Weizsäcker wird 90 Ein idealer Staatsmann

Seinen Geburtstag will er im engsten Familienkreis feiern. Doch dabei wird es nicht bleiben. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker wird 90, und Deutschland würdigt ihn als großen Staatsmann. Mit seiner Partei, der CDU, hatte der Freiherr seine liebe Not.

Richard von Weizsäcker (Foto)
Richard von Weizsäcker 2005 in seinem Büro in Berlin.   Bild: dpa

Anfang 1965 steht der Fraktionschef der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag vor der Tür des Boehringer-Managers Richard von Weizsäcker in Ingelheim. Der erst 35-jährige Helmut Kohl will den zehn Jahre Älteren quasi in die Politik «abholen». Weizsäcker, seit 1954 CDU-Mitglied, sagt vorerst ab. Bei der Wahl 1969 kann er aber nicht mehr widerstehen.

Kohl versuchte damals, die katholisch und kleinbürgerlich geprägte CDU zu einer modernen Volkspartei zu machen. Weizsäcker schien da gerade recht. Der Freiherr, am 15. April 1920 in Stuttgart geboren, stammt aus dem schwäbischen Bildungsbürgertum, wächst im preußischen Berlin heran, gilt als liberal-konservativ und pflegt als Sohn eines Diplomaten eine gewisse Weltoffenheit. Er ist ein Mann aus der Wirtschaft, Protestant und Kirchentagspräsident - und ein brillanter Redner.

So viel Öffnung und Eigenständigkeit konnte die CDU in den 1960er Jahren wohl noch nicht richtig verkraften. Die Vorteile, die Kohl damals noch in der Person Weizsäcker sah, führten letztlich zum Zerwürfnis zwischen dem Parteipatriarchen und dem eigensinnigen Intellektuellen. Kohl wirft Weizsäcker mit den Jahren immer lauter vor, er habe vergessen, dass er auf der Parteischiene Karriere gemacht habe. Weizsäcker lässt im Gegenzug nicht ganz uneitel durchblicken, die CDU könne sich mit ihm brüsten. Er bleibt stets auf Distanz zum Parteiensystem und Anfang der 1990er Jahre hält er den Parteien gar Machtversessenheit und Machtvergessenheit vor.

Weizsäcker beruhigt die Berliner Hausbesetzerszene

In der Tat sorgte aber Kohl dafür, dass Weizsäcker schnell Karriere macht. Bei der Bundestagswahl 1969 bekommt er einen sicheren Listenplatz, 1979 wird er Bundestagsvizepräsident. 1981 erringt Weizsäcker im zweiten Anlauf, dieses Mal gegen den SPD-Mann Hans-Jochen Vogel, das Bürgermeisteramt in der «Frontstadt» Berlin. Die Sozialdemokraten müssen danach zur Kenntnis nehmen, dass dem CDU-Mann in Berlin gelingt, was der SPD weder zuvor in Berlin noch danach in Hamburg gelang: die Beruhigung der militanten Hausbesetzerszene.

In Berlin erbringt Weizsäcker den Nachweis, dass er nicht nur der Mann für das intellektuell Feinsinnige, sondern auch für das politisch Grobe sein kann. Doch entgegen seiner Zusicherung, Berlin als Lebensaufgabe zu sehen, drängt er drei Jahre später - gegen den Widerstand Kohls - ins Bundespräsidentenamt. Auch hier ist es der dritte Anlauf und ein Zeichen mehr, dass Weizsäcker in seiner politischen Laufbahn nicht immer nur geschoben werden musste.

Kaum ein Jahr im Amt bietet er mit seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 eine Demonstration seiner Überparteilichkeit und Eigenständigkeit. Der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung - das Kriegsende sei nicht mehr nur als Niederlage zu verstehen, sondern als Befreiung «von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft» und als neue Chance. Flucht und Vertreibung dürften nicht losgelöst von der «Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte», gesehen werden.

Mehr Applaus von der Opposition

Beobachter meinen, die Gedanken seien damals nicht völlig neu gewesen. Dass sie jedoch von einem Bundespräsidenten zu einer Zeit vorgetragen wurden, da sein eigenes, konservatives Lager zum Teil noch weit von derlei Erkenntnis entfernt schien, gab der Rede eine andere Dimension. An manchen Stellen erhielt Weizsäcker von der Opposition mehr Beifall als aus den eigenen Reihen. Die Rede untermauerte die bis heute hohe Anerkennung Weizsäckers auch im Ausland. Das Bild des Präsidenten verklärte sich in der Bevölkerung früh zu einer Art Idealtypus eines Staatsoberhaupts.

Die Rede des damals 65-jährigen Weizsäcker ist auch Ergebnis der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Kriegserlebnissen und dem Wirken von Vater Ernst als Außenamts-Staatssekretär unter den Nazis. Als Jurastudent unterstützt Richard 1948/49 die Verteidiger des Vaters in den Kriegsverbrecherprozessen. Der Familie Weizsäcker geht es dabei auch um die Deutungshoheit über die umstrittenen Vorgänge. Dennoch scheint Richard von Weizsäcker schon wenige Jahre nach dem Krieg «der deutschen Öffentlichkeit an Bereitschaft zu selbstkritischer, geschichtspolitischer Reflexion um Jahrzehnte voraus» (Spiegel).

Weizsäcker war beim Einmarsch der Wehrmacht in Polen dabei. Gleich am zweiten Kriegstag fiel sein Bruder Heinrich. Die Aussöhnung mit Polen war deshalb nach dem Krieg ein Anliegen. Daher scheint es konsequent, dass Weizsäcker für die Ost-Politik Willy Brandts grundsätzlich Sympathien hegte. Dankbar zeigte er sich, dass die Wiedervereinigung in seine zehnjährige Amtszeit als Bundespräsident fiel. Trotz grundsätzlicher Würdigung der Entscheidungen Kohls: Die ökonomische Bewältigung der Einheit bewertet er kritisch. Die Politik habe die Bundestagswahl im Dezember 1990 im Blick gehabt und den Wählern im Westen vorgemacht, «die Vereinigung kostet euch nichts». Deutschland zahlt heute noch.

Weizsäckers Sohn Fritz sagt bei der ARD über den 90-Jährigen: «Vater ist immer beschäftigt. Er ist wie ein Fahrrad - wenn es nicht fährt, fällt es um.»

Seinen Geburtstag wird von Weizsäcker im engsten Familienkreis in seinem Wohnhaus in Berlin-Zehlendorf verbringen. Er werde «zu Hause im Garten, mit Frau und Kindern und den Enkeln» feiern, sagte er der Bild. Auf die Frage, welches seiner 90 Lebensjahre ihm das liebste sei, erklärte Weizsäcker: «Die Wahl ist leicht. Ich habe vor 57 Jahren geheiratet, im Oktober 1953 - dank meiner Frau eindeutig die beste und klügste Entscheidung meines langen Lebens.»

mac/cvd/ivb/news.de/dpa/ddp

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Tiede
  • Kommentar 1
  • 17.04.2010 14:44

Ein ganz großer Staatsmann - für Berlin als Oberbuergermeister überqualifiziert. Vor allem was er tat, war höchst diplomatisch.Ins sogenannte "Fettnäpfchen trat er nie. Meine Hochachtung vor solch einem Politiker. Möge er ein langes Leben noch vor sich haben! Horst-J. Tiede

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