Afghanistan Die Bundeswehr führt Krieg! Wir nicht?

Mittendrin - aber nicht dabei (Foto)
Mittendrin - aber nicht dabei. Bei öffentlichkeitswirksamen Auftritten zeigen sich Politiker gerne mit den Soldaten. Ansonsten herrscht eine merkwürdige Distanz, meint unser Mitarbeiter. Bild: ddp

Von news.de-Mitarbeiter Justin Luckmann
Viele Soldaten fühlen sich von der deutschen Öffentlichkeit nicht genügend unterstützt. Und sie haben Recht. Wie sehr, das zeigt das Reden über den Einsatz am Hindukusch – selbst jetzt, da die Politik anerkennt: Dort herrscht Krieg.

Krieg ist eigentlich eine ganz simple Sache. Krieg, so lässt sich in Anlehnung an eine alte Weisheit formulieren, ist da, wo Menschen einen gewaltsamen Tod sterben. In Deutschland allerdings, wo man Gesetze und Paragraphen bis zur Selbstaufgabe liebt, ist Krieg alles andere als einfach.

Hier wurde jahrelang darüber gestritten, ob das Töten und Sterben in Afghanistan nun ein «Stabilisierungseinsatz» ist, wie es Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) immer wieder zu sagen liebte. Oder ob dort nicht doch vielleicht zumindest «kriegsähnliche Zustände» herrschen, wie Jetzt-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die Lage kurz nach seinem Amtantritt beschrieb und damit die Wortspielereien auf die Spitze trieb – ehe er vor wenigen Tagen schließlich einräumte: In Afghanistan könne von einem «Krieg» gesprochen werden; umgangssprachlich freilich nur. Eine Formulierung und eine Einschränkung, denen sich am Mittwoch auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) anschloss.

Es war das simple Gesetz des Krieges, konkret: der gewaltsame Tod von drei Bundeswehrsoldaten am Karfreitag, das Deutschlands Politiker von ihrer Liebe zur juristischen Fachsimpelei ein ganzes Stück weit absehen ließ.

Rein rechtlich freilich ist Deutschland noch immer nicht im Krieg. Ihn, der nach Artikel 115 des Grundgesetzes «Verteidigungsfall» heißt, müssten verfassungsrechtlich der Bundestag und der Bundesrat erklären, womit weitreichende Folgen verbunden wären: Unter anderem ginge die Kommandogewalt über die Streitkräfte vom Verteidigungsminister auf die Kanzlerin über. Und Bundes- oder Landtagswahlen dürften frühestens wieder sechs Monate nach einem Friedensschluss stattfinden.

Sieht so der neue Rückhalt aus der Heimat aus?

Doch all das lenkt noch immer von der eigentlichen Frage ab: Ist das Sprechen vom Krieg, in dem sich die Soldaten in Afghanistan seit Monaten und Jahren schon wähnen, eine neue, ernstzunehmende Form des von ihnen immer wieder so dringend geforderten Rückhalts aus der Heimat?

Die Antwort ist bei genauem Hinsehen ernüchternd. Freilich meint es ein Anerkennen von Realitäten, den Einsatz am Hindukusch nicht länger als «Stabilisierungsmission» zu verniedlichen. Aber was Merkel, Guttenberg und ihresgleichen gleichzeitig tun, wenn sie davon sprechen, die Bundeswehr führe in Afghanistan einen umgangssprachlichen Krieg: Noch immer (oder einmal mehr?) nehmen sie eine Trennung zwischen den Männern und Frauen in Afghanistan und allen anderen Bundesbürgern vor. Selbst jetzt redet die deutsche Politik von «der Bundeswehr», die in einen Krieg verwickelt sei –  als seien die Männer und Frauen in Uniform nicht deutsche Staatsbürger, als seien sie und ihre Familien nicht verwurzelt in Deutschland.

Und nicht zuletzt viele Medien tragen diese Linie mit. Egal ob Zeit Online («Die Kanzlerin teilt die Einschätzung des Verteidigungsministers, die Bundeswehr befände sich im Krieg») oder das Hamburger Abendblatt («Auch die Kanzlerin spricht von Kriegseinsatz in Afghanistan»): Immer machen auch Journalisten zumindest indirekt eine Trennung zwischen «denen da drüben» und den restlichen Bundesbürgern.

So spiegelt sich in der Debatte um das K-Wort, wie schwer sich Deutschland noch immer mit der Unterstützung seiner(!) Soldaten (denn nichts anderes sind die Bundeswehrangehörigen) tut. Während es in den USA oder auch in Großbritannien völlig normal ist von «unseren Soldaten» zu sprechen, hört man diese Wendung hierzulande selten – bevorzugt dann, wenn es wieder einmal Gefallene zu betrauern gibt; wie am Wochenende als der Verteidigungsminister die Toten vom Karfreitag öffentlich würdigte und dabei sagte: «Unsere Soldaten stehen vor Ort nicht umsonst. Und unsere Soldaten werden auch nicht umsonst verwundet oder fallen im schlimmsten Falle nicht umsonst.»

Doch während es in den angloamerikanischen Ländern eben auch dazu gehört, zuzugeben, dass nicht nur die Armee, sondern das ganze Land in Afghanistan im Krieg steht, hat sich in Deutschland noch kein ranghoher Offizieller dazu durchringen können, die Einsicht auszusprechen, dass Deutschland in Afghanistan einen Krieg führt; umgangssprachlich oder nicht. Doch erst diese letzte Hürde des bitteren Erkenntnisprozesses zu nehmen, würde bedeuten, die Bundeswehrsoldaten am Hindukusch wirklich zu unterstützen.

che/news.de

Leserkommentare (8) Jetzt Artikel kommentieren
  • fatme
  • Kommentar 8
  • 18.04.2010 23:49

die deutschen soldaten sollen raus aus afganistan wie viele sollten noch sterben den mein mann ist auch in afganistan wenn in was passiert dan ist angeleka merkel schuld .ich bette tag und nacht das die solldaten da raus kommen.

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  • Odin
  • Kommentar 7
  • 15.04.2010 22:48

Zu Komm5.. hallo Neumann, stimmt schon was du schreibst,dennoch der Deutsche kann schon ohne Krieg sein, aber Uncle Sam hat mal in Berlin zum Beistand befohlen und schon spurt man!!! Denen sitzt Vietnam heute noch in den Knochen, da wurde ihm ein Lektion erteilt u hat den Spass auch allein bezahlt - jetzt zieht er ganz EUROPA mit in den Untergang! Wer will Deutschland denn nach 2 Tragödien verdenken wenn es sich distanziert ?????? Aber die amerikanische "Hochfinanz" geht nunmal über Leichen--wie immer!!!!!!

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  • Franz Liebig
  • Kommentar 6
  • 15.04.2010 22:21

Es ist doch ein Hohn, dass unsere Politiker nicht in der Lage sind, dem Amerikaner klar zu machen, dass wir fatal und auf ewig (seit 1945) demorali- siert jeder kriegerischen Auseinandersetzung gegen- überstehen! Und ca 8 Millionen Verbrechensopfer an der deutschen Zivilbevölkerung (nach der Kapitulation) von Seiten der Alliierten, nicht nur im Osten auch im Westen, sprechen eine deutliche Sprache!!!!!!!! Und seine Durchlaucht v. Guttenberg macht Stipvisite in Safari Look anstatt wie seine Art- genossen in 2 Kriegen selbst die Uniform anzuziehen! Das ist der "feine Unterschied!" Gruss

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