähren werde.

Spionage-Vorwürfe auch aus Deutschland und Frankreich

Moskaus Auslandsgeheimdienst SWR wirbt ohne Umschweife auf seiner Internetseite um junge Agenten, die «die Romantik des Spionage-Berufs anzieht». Eine dort auch beschriebene Kernaufgabe lautet: «Hilfe bei der wirtschaftlichen Entwicklung und dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt des Landes.» Zwar sind nach der Festnahme der mutmaßlichen Spione viele Fragen offen. Doch gegen das nach technologischem Fortschritt strebende Russland mehren sich Spionage-Vorwürfe - auch aus Deutschland und Frankreich.

So hatte etwa Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am 21. Juni in seinem Verfassungsschutzbericht eine besondere Gefahr durch Wirtschaftsspionage beklagt. «Staaten wie Russland und China betreiben mit ihren Nachrichtendiensten aktiv Spionage in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung», heißt es in dem Jahresbericht des Staatsschutzes. Russland wies auch diese Vorwürfe Anfang der Woche empört zurück. Dies sei «Denken aus der Zeit des Kalten Krieges», sagte Moskaus Außenamtssprecher Andrej Nesterenko - was er im Übrigen jetzt in dem US-Fall wiederholte.

Allerdings kommen ähnliche Vorwürfe nicht zuletzt aus Frankreich. Pariser Medien und die kremlkritische Zeitung Nowaja Gaseta brachten hier zuletzt sogar die russisch-orthodoxe Kirche ins Spiel. Dem Moskauer Patriarchat sei mit Staatsgeld und einem Handschlag von Medwedew und Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy ein Grundstück in bester Lage in Paris zuerkannt worden. Hier solle, so der Verdacht der Behörden, unter dem Dach der Kirche - «der Spionage-Kathedrale», wie Nowaja Gaseta schrieb - die größte russische Agentenzentrale der Welt entstehen.

cvd/news.de/dpa

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