Kirche in der DDR Die Gratwanderer

Von positiver Kraft der Kirche ist derzeit wenig zu spüren. 1989 war das anders. Christlicher Glaube hatte maßgeblichen Anteil am Umbruch des DDR-Systems. Jene Menschen, die daran beteiligt waren, wundern sich bis heute. Zwei Erinnerungen, stellvertretend für viele.

Jahrestag Leipzig Friedensgebet (Foto)
Friedensgebet zum Jahrestag in Leipzig. Bild: ap

Erstaunen schwindet nicht und auch die Dankbarkeit, mit dabei gewesen zu sein, ist noch da. Zum Beispiel beim katholischen Pfarrer Joachim Kramer, der heute in der Kirchgemeinde Sankt Kilian in Suhl, Thüringer Wald, arbeitet. Die Zeit des Umbruchs vor 20 Jahren hat er in Jena erlebt. Gemeinsam mit den Protestanten engagierte er sich für die politische Wende im Land.

Stolz fühle er sich nicht, bekennt Kramer beim Gespräch im Suhler Pfarrsaal. Ein weiter Raum mit Holzfußboden, leer, bis auf die Stühle, die sich darin stapeln. Warm ist es noch nicht in diesen ersten Frühlingstagen. Die Temperatur ist überschlagen, besser man lässt zu dem Gespräch die Jacke an.

Der Pfarrer blickt selbstkritisch auf seine Vergangenheit, spricht von Schuld. «Die Protestanten waren sehr engagiert. Von der katholischen Kirche kam die Order, sich rauszuhalten, ich spürte, dass das falsch war. Das, was ich getan habe, war eine ständige Gratwanderung», sagt er.

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Kirche als Systemkritik

Kramer ist ein Mann der Tat, das Fromme - im Traditionellen - liegt ihm nicht. Gestern wie heute, sieht er seine Aufgabe darin, über den Tellerrand zu schauen und die Menschen dazu zu veranlassen, dies ebenfalls zu tun. Kirche ist für ihn immer auch Systemkritik.

Heute, als Pfarrer im Thüringer Wald, will er Suhls «roter» Bevölkerung Farbe einhauchen. «Etwas grün für die Ökologie, etwas schwarz für das Christentum, dann wird doch alles schon bunter», sagt er. Damals in den 70ern als Kaplan in Heiligenstadt oder Leinefelde, brachte er den Jugendlichen Bücher und Musik mit, die anders war, organisierte Begegnungsreisen mit Westdeutschen in andere Ostblockländer. In den 80ern, in Jena, begann er zaghaft gegen das System aufzubegehren, bot beispielsweise Dissidenten Jobs in der Kirchgemeinde an. «Das waren kleine Schritte, wenn wir gewusst hätten, was passiert, hätten wir mutiger sein können», sagt er. Aber 20 Jahre später sagt sich das leicht.

Jene, die vor 20 Jahren auf die Straße gingen, die die Drohungen des Staates mit Gebeten erwiderten und Soldaten Lichterketten entgegensetzten, hat längst der Alltag eingeholt. Das, was sie machten, scheint ihnen oft selbstverständlich. Das, was sie erreichten, lässt sie immer noch staunen. Sie fühlen sich nicht als Helden, oft überwiegt die Dankbarkeit, dabei gewesen zu sein. Selbst bei jenen, die maßgeblich am Umbruch beteiligt waren, wie der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche Christian Führer. Bei jenen, die sich mitreißen ließen, sowieso.

Ein ständiges Abwägen

Dabei setzte nicht jeder Kirche mit Widerstand gegen den Staat gleich. Für den Ingenieur Axel Kalteich beispielsweise geriet genau das zum Problem. Kalteich ist heute 41 Jahre alt, wohnt in Leipzig. Schon zu Jugendzeiten war er in der Kirchengemeinde in Hermsdorf, Thüringen, engagiert. «Ich bin da reingewachsen, erst widerwillig, durch meine Eltern», erinnert er sich bei einem Gespräch in einem Leipziger Innenhof. Später, im Alter von 16, 17 Jahren, schätzte er das Umfeld, das ihm die Kirche bot. «Das war ganz anders als heute, gerade was Musik anbetrifft, waren Anhänger verschiedenster Stilrichtungen alle zusammen.» Kalteich selbst engagierte sich im Umweltbereich. Mit Systemkritik verband er das alles nicht.

Er ist ein ehrgeiziger Typ, wichtig war ihm, das Abitur zu schaffen, an Wehrdienstverweigerung dachte er nicht. Offensichtliche Steine habe man ihm nicht in den Weg gelegt. Unterschwellig jedoch spürte Axel Kalteich immer die Skepsis, die ihm sein kirchliches Engagement einbrachte. Der Ingenieur erzählt: «Für gute Leistungen gab‘s damals in der Schule Auszeichnungen, Reisen nach Tschechien oder Russland zum Beispiel. Obwohl meine Leistungen immer gepasst haben, bin ich nie dafür ausgewählt worden, das hat mich lange geärgert.»

Mit Vorurteilen musste er zurecht kommen. Als er einmal als Jugendlicher bei der Arbeit an einer Maschine versehentlich einen Kurzschluss auslöste, wurde ihm postwendend Sabotage unterstellt. Sprüche wie «geh doch nach drüben, wenns dir hier nicht passt», belasteten ihn. «Ich war kein Staatsfeind, nur weil ich in der Kirche engagiert war. Das war ein ständiges Abwägen, was ich noch machen kann, ohne zum Beispiel mein Abitur zu gefährden», sagt Kalteich heute.

Die friedliche Revolution und der Umbruch des Staates waren für ihn deswegen eine Erleichterung. «Dieses Abwägen und auf der Hut sein, das hat endlich aufgehört.»

Stolpern Richtung Zufriedenheit

Unter Druck gesetzt fühlte sich der systemkritische Pfarrer Kramer aus Suhl dagegen nicht. «Wenn die Stasi bei mir zugegriffen hätte, dann wäre das doch sofort durch die Presse gegangen, im Westen, Tagesschau. Die hätten was vom Kirchenkampf in der DDR geschrieben, das wollte niemand. Insofern fühlte ich mich da durch die Institution geschützt.»

Steine, die ihm des Glaubens wegen den Weg holpriger machten, sieht der Pfarrer als Bereicherung. «Es ist doch nicht immer der einfache Weg, der einen zufrieden macht.»

 

san/news.de

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