Prügelknabe BP
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Der britische Konzern BP muss nach der Ölkatastrophe vor der US-Küste heftige Kritik einstecken. In Großbritannien versteht man das auch als Attacke aufs eigene Land. Das Verhältnis zwischen Washington und London ist angespannt. Politiker versuchen jetzt, zu beschwichtigen.
Eine Ölpest und ein Fußballspiel haben eigentlich wenig miteinander zu tun. Anders an diesem Wochenende: Da trat England beim ersten WM-Spiel gegen die USA an. Aber auch auf politischer Ebene wird derzeit zwischen den Ländern ausgeteilt. US-Präsident Barack Obama nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er den britischen Energieriesen und dessen Chef Tony Hayward wegen der Ölpest vor der amerikanischen Küste anprangert. Es herrscht regelrechter BP-Hass. Und in Großbritannien wächst der Unmut über die «anti-britische» Rhetorik.
Die Umweltkatastrophe beschmutzt das Verhältnis der Länder - um das es sowieso nicht am besten bestellt ist. Großbritannien fürchtet durch das «BP-Bashing», das Einprügeln auf BP, um sein Ansehen in den USA. Auch ein Telefonat zwischen Obama und dem neuen britischen Premier David Cameron am Wochenende konnte die Spannungen nicht vollends ausräumen. Die Ölpest habe für die Regierung höchste Priorität, sagte Obamas Chefstratege David Axelrod am Sonntag dem Fernsehsender NBC. «Das ist ein fortlaufende Krise, fast wie eine Epidemie.» Der Präsident werde deshalb eine 10- bis 15-minütige Ansprache halten, die aus dem Oval Office im Weißen Haus übertragen wird. Er wolle die Bevölkerung über die nächsten Schritte im Kampf gegen die Ölpest informieren.
Die Rede wolle Obama direkt nach seiner vierten Reise in die Krisenregion vor der amerikanischen Südküste halten, zu der er am Montag aufbricht. Bis zu seinem Abflug will er vom BP-Konzern wissen, wie er das Öl besser aufhalten kann. Küstenwacht-Admiral James Watson beklagte sich in einem Brief an den Ölmulti, dass die bisherigen Aktionen zum Eindämmen des Öls längst nicht ausreichen, berichteten US-Medien am Sonntag.
Angriff auf die nationale Identität
Was BP derzeit unternehme und plane, sei darauf ausgerichtet, dass weniger als 3400 Tonnen Öl pro Tag aus der Quelle in 1500 Meter Tiefe ins Meer sprudeln. Neue offizielle Schätzungen gehen aber von bis 5400 Tonnen aus. Zu viel Öl fließe am jüngst installierten Auffangbehälter vorbei, zu wenig Platz sei auf den Schiffen an der Meeresoberfläche, um weiteres Öl aufzufangen, lautet der Vorwurf. BP fängt derzeit rund 2100 Tonnen Öl pro Tag ab. Die Menge soll bald mit Hilfe einer weiteren Bohrplattform gesteigert werden. Im Königreich empörte man sich auch, dass Obama BP als «British Petroleum» bezeichnet hat - den Namen, den seit Jahren niemand mehr benutzt, verstanden viele als einen Angriff auf die nationale Identität. Unverständnis waltet auch, weil sich die Wut einzig auf BP und nicht auf Unternehmen wie Halliburton oder Transocean richtet, die auch an der Arbeit an der Unglücks-Bohrinsel «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko beteiligt waren.
Cameron wird kritisiert, nicht für den Konzern einzustehen. Denn der ist für die britische Wirtschaft extrem wichtig: Pensionsfonds halten massiv Anteile von BP-Aktien. Wenn die in den Keller rauschen und immer weniger wert sind - wie es derzeit geschieht, dann ist das auch für den kleinen Mann in Liverpool oder London schlecht. Nach Schätzungen halten 18 Millionen Menschen in Großbritannien entweder selbst BP-Papiere oder zahlen in Fonds, die BP-Papiere beinhalten. Unter dem politischen Druck setzt BP nun vermutlich seine Milliarden- Dividende für die Aktionäre im zweiten Quartal aus.
«Die Regierung muss ein Zeichen setzen, dass das Überleben und der langfristige Wachstum von BP ein zentrales britisches Interesse ist», sagte der ehemalige britische US-Botschafter, Christopher Meyer. BP ist aber nicht nur ein britisches Interesse. Der Konzern ist ein internationaler Player, der auf der ganzen Welt aktiv ist und rund 80.000 Menschen in Lohn und Brot hält. Auch in Amerika. Die Aktien sind zu 39 Prozent in US-Besitz, und BP hat in den Staaten etwa 23.000 Mitarbeiter. Trägt BP Schaden, schadet das auch vielen Amerikanern. Und nicht zuletzt wird der Hunger nach Öl von der gigantischen US-Wirtschaft entscheidend angetrieben. Kritiker in Amerika meinen, Obama wolle mit den BP-Prügel lediglich von eigenen Versäumnissen ablenken.
Milliardenschwere Entschädigungszahlungen
Angesichts der Ölpest soll BP zudem milliardenschwere Treuhänderkonten für Entschädigungszahlungen einrichten. Obama werde darüber am Mittwoch mit der Konzernspitze sprechen, sagte Axelrod. Zuvor hatten bereits die Regierungen von Florida und Louisiana gefordert, BP müsse für Entschädigungszahlungen an die Betroffenen allein in diesen beiden US-Staaten 7,5 Milliarden Dollar (6,2 Milliarden Euro) bereitstellen. Neben Florida und Louisiana sind auch die US-Staaten Mississippi, Alabama und Texas von der Ölpest betroffen. Zu den Forderungen des Bundes nannte Präsidentenberater Axelrod zunächst keine Zahlen. BP müsse aber eine «substanzielle» Summe auf ein Treuhänderkonto überweisen, sagte er in der NBC-Sendung Meet the Press.
Experten gehen zwar davon aus, dass BP groß genug ist, um den Sturm zu überstehen. Doch das Desaster, das auch acht Wochen nach der Explosion der Bohrinsel nicht in den Griff zu bekommen ist und das Ökosystem zerstört, könnte selbst die Ressourcen eines Milliarden- Konzerns wie BP überstrapazieren. Das Öl-Leck wird durch den Zwist nicht gestopft, und der Schaden ist zu groß, als dass er mit gegenseitigen Schuldzuweisungen behoben werden kann. «Wir werden keine Lösung finden, wie wir das Öl schneller stoppen können, wenn wir dies in einen politischen und diplomatische Zank ausufern lassen», sagte Vize-Premier Nick Clegg.
Auch andere Politiker in Großbritannien bemühten sich um Ausgleich. Die Briten sollten die «Fahnen-schwenkende Einmischung» aufhören, erklärte Wirtschaftsminister Vince Cable. «Wenn ein amerikanischer Ölkonzern für die größte Umweltkatastrophe des Landes verantwortlich wäre und die Strände von Cornwall und Brighton verschmutzt, dann würden das britische Parlament und die Presse diesem auch das Leben ausgesprochen schwer machen.» Die Zeitung Sunday Times mahnte: «BP sollte nicht zu einem transatlantischen politischen Fußball werden.» Das wirkliche transatlantische WM-Spiel am Samstag ging für die Briten dann ernüchternd 1:1 aus - nach einem Torwartfehler der Briten.
bla/news.de/dpa/ap
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