Region Bitterfeld Von der Dreckschleuder zum Sonnental

Frische Luft statt giftiger Rauchfahnen: Die Chemieregion Bitterfeld hat seit der Wende eine erstaunliche Entwicklung genommen. Doch auch mit dem Einzug der Solarindustrie ist nicht alles besser geworden.

Geschundene Landschaften, die dreckigste Region Europas mit verseuchten Böden und maroden Chemiebetrieben: Bitterfeld und Wolfen, wo einst der erste Farbfilm der Welt hergestellt wurde, waren vor 20 Jahren Synonyme für die heruntergekommene Wirtschaft der DDR. Heute jedoch ist alles anders.

Die Umweltzerstörung hatte ein gigantisches Ausmaß angenommen, wovon die giftigen Rauchfahnen aus den Industrieschornsteinen und schwarze Fassaden der Häuser zeugten. Die Menschen litten unter der schlechten Lebensqualität - und unter dem gnadenlosen Raubbau an der Natur durch den Braunkohleabbau.

Wer aber heute auf dem «Bitterfelder Bogen» in knapp 30 Metern Höhe steht, dem weht auf der 2006 von Claus Bury aus 525 Tonnen Stahl geschaffenen Konstruktion frische Luft um die Nase. Der Blick schweift bei klarem Wetter kilometerweit bis nach Leipzig. Aus dem einstigen Bitterfelder Braunkohletagebau, wo bis zur Wende mehr als 300 Millionen Tonnen Kohle aus der Erde gebaggert wurden, entstand nach der Einheit eine rund 60 Quadratkilometer große See-, Natur- und Kulturlandschaft, eine der weltweit größten zugleich.

Chemiestandort mit Freizeitwert

«Die Chemieregion Bitterfeld hat eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht», sagt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) mit Blick auf den gravierenden Strukturwandel. Immerhin waren 80 Prozent der chemischen Industrie der ehemaligen DDR auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes angesiedelt, wie Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU) sagt. Aus der Region sei eine Freizeitlandschaft mit hohem Erholungswert geworden - «ohne dass der Chemiestandort an Bedeutung verloren hätte», betont Böhmer. Milliardensummen flossen, auch aus Steuergeldern.

Das weithin sichtbare Bayer-Kreuz des Leverkusener Konzerns in Bitterfeld, der hier frei verkäufliche Tabletten produziert, ist eines der Symbole für den Neuanfang. So sind auf dem sanierten Gelände des einstigen Bitterfelder Chemiekombinates, einer der Dreckschleudern schlechthin des Ostens, rund um Bayer etwa 360 Firmen der Chemie-und Pharmaindustrie entstanden. Rund 11.000 Menschen arbeiten hier. «Der industrielle Wandel in dieser Region war sehr tiefgreifend und unumgänglich», sagt Udo Ludwig, Konjunkturexperte am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Mit der Solarindustrie hat sich im «Solar Valley» Bitterfeld-Wolfen zudem eine neue Branche angesiedelt.

Wandel mit Risiko verbunden

Die Arbeitslosigkeit liegt in der Region mit 13,1 Prozent (Februar 2010) unter dem Durchschnitt des Landes Sachsen-Anhalts von 14,3 Prozent (Februar 2010). Eitel Sonnenschein herrscht aber nicht in der Region. Dunkle Wolken sind über dem Solarstandort mit insgesamt etwa 4000 Beschäftigten aufgezogen: Grund ist die von der Bundesregierung angekündigte Kürzung der Subventionen für die Branche, die Solarzellen und -module produziert. «Der Wandel hin zu neuen Industrien, das sind auch Entwicklungen, die mit Risiken verbunden sind», sagt Wirtschaftsforscher Ludwig. Jetzt fange der Staat an, «die Zügel anzuziehen», meint Ludwig mit Blick auf die angekündigten Subventionskürzungen.

Gefragt seien Strategien, die Produktion an neue Marktbedingungen anzupassen und in der Region zu halten. Nachdem der Vorstandschef der Solarfirma Q-Cells, Firmenmitbegründer Anton Milner, angesichts der Milliardenverluste von 2009 das Handtuch geworfen hat, will sein Nachfolger, Finanzvorstand Nedim Cen, das Restrukturierungsprogramm mit eigener Handschrift fortsetzen. Im Vorjahr mussten 500 Mitarbeiter bei Q-Cells gehen, die Firma beschäftigt derzeit 2200 Menschen.

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hav/ped/news.de/dpa

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ma Px
  • Kommentar 1
  • 14.04.2010 20:18

Als ich von 1991-93 in Bitterfeld für eine Beratungsfirma gemeinsam mit Vertretern des Landkreises und der damaligen chemischen Industrie an einem zukunftsorientierten Plan für die Entwicklung des Standortes arbeitete, schufen wir die Konzepte für das was heute ist. Es freut mich sehr diesen Beitrag zu lesen, um zu erfahren, dass die endlosen Stunden, wie auch das große Engagement der beteiligten zu einem so erstaunlichen Ergebnis geführt haben. Natürlich ist kein größerer Industriestandort von Krisen gefeit, da ist Anpassung erforderlich! Bitterfeld kann auch dies meistern.

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