SPD feiert in NRW «Kraft, Kraft, Kraft»

Jubel, Fan-Gesänge und Rücktrittsforderungen an Rüttgers: Die Sozialdemokraten in NRW feiern ausgelassen ihren Wahlerfolg. Bei der CDU ist die Stimmung am Boden, man spricht von der «Erbärmlichkeit des Ergebnisses».

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen (Foto)
Die SPD-Spitzenkandidatin für die nordrhein-westfälische Landtagswahl, Hannelore Kraft (SPD). Bild: ddp

34, 5 Prozent - das ist die Zahl, die die Dämme zum brechen bringt. Bei Mozarella mit Tomate und Fischhäppchen hatten die SPD-Mitglieder in der Nordrhein-Westfalen-Parteizentrale die Wahlergebnisse abgewartet. Doch jetzt, um 18 Uhr, blicken sie in einem Zelt vor der Zentrale auf die erste ARD-Hochrechnung dieser Landtagswahl: Als für SPD und CDU je 34,5 Prozent eingeblendet werden, gibt es kein Halten mehr. Die Sozialdemokraten springen in die Luft, jubeln, singen immer wieder «Hannelore, Hannelore, Kraft, Kraft, Kraft».

Mats Hansen schwenkt eine rote Parteifahne hin und her, hält sie in die Fernsehkameras. Er ist Mitglied der Jusos Elmshorn und extra aus Norddeutschlannd angereist, um die Genossen in NRW zu unterstützen. «Rüttgers ist ganz deutlich abgewählt worden», sagt er und jubelt. Die Stimmung in dem völlig überfüllten Zelt erinnert an die Aufstiegsfeier einer Kreisliga-Fußballmannschaft. Als die Sitzverteilung im Landtag auf den Fernsehbildschirmen eingeblendet wird, schwenken die Sozialdemokraten um, singen jetzt «Schade Jürgen, alles ist vorbei».

Der Wahltag in NRW: Roter Jubel, schwarzes Entsetzen

Auch der designierte Arbeitsminister in Krafts Schattenkabinett, Guntram Schneider, feiert das Ergebnis schon. «Ein Ministerpräsident, der nach fünf Jahren in der Regierung zehn Prozent der Wählerstimmen verloren hat, muss zurücktreten», sagt er. «Und das gleiche gilt für Herrn Pinkwart von der FDP.» Die Sozialdemokraten sind begeistert. «Ist das geil. Wir sind halt eine Turniermannschaft», sagt einer der Genossen zu seinem Nebenmann. Der antwortet: «Ja, und jetzt fehlt nur die Weltmeisterschaft.»

Kraft auch für den Bundesrat

Während die Sozialdemokraten auf ihre Landeschefin und Heldin Hannelore Kraft warten, beginnt das Rechnen. Die Stimmung beruhigt sich ein wenig. «Ist das die neue Hochrechnung? Nimm mal den Kopf vorm Fernseher weg», «das ZDF hat noch andere Zahlen» - das sind die Sätze, die man hört, wenn man durch die Reihen geht. Fest steht noch nichts an diesem Wahlabend, das weiß auch Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, er sagt: «Das wird ein sehr sehr knappes Ergebnis.»

Doch als Kraft dann vor die Genossen tritt und sagt: «Das ist ein guter Tag für Nordrhein-Westfalen - Schwarz-Gelb ist abgewählt», geht die Party wieder los. Selbst als sie danach in ihren schwarzen BMW, Kennzeichen D HK 62, steigt, singen sie im Zelt noch «Hannelore, Hannelore Kraft, Kraft, Kraft».

Sie rufen dabei nicht nur den Namen, sie feiern auch, dass die Sozialdemokraten in ihrem einstigen Stammland wieder die Kraft haben, die Regierungsverantwortung einzufordern - und zugleich der schwarz-gelben Bundesregierung im Bundesrat bei Plänen wie Steuersenkung und Kopfpauschale Einhalt zu gebieten.

Eine Niederlage, die wenig Raum zur Beschönigung lässt

Rund 15 Minuten nachdem Kraft vor ihre Anhänger getreten ist, macht Jürgen Rüttgers dasselbe wenige Straßen weiter in einem Zelt vor der CDU-Zentrale. Es ist nicht so überfüllt wie bei der SPD, das Ambiente ist gediegener, es gibt Wein aus der Karaffe und Bier frisch gezapft vom Fass - doch die Stimmung ist am Boden. Zwar bekommt Rüttgers langen, höflichen Applaus, aber es singt niemand.

«Dieser Wahlabend ist für die CDU in Nordrhein-Westfalen und für mich persönlich ein bitterer Abend», sagt der Ministerpräsident. «Die Ergebnisse aus den Hochrechnungen sind bitter.» Er spricht von einem Bündel von Ursachen, über die noch zu reden sei und fügt hinzu: «Ich trage die politische Verantwortung.»

Viel anderes bleibt Rüttgers auch nicht. Es ist keiner der Wahlabende, an denen zwei Parteien den Sieg für sich reklamieren während sie etwa gleich auf liegen. Die CDU hat rund zehn Prozentpunkt verloren im Vergleich zur Landtagswahl 2005 - ein Ergebnis, das wenig Raum zur Beschönigung lässt. Und so hört man auch wenig Versöhnliches, wenn man durch die Reihen der Christdemokraten geht. «Der ist schon nach Hause gefahren», heißt es da über einen Parteikollegen, ein anderer spricht von der «Erbärmlichkeit des Ergebnisses». Bundesumweltminister Norbert Röttgen lehnt das Interview mit einer Radioreporterin mit den Worten «jetzt noch nicht» ab und dreht sich weg. Er scheint das Ganze erst einmal verdauen zu müssen.

«Stichwort: Griechenland»

Christa Thoben, Rüttgers Wirtschaftsministerin, ist schon bereit, über das Ergebnis zu sprechen, sagt: «Das tut schon weh.» Allerdings hätten die Medien auch «eine Mauer aufgebaut, wie ich das noch nie erlebt habe». Keiner habe sich mehr für die Inhalte des Landtagswahlkampfes interessiert.

Hat die NRW-CDU durch das Negativ-Image der Bundesregierung verloren, durch die turbulente Diskussion um die Griechenland-Hilfe? So wirklich will sich dazu noch niemand äußern. Rüttgers spricht im TV-Interview von einer «schwierigen Situation in den vergangenen Tagen. Stichwort: Griechenland». Dem Bund die Niederlage zuschieben will er trotzdem nicht - und kann es wohl auch kaum, nach den hausgemachten Skandälchen der vergangenen Monate, wie etwa der Sponsoring-Affäre.

In der Einfahrt zum Gelände der CDU-Zentrale steht ein Gruppe von jungen Christdemokraten zum Gruppenfoto bereit - Erinnerung an einen traurigen Abend. Einer von ihnen will die anderen zum Lachen bringen, sagt aber nicht «Cheese» oder «Bitte lächeln», sondern «Rüttgers, jetzt alle: Rüttgers». Die Resonanz ist verhalten. Ein paar wenige stimmen ein, mit leisen Stimmen sagen sie «Rüttgers» - es klingt wie das genaue Gegenteil der «Kraft, Kraft, Kraft»-Ruf in der SPD-Zentrale.

bjm/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Arsch
  • Kommentar 1
  • 11.05.2010 17:06

Wer schafft, braucht Kraft, braucht die Sozialdemokratische Partei Deutschlands! Weg mit den käuflichen Hotel-Finanz-Matratzen und Bettvorlagen für Geldsäcke!Die Kapitalismus-Naie der fdp gehören genau wie die extreme Linke in Visier der staatlichen Überwachung, nur so kann das Volk gegen diese demokratiezerstörenden Egel von den Steuergeldern ferngehalten werden.Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren ist nicht mit Demokratie zu vereinbaren!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig