Zuhause gepflegt, Steuern gespart
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Von news.de-Redakteuren Björn Menzel und Jens Kiffmeier, Berlin
Artikel vom 03.06.2010
Jung, dynamisch, innovativ: So will Familienministerin Kristina Schröder (CDU) die Familienpflege in der Sparrunde des Kabinetts durchboxen - und ihren Kritikern zeigen, wo der Hammer hängt.
Von Nächstenliebe hält Kristina Schröder (CDU) viel. 1,4 Millionen Deutsche pflegen hierzulande einen kranken Angehörigen zuhause - oftmals bis zur Selbstaufopferung. Denn viele haben parallel dazu noch einen Vollzeitjob. Damit sie Beruf und Pflege besser in Einklang bringen können, will die Familienministerin den Angehörigen jetzt mit der Einführung der Familienpflegezeit unter die Arme greifen. Der Clou: Die berufstätigen Pflegehelfer sollen entlastet werden, aber den Staat kostet die Aktion wenig. Die CDU-Frau hält ihr Konzept für wasserdicht - auch in Zeiten knapper Kassen. «Wir gehen da ganz neue Wege», sagte sie kürzlich bei der Vorstellung. Denn man müsse sich heutzutage davon verabschieden, alles mit Geld zu erreichen.
Solche Sätze dürften dem Finanzminister wiederum gefallen. Am Wochenende versammelt der aus der Not heraus geborene Sparkommissar Wolfgang Schäuble (CDU) seine Kabinettskollegen zur Klausurtagung. Neben der Regulierung der internationalen Finanzmärkte geht es vor allem darum, wie der hoffnungslos überschuldete Bundeshaushalt konsolidiert werden kann.
Alle Ausgaben sollen auf den Prüfstand. Rüstungsverträge, Kohlesubvention, Straßenbauförderung - alle Minister stehen in puncto Einsparungsvorschlägen in der Bringschuld. Auch Schröder. Dass sie zu Kürzungen in ihrem Etat bereit ist, ließ sie bereits erkennen, als sie in einem Interview die Höhe des Elterngelds infrage stellte. Doch dass die Familienpflegezeit noch vor ihrer Einführung wegen Geldmangel wieder vor dem Aus steht, glaubt die Nachwuchspolitikerin indes nicht. Warum auch, die Kosten schultert nicht der Staat, sondern die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber.
Hilfe muss nicht immer teuer sein für den Staat
Schröders Maxime lautet: Zeit statt Geld. Nach ihrem Modell sollen Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch für eine maximal zweijährige Pflegezeit für Angehörige bekommen. In dieser Zeit können sie ihren Job um 50 Prozent reduzieren - aber weiter drei Viertel des Gehalts beziehen. Nach Ende der Pflegezeit sollen sie die Zeit nacharbeiten. Das heißt: Sie kehren in ihren Vollzeitjob zurück und bekommen weiter drei Viertel ihres Gehalts - und zwar so lange, wie sie zuvor Teilzeit gearbeitet haben.
Insgesamt gibt es in Deutschland 2,2 Millionen Pflegebedürftige. Umfragen belegen, dass zwei Drittel der Menschen ihre kranken Angehörigen am liebsten daheim pflegen würden, aber dadurch berufliche Nachteile befürchten. Vor diesem Hintergrund glaubt Schröder fest an das Gute in ihrem Konzept: «Wir treffen damit den Nerv der Menschen», sagt sie.
Trotzdem gibt es nicht nur Beifall. Neben den typischen Kritikern der Sozial- und Unternehmensverbände sehen auch die Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen in dem Konzept noch einige Schwachstellen. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel leben im Verhältnis zu Gesamtdeutschland überdurchschnittlich viele pflegebedürftige Menschen. Der Grund ist in der Altersstruktur des Bundeslandes zu suchen. Worin sich das Land allerdings nicht von anderen unterscheidet, sind die zahlreichen Pflegeangebote. Sie reichen von Heimen über häusliche Angebote bis hin zu Einrichtungen, die Familien bei der Pflege ihrer Angehörigen beraten.
Pflegehelfer bezweifeln den praktischen Nutzen
Eine Einrichtung, die ihren Kunden alle Angebote bietet, ist der DRK-Kreisverband Güstrow. Allein fast 100 Angestellte kümmern sich zurzeit ambulant um 600 Pflegebedürftige im Landkreis. Sie wissen ganz genau, woran es den Menschen und ihren Angehörigen bei der häuslichen Pflege am meisten fehlt. «Es ist das Geld», sagt Cornelia Bäumer. Sie leitet die ambulante Pflege und muss mit den Familienangehörigen oft aushandeln, was sie sich leisten können. Die Pflegestufen und Bürokratie mache dies nicht einfacher.
Ob Schröders Devise «Zeit statt Geld» wirklich Abhilfe schaffen kann, ist hier umstritten. Cornelia Bäumer beobachtet jedenfalls etwas anderes. «Kinder von 80-Jährigen sind selbst 60 Jahre alt und haben Zeit zu pflegen», sagt sie im Gespräch mit news.de. Es könne sein, dass das Modell erst in einigen Jahren Früchte trage, wenn die Leute zu Pflegefällen geworden sind, die mit 30 bis 40 Jahren Kinder bekommen haben. Für die jetzige Generation treffe dies nicht zu.
Familien, meist Frauen, opfern sich oft bis zur Selbstaufgabe auf, um ihre Nächsten zu pflegen. Das beobachtet auch der Leiter der stationären DRK-Pflegeeinrichtungen in Güstrow und Teterow, Ronald Hinkelmann. «Wenn Pflegebedürftige zu uns kommen, sind die Angehörigen nicht selten selbst bereits zum Pflegefall geworden», sagt er. Die Angehörigen haben Zeit und Nerven gelassen, um ihren Altvorderen den Lebensabend so angenehm wie möglich zu gestalten. «Sie haben zu wenig Informationen über die Möglichkeiten der Pflege.»
Abwarten ist keine Lösung
Doch Hinkelmann sieht im Vorschlag der Ministerin auch gute Ansätze. «Nicht jedes Land hat die Altersstruktur wie Mecklenburg-Vorpommern», sagt er. Außerdem ist der Arbeitsmarkt anders. In MV sei die Arbeitslosigkeit sehr hoch, die Möglichkeit pflegen und arbeiten zu können, spiele nicht so eine große Rolle. «Außerdem bin ich dafür, das Pflegesystem auf viele verschiedene Beine zu stellen», sagt er. Da könne das Modell der Ministerin eines von vielen Angeboten sein, aus denen die Angehörigen von pflegebedürftigen Menschen auswählen und kombinieren können.
Ministerin Schröder jedenfalls sieht Handlungsbedarf. Bis 2030 könnte die Zahl der Pflegebedürftigen auf drei Millionen ansteigen und die öffentlichen Kassen weiter belasten, wenn nicht im Gegenzug die häusliche Pflege gestärkt wird. Deshalb will Schröder ihr Lieblingsprojekt durchbringen. «Das Konzept löst nicht alle Probleme», gab sie kürzlich zu. «Aber wir müssen handeln.»
jek/mac/reu/news.de
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Also die Idee ist gut, nur wurde noch nicht mit einkalkuliert, dass die Chemie den Tod hinauszögert. Und die Pflegekraft reif für die nächste Reha ist, wenn sie ihre Angehörigen 3 1/2 Jahre zu Tode gepflegt hat. Kein Tag Ruhe müssen hier berücksichtigt werden. Ich habe es am eigenem Leib erfahren. Ich bedaure auch sehr, dass für die Pflegende kein Urlaub gewährt wird. Unsozial.
jetzt antwortenKommentar meldenDamit kann man dann die Pflegedienste untereinander ausspielen, um regelmäßige monatliche Einkünfte zu erzielen. Zahlt der Pflegedienst nicht ordentlich und pünktlich, wird gekündigt. Der nächste wartet schon.
jetzt antwortenKommentar meldenDie Realität sieht leider völlig anders aus. Hat man einen pflegebedürftigen Familienangehörigen, werden Leistungen nur übernommen, wenn sie von einem Pflegedienst abgerechnet werden können. Für Eigenleistungen gibt es derzeit von den Krankenkassen nur einen Tritt auf den Allerwertesten. Zudem ist das ganze System korrupt bis zum geht nicht mehr. Pflegefälle direkt aus dem Krankenhaus gibt es oft genug nur gegen ein ordentliches Bakschisch. Und vor allem für viele ausländische Mitbürger sind pflegebedürftige Familienangehörige ein wertvolles Wirtschaftsgut.
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