Die Zukunft ist freiwillig
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Von Florian Bernschneider
Artikel vom 23.03.2010
Der Zivildienst wird verkürzt - bricht jetzt der Notstand im Sozialbereich aus? Keineswegs, sagt Florian Bernschneider in der news.de-Kolumne. Der FDP-Bundestagsabgeordnete meint: Wichtiger als ein Pflichtdienst ist die freiwillige Hilfe von jungen Menschen.
Die Wehrpflicht wird von neun auf sechs Monate verkürzt, und damit auch der Zivildienst. Das hat zu reichlich unnötigem Alarmismus geführt. Gar vom Untergang des Sozialstaats war die Rede. Blickt man aber auf die Tatsachen, bleibt vom sozialpolitischen Wirbelsturm «Wehrpflichtverkürzung» nur ein laues Lüftchen übrig.
Denn gerade der Zivildienst hat auch ohne Dienstzeitverkürzung einen erheblichen Wandel und eine beachtliche Karriere hinter sich. Vom Ersatzdienst für vermeintliche Drückeberger hat er es geschafft, heute für viele der einzige Grund zu sein, warum man an der Wehrpflicht festhalten muss. Zivildienstleistende unterstützen die Altenpflege, sind in Jugendzentren aktiv, arbeiten als Hausmeisterhilfen. Gerade unter dem Gesichtspunkt des demographischen Wandels scheint diese Unterstützung durch junge Menschen dringender denn je.
Nur noch 40 Prozent tun Dienst
Trotzdem hat sich die Zahl der Zivildienstleistenden in den vergangenen zehn Jahren nahezu halbiert - auch, weil nur noch knapp 40 Prozent eines Jahrgangs junger Männer überhaupt noch zu Wehr- oder Zivildienst herangezogen werden. Die 66.000 Zivildienstleistenden, die im Jahr 2009 pro Monat durchschnittlich Dienst taten, stellen lediglich 1,8 Prozent der 3,5 Millionen Beschäftigten im Sozialbereich dar. Es ist auch den vielen Beschäftigten im Sozialbereich unfair gegenüber, die Rolle der Zivildienstleistenden – so wichtig sie auch sein mögen – derart aufzubauschen.
Auch das häufig vorgetragene Argument, der Zivildienst dürfe nicht verkürzt werden, weil sonst beispielsweise in der Pflege die Bezugspersonen verloren gehen würden, ist nicht nachvollziehbar. Ob nun sechs, neun oder zwölf Monate: Der Zivildienstleistende darf nie die alleinige Bezugsperson sein. Bezugspersonen in der Pflege müssen die festangestellten Pfleger bleiben. Zivildienstleistende sollen und dürfen vorhandene Arbeitsplätze, das verlangt der Grundsatz der Arbeitsmarktneutralität des Zivildienstes, nicht ersetzen. Es muss auch die Frage erlaubt sein, ob gewährleistet werden kann, dass junge Menschen, die einen Pflichtdienst absolvieren, überhaupt die so häufig beschriebene enge Beziehung zu Pflegebedürftigen aufbauen können.
Anders hingegen liegt der Fall bei den Freiwilligendiensten. Hier entscheiden sich junge Menschen bewusst dazu, für mindestens sechs Monate eine solche Tätigkeit aufzunehmen. Und die Realität zeigt schon heute, dass diese Freiwilligendienste viele ehemalige Zivildienststellen ersetzen.
Mehr Bewerber als Angebote
Die Freiwilligendienste haben dem Zivildienst in vielen Bereichen längst den Rang abgelaufen. Und sie beweisen auch, dass man keinen Zwang braucht, damit junge Menschen soziale Aufgaben übernehmen. Schon heute kommen drei Bewerber auf einen Freiwilligendienstplatz.
Die FDP gibt daher der Freiwilligkeit gegenüber staatlich organisierten Pflichtdiensten den Vorzug und setzt auf die Freiwilligendienste - auch im Rahmen der Verkürzung der Wehrpflicht. Im Jahr 2009 haben sich rund 85.000 junge Menschen für einen Freiwilligendienst beworben. Am Ende konnten mit dem zur Verfügung stehenden Geld nur etwa 25.000 Plätze gefördert werden. Dieses Potenzial gilt es in Zukunft besser zu nutzen.
Deshalb ist im Koalitionsvertrag neben der Verkürzung der Wehrpflicht auch eine qualitative wie quantitative Stärkung der Freiwilligendienste festgehalten. In diesen Freiwilligendiensten leisten junge Menschen - egal ob Mann oder Frau - nicht nur etwas für unsere Gesellschaft, sondern nehmen wichtige Erfahrungen für ihr weiteres Leben und ihre berufliche Orientierung mit.
Natürlich steht die FDP zum im Koalitionsvertrag beschlossenen Kompromiss, Wehr- und Zivildienst auf sechs Monate zu verkürzen. Vorwürfe, wir wollten den Zivildienst schwächen, um die Wehrpflicht aussetzen zu können, sind falsch. Im Gegenteil: So lange es den Zivildienst gibt, wollen wir ihn für Träger und vor allem für die Zivildienstleistenden selbst attraktiv gestalten.
Aber es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass die Wehrpflicht politisch wie juristisch - Stichwort Wehrgerechtigkeit - umstritten ist. Der Fortbestand des Zivildienstes ist an den Wehrdienst gekoppelt. Fällt die Wehrpflicht weg, gibt es auch keinen Zivildienst mehr.
Dies zeigt: Die Zukunft liegt im freiwilligen Engagement. Mit Blick auf den demographischen Wandel und die damit einhergehenden Herausforderungen für unsere Gesellschaft wird freiwilliges, bürgerschaftliches Engagement einen immer größeren Stellenwert erhalten. Eben dieses können gerade junge Menschen über die Freiwilligendienste erfahren und schätzen lernen.
News.de-Kolumnist Florian Bernschneider, geboren 1986 in Braunschweig, ist seit 2003 Mitglied der FDP. Seit Oktober 2009 ist er Mitglied des Deutschen Bundestags und jugendpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Er studiert Betriebswirtschaftslehre im dualen Studium in Baden-Württemberg und bei der Norddeutschen Landesbank.
mik/hav/reu/news.de
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