Osterurlaub Alphatiere verschnaufen nur kurz

Zwei Wochen Ferien? Für Spitzenpolitiker ist das kaum vorstellbar. Direkt nach den Feiertagen kehren sie in den politischen Zirkus zurück - auch auf Kosten der Gesundheit. Immer häufiger streiken die Körper und zwingen die Machtmenschen in die Knie.

Drei Tage zum Erholen und zum Faulenzen. Mehr Wünsche hatte Angela Merkel im vergangenen Dezember nicht. Hinter ihr lagen ein langes Wahlkampfjahr, mühsame Koalitionsverhandlungen und mehrere Gipfeltreffen. Müde schleppte sich die Kanzlerin in die Weihnachtsfeiertage, wie sie dem Stern in einem kurzen Moment der Schwäche gestand. Drei Tage also, ohne Termine. Und ohne Interviews.
 

Für Berufspolitiker sind solche Auszeiten knapp bemessen. Zwar sind ab heute auch wieder die Berliner Bundestagsbüros verweist. Doch mehrwöchige Osterurlaube sind nicht drin, zumindest nicht für das Spitzenpersonal der fünf großen Parteien. Direkt nach den Feiertagen geht es weiter. Kunduz-Untersuchungsausschuss, Gesundheitsreform, Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen - es gibt viele Gründe, warum sich die Volksvertreter keine Pause gönnen. Doch der Preis ist hoch: Nicht gerade wenige bezahlen das hohe Tempo oftmals mit ihrer Gesundheit. «Wenn es mir um meine eigene Gesundheit ginge, wäre ich nicht Politiker», bekannte kürzlich news.de-Kolummnist Karl Lauterbach (SPD) beim Onlinedienst Planet-interview. «Denn das ist nicht gerade der gesündeste Beruf.»

Stress macht krank - diese Regel gilt natürlich für alle Berufsgruppen. Doch gerade Politiker sehen sich in ihrem Alltag vielen Risikofaktoren ausgesetzt. Termindruck, Arbeitstage von morgens früh bis abends spät, kaum Freizeitausgleich, dafür viele Abendveranstaltungen, mit Alkohol und ungesundem Essen - selbst die größten und stärksten Alphatiere gingen unter diesen Belastungen mit Herz- und Kreislaufproblemen in die Knie. Eine Tatsache, die nicht erst seit heute existiert.

Aufhören kommt nicht in Frage

Helmut Schmidt (SPD) wurde zum Ende seiner Kanzlerschaft bewusstlos im Arbeitszimmer gefunden. Sein Parteifreund Franz Müntefering brach im Wahlkampf 2005 auf offener Bühne zusammen. Aber auch Hans-Dietrich Genscher (FDP), Jürgen Trittin (Grüne), Matthias Platzeck (SPD) oder Gregor Gysi (Linke) kennen das Gefühl, wenn der eigene Körper streikt.

Aber aufhören? Das kommt für Spitzenpolitiker nicht in Frage. Nach kurzer Reha kommt wieder die Karriere an erster Stelle. Ein gutes Beispiel: Horst Seehofer (CSU). 2002 litt er öfter an Atemnot, doch der Wahlkampf stand an und der Bayer ignorierte die Warnsignale. Dann der Kollaps: Fünf Wochen lag er mit einer Herzmuskelentzündung im Krankenhaus, drei davon auf der Intensivstation. Trotzdem kehrte er in die Politik zurück. Sechs Jahre nach seiner Krankheit wurde er schließlich CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident.

Amt und Alter: Gezeichnete Politiker
zurück Weiter Merkel (Foto) Zur Fotostrecke Foto: news.de/dpa (Montage)

Doch was treibt Leute wie Seehofer zurück ins politische Geschäft, das sie bis zum Zusammenbruch gebracht hat und das von vielen Menschen eigentlich verachtet wird? Laut der Allensbacher Berufsprestige-Skala von 2008 liegt der Politikerjob mit sechs Prozent auf dem vorletzten Rang - trotzdem hat kurioserweise das Spitzenpersonal den unbändigen Drang, immer weiter um die Anerkennung der Menschen zu kämpfen.

Nicht auf Macht verzichten

Psychologen kennen das Phänomen. Sie nennen es «Machtrausch». Je höher die Volksvertreter die Karriereleiter emporklettern, umso mehr Macht verspüren sie. Haben sie einmal das Gefühl kennengelernt, wollen sie nicht mehr darauf verzichten - und sie machen immer weiter und weiter. Angeboren ist der Machtrausch jedenfalls nicht, wie der Offenbacher Psychologe Werner Gross einmal in einem news.de-Gespräch verriet. «Ich will ihnen gar nicht absprechen, dass sie nicht sogar als Idealisten beginnen», so Gross. Doch im Verlauf ihrer Karrieren würden sie immer weiter in eine «narzisstische Dimension» hineinrutschen. «Am Ende eint sie alle ein gemeinsamer Nenner: Sie wollen beachtet werden», sagte der Experte.

Beachtung ohne Ende genießt auch der Mann, der den politischen Topjob der Welt bekleidet: der US-Präsident.  Mühen sich deutsche Politiker durch den Bundesalltag und können noch recht unbehelligt in den Urlaub abdüsen, ist das für Politiker vom Kaliber Barack Obama unmöglich.

Lesen Sie auf Seite 2, warum George W. Bush auch in der Luft radeln konnte

In seinem ersten Jahr im Weißen Haus hat sich Barack Obama 26 Tage Freizeit gegönnt, verteilt auf vier Trips. Zum Vergleich: Sein Vorgänger George W. Bush schaffte es in seinem ersten Amtsjahr, 69 Tage auf seiner Ranch in Texas zu verbringen. Herr der Zahlen in Amerika ist der politische Journalist Mark Knoller vom Sender CBS. Er führt genau Buch über die Freizeit der Präsidenten. Lediglich an 21 Tagen schaffte es Obama, nicht vor die Presse zu treten oder fotografiert zu werden.

Um nicht am Machtrausch zu zerbrechen, ist für viele US-Präsidenten ein exzessives Sportprogramm Pflicht. Obama lässt sich gerne beim Golf und Basketball fotografieren, um seine Fitness zu unterstreichen. 29 Runden Golf leistete sich der Präsident in seinem ersten Jahr, weiß Knoller von CBS. Vor wichtigen Abstimmungen im Wahlkampf spielte Obama Basketball - als Glücksbringer.

Und auch in den gefühlten 20-Stunden-Tag wird Sport integriert - am frühen Morgen. Ein Fitnessprogramm ist Pflicht. «Er hat Bewegung schon immer mehr als Pflicht denn als Erholung angesehen», schreibt die Washington Post über Obama.

Nicht nur Obama, auch für andere US-Präsidenten war Sport das Heilmittel gegen den Stress und die Gesundheitsbelastung, die das Amt mit sich bringen. Bill Clinton ging joggen und George W. Bush ließ sogar in der Air Force One ein Trimmrad einbauen, um auf langen Flügen radeln zu können.

Mit 45 aussteigen?

Obama nimmt den Sport ernst, sagt Alexi Giannoulias, eine Freundin von Obama und ehemalige Profi-Basketballerin. «Er ist sehr fit. Er könnte jeden davon überzeugen, dass er nur halb so alt ist», sagte sie der Post. Doch trotz des intensiven Sportprogramms hat das Amt auch an Obama Spuren hinterlassen. Innerhalb weniger Monate ist der Präsident deutlich ergraut. So ging es auch schon Ex-Präsident Bill Clinton. Mit nur 58 Jahren musste sich Clinton 2004 einer vierfachen Bypass-Operation am Herzen unterziehen. Schon während seiner Präsidentschaft in den 1990er Jahren litt Clinton unter Gewichtsschwankungen und hohen Cholesterinwerten. In seinem letzten Jahr im Weißen Haus, 2001, wog er fast 100 Kilo - trotz der regelmäßigen Joggingeinheiten. 

Doch um das Spiel mitspielen zu können, muss man sehr robust sein. Das bestätigt auch SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach. «Menschen, die kränklich sind, halten das nicht lange aus.» Ungeschoren kommt jedenfalls kaum jemand davon. Auch wenn einige dem Druck ohne Infarkt standhalten können, am Ende hinterlässt der Job noch bei jedem seine Spuren. Der Beruf führe dazu, so Lauterbach, dass «viele mit 50, 60 älter aussehen, als sie sind».

Vielleicht ist es ja auch dieses Bild, das der aktuelle Gesundheitsminister vor Augen hat. Die Politik verändere den Menschen, hat Philipp Rösler (FDP) bereits vor Jahren erkannt. Die Konsequenz, die der 37-jährige Senkrechtstarter daraus zieht: Mit 45 will er aus der Politik aussteigen. Zumindest hat er vor Jahren einmal damit in Interviews kokettiert. Ob was Wahres dran ist? Vielleicht hat Angela Merkel mit Ende 30 ja auch so geredet.

/ivb/news.de

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Leserkommentare (7) Jetzt Artikel kommentieren
  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 7
  • 02.04.2010 18:39

Wenn man von nichts eine Ahnung hat und sich alles erkämpfen muss, insb. gegen denjenigen, der ebenfalls keine Ahnung hat, aber auch die Einsicht fehlt, dass politisch Ahnungslose in der Politik eigentlich nicht gebraucht werden, dann ist die Leidenschaft desjenigen, seine Ahnungslosigkeit in Politik umzusetzen und alle andern dadurch zu vergewaltigen, vor allem für die Politik-Betroffenen tödlich. Wer hat denn überhaupt verlangt, dass Politiker ständig das ganze Volk bewegen müssen. Jede Politik freie Stunde ist ein Seegen für die Nation, denn damit vermindert sich in ihr der Schwachsinn.

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  • Kaktus
  • Kommentar 6
  • 02.04.2010 11:49

OOOOH, das tut mir aber leid!!! Diese armen Menschen!!!! Müssen sich als Politiker, mit mehreren Posten in Aufsichtsräten und ihren Posten in der eigenen Kanzlei, für das Volk ihren Ar..h aufreißen und bekommen dafür nur schnöden Mammon und kein bischen Mitleid. Was tun die mir doch leid. Da steht mein Schicksal natürlich hinten dran. Frage an "news.de": Wer schreibt solchen Müll? Und vor allen Dingen, wen interessiert dieser Schwachsinn?

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  • Peter Fischer
  • Kommentar 5
  • 02.04.2010 00:13

Ach die Armen,sie tun mir ja so leid, sie sollten sich auf ihre eigentlichen Aufgaben beschränken für die sie vom Volk gewählt worden sind und nicht sinnlos auf Kosten der Steuerzahler in der Welt herumreisen und nicht an zig Aufsichtsratsitzungen teilnehmen. Wenn sie sich auf das beschränken wofür sie ins Amt gewählt wurden, wofür sie ja horrende bezahlt werden, haben sie genug zu tun, aber durch ihre Raffgier können sie ja nicht genug bekommen. Viele Arbeitnehmer die auch bis zu 12 Stunden und mehr arb - eiten müssen um ihren Job zu behalten werden nicht bedauert und verdienen viel weniger.

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