Mo., 13.02.12

Ägypten «Fleisch essen wir nur in unseren Träumen»

Artikel vom 11.06.2010

Fünf Euro Mindestlohn - pro Monat: Das ist auch in Ägypten zu wenig. Weil alles teurer wird müssen die meisten Menschen kämpfen, um über die Runden zu kommen. Wut und Protest nehmen zu. Gefährlich für die Regierung, denn am Nil stehen Wahlen bevor.

Ins Schaufenster ihres Fleischers schaut Chulud Mustafa schon seit Wochen nicht mehr. Seit der Kilopreis bei umgerechnet mehr als zehn Euro liegt und weiter steigt, läuft die 24-Jährige am Laden vorbei. Wie sie sind viele Ägypter erbost über die steigenden Lebensmittelpreise und Mieten. Und ihr Ärger wird mehr und mehr politisch: Der Anstieg des Fleischpreises hat zu einer Boykottbewegung geführt, fast täglich gibt es vor dem Parlament Proteste.

Die Demonstranten fordern unter anderem eine Anhebung des Mindestlohns, der seit 1984 bei umgerechnet rund fünf Euro pro Monat liegt. «Die Ägypter sind inzwischen wie trockenes Holz, das jederzeit Feuer fangen kann», sagt Mahmud el-Askalani vom Verbraucherverband Bürger gegen die hohen Lebenshaltungskosten, der den Fleischboykott organisierte. «Der soziale Friede ist bedroht», warnt er und verweist auf die zunehmende Zahl von Diebstählen und Gewaltverbrechen, bei denen Geld das Tatmotiv ist.

Noch sind die Protestaktionen größtenteils klein. Doch hinter ihnen steht die starke Ungleichheit beim Einkommen, von der kritische Stimmen sagen, sie führten zum Kern der sozialen und ökonomischen Probleme des Landes: eine ineffektive Regierung, die mehr darauf bedacht sei, ihre Autorität zu stärken, als sich um die Bedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung zu kümmern. Der Unmut kommt zu einer kritischen Zeit - zum Jahresende ist in Ägypten eine Parlamentswahl angesetzt, im kommenden Jahr wird der Präsident gewählt.

Mubarak warnt vor hohen Löhnen

Noch werden die Proteste wegen der wirtschaftlichen Lage unabhängig von den immer häufiger stattfindenden politischen Demonstrationen organisiert. Und die Regierung hat bereits kleine Zugeständnisse gemacht: So hob Präsident Husni Mubarak die Gehälter im öffentlichen Dienst um zehn Prozent an.

Bereits vor fünf Jahren hat die Regierung eine Wirtschaftsreform initiiert, dank derer die Wachstumsrate von 3,9 Prozent 2000/2001 auf 7 Prozent im Jahr 2008 gestiegen ist. Das war allerdings vor Beginn der weltweiten Finanzkrise. Prognosen der Nahost-Investmentbank Beltone Financial zufolge wird das Bruttoinlandsprodukt in Ägypten in diesem Jahr um 5,4 Prozent wachsen. Profitieren wird davon nach Einschätzungen von Experten jedoch größtenteils die Oberschicht.

Die Regierung konzentriere sich darauf, hinter den Armen zu stehen und ihnen aus dem Teufelskreis der Armut herauszuhelfen, sagte Mubarak kürzlich in einer Fernsehansprache. Gleichzeitig warnte er vor einem Anstieg der Löhne auf ein Niveau, das nicht der Produktivität entspreche. Derart hohe Löhne würden zu einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit und damit der Jobmöglichkeiten sowie zu einem Preisanstieg führen, erklärte der Staatschef.

Mehrere Jobs, um über die Runden zu kommen

Gerade Lebensmittelpreise sind für die Regierung ein heikles Thema. 2008 führte eine Verknappung subventionierten Brotes zu Unruhen, bei denen zehn Menschen ums Leben kamen. Gleichzeitig werfen die Demonstrationen ein Licht auf die Bedingungen, unter denen viele Ägypter arbeiten. Laut einer Studie der Schweizer Investmentbank UBS vom vergangenen Jahr arbeiten die Einwohner der Hauptstadt Kairo jährlich insgesamt 2373 Stunden. Der Durchschnitt in allen 73 weltweit untersuchten Städten lag bei 1902 Stunden.

Sie müssten inzwischen mehrere Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen, erklärten Demonstranten kürzlich bei Protesten vor dem Parlament. Rida Noman, der für die Kundgebung aus der 94 Kilometer nördlich von Kairo gelegenen Provinz Gharbija anreiste, verdient als Finanzbeamter monatlich umgerechnet 67 Euro. In den Abendstunden muss er nach eigenen Angaben zusätzlich als Handwerker arbeiten, um seine sechsköpfige Familie ernähren zu können. Auf die Frage, ob er Fleisch kaufen kann, lacht er nur: «Fleisch? Fleisch essen wir nur in unseren Träumen. Und vielleicht an Feiertagen», sagt er.

che/hav/news.de/ap
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