Selbsthilfe gegen lahmes Internet
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Von den news.de-Redakteuren Björn Menzel und Jens Kiffmeier, Berlin
Artikel vom 15.04.2010
Sie haben ihr Vertrauen in Politik und Telekom verloren - und helfen sich längst selbst: Menschen in ländlichen Regionen bauen Richtfunknetze für ein schnelles Internet. Selbst der aktuellen Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen stehen sie skeptisch gegenüber.
Ein Handy hat Nico Lange erst gar nicht. Kein Empfang. Der 31-Jährige wohnt in Alterstedt. Das kleine Dorf in Thüringen ist eigentlich gut zu erreichen und doch abgeschnitten. Es hat neue Zufahrtstraßen, ein Bahnhof liegt in der Nachbargemeinde Schönstedt. Mit dem Mobiltelefon hapert es jedoch und auch mit dem Internet. Mehr als ISDN-Anschlüsse sind von Seiten der Netzbetreiber nicht möglich. Diese Problematik ist weder neu, noch betrifft sie nur kleine Orte in Thüringen.
In ganz Deutschland gibt es Regionen, in denen es kein schnelles Internet gibt. Der Grund liegt in der Erde: Durch lange Kupferkabel kann kein schnelles Internet übertragen werden. Der Bau von Zwischenstationen, die Signale verstärken, ist sehr teuer. Ebenso das Verlegen von Glasfaserkabeln. Es ist um so unwirtschaftlicher, je weniger Verbraucher am Ende der Leitung sitzen, wie auf dem Land. Da schnelles Internet heute ein entscheidender Wirtschaftsfaktor ist und viele Länder bereits weiter sind als Deutschland, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schon vor Jahren eine Breitbandinitiative angekündigt.
Das Thema ist deshalb für die Regierungschefin zu einem Dauerbrenner geworden: Erste Aussagen von ihr finden sich bereits im Wahlkampf 2005, vier Jahre später wurde sie dann in ihrem wöchentlichen Podcast konkret. Kein Dorf solle mehr darben, denn: «Was früher ein Elektrizitäts-, Wasser- oder Abwasseranschluss war», sagte die Kanzlerin, «das wird in Zukunft auch ein Breitbandanschluss sein.»
Deshalb versprach sie den Ausbau in zwei Schritten: Bis Ende 2010 sollen erst einmal flächendeckend leistungsfähige Anschlüsse mit einer Übertragungsrate von einem Megabit pro Sekunde zur Verfügung gestellt werden. Weil die Technik sich aber rasant entwickelt und selbst diese Geschwindigkeit für die größer werdenden Datenströme bald nicht mehr ausreichen könnte, setzte Merkel noch einen drauf: Bis 2014 sollen 75 Prozent der Haushalte sogar Zugriff auf extrem schnelle Verbindungen von 50 Megabit pro Sekunde haben - egal ob per Glasfaser, Kabel oder Funk. Soweit die Vorstellung der Kanzlerin.
Nico Lange spürt in seinem thüringischen Dörfchen allerdings noch nichts von der Initiative. Das braucht und will er auch gar nicht mehr. Die Versprechen von Politik und Telekom waren dem Informatiker irgendwann über. Er wollte nicht mehr länger mit Modemgeschwindigkeit durchs Netz surfen und hatte eine Idee: Richtfunk. «Ich habe ein Jahr recherchiert und experimentiert», sagt Nico Lange. Wie es der Zufall wollte: Zur selben Zeit bastelte ebenfalls in Alterstedt der 27-jährige Informatikstudent Sebastian Galek an einer ähnlichen Lösung. Die beiden taten sich zusammen. 2004 hatten sie und weitere Einwohner des Örtchens dann schnelles Internet.
Wie? «Ganz einfach», sagt Galek. «Wir nutzen Funktechnik.» Die beiden Informatiker installierten am nächst möglichen schnellen Internetanschluss einige Orte entfernt eine Antenne und funkten damit das Signal an einen Empfänger in ihrem Ort. Von dort aus wird es noch heute an die Dachantennen der Teilnehmer gefunkt. Die neue Möglichkeit hatte sich schnell in den Nachbardörfern herumgesprochen. Galek und Lange gründeten einen Verein mit dem Namen Landnetz. Die Mitglieder möchten infrastrukturell benachteiligte Regionen fördern und sie an das schnelle Internet anbinden.
Damit ist die private Initiative der Politik einen deutlichen Schritt voraus. Eine Anfrage von news.de über den Fortschritt von Merkels Offensive, ließ das zuständige Bundeswirtschaftsministerium bislang unbeantwortet. Dass es aber in ländlichen Gebieten «erhebliche Defizite gibt», ließ erst kürzlich der Parlamentarische Staatsekretär im Landwirtschaftsministerium, Gerd Müller, in einer Pressemitteilung durchblicken. Eine gewisse Verwunderung konnte er dabei nicht unterdrücken: Der Fördertopf sei zurzeit mit 25 Millionen Euro besonders gut gefüllt. Deshalb sollten sich die Gemeindevertreter doch «schnellstens» an die zuständigen Ministerien wenden, so sein Aufruf.
Aber warum melden, wenn es selber schneller geht. Mittlerweile haben die Landnetz-Mitglieder in Thüringen 130 Menschen in fünf Orten an ihren Richtfunk angeschlossen. Ein sechster mit weiteren 25 Interessierten ist zurzeit in Planung. Sogar eine Schule, eine Jugendherberge und mehrere Kleinfirmen haben sich angeschlossen. Wenn jemand schneller surfen möchte, muss er Mitglied im Verein werden, 100 Euro einmalige Anschlussgebühr zahlen und dann 20 Euro monatlich. Dafür bekommt der Nutzer eine Flatrate und eine Empfängerantenne auf dem Dach. Die Installation ist so einfach, dass sie jeder selber durchführen kann.
Was den Internetpionieren auf dem Land allerdings Probleme bereitet, ist das Finden von brauchbaren Standpunkten für ihre Antennen. Sie müssen immer zugänglich sein. Öffentliche Gebäude und Firmengelände bieten sich an. «Nicht immer ist der Gemeinderat einverstanden, auch wenn generell die Bürgermeister hinter unserer Initiative stehen und sie begrüßen», sagt Nico Lange. Die Vereinsmitglieder planen, auch weiterhin die Region mittels Richtfunk mit Internet zu versorgen. «Ich erwarte in unserer Region mindestens in den kommenden zwei Jahren keine Konkurrenz», sagt Lange. Auch nicht durch die gerade laufende Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen. «Uns wurde bereits so viel versprochen.»
tno/ivb/news.de
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