Lothar de Maizière «Das Volk befreite sich selbst»

Der letzte DDR-Regierungschef Lothar de Maiziere (re.) spricht vor dem Bundestag. (Foto)
Der letzte DDR-Regierungschef Lothar de Maiziere (re.) spricht vor dem Bundestag. Bild: dpa

Der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière nutzt seine Rede zum Gedenken an die erste freie Volkskammerwahl vor 20 Jahren zu einem «Plädoyer für die Freiheit». Ein Volk sei sich damals seiner selbst bewusst geworden und habe sich selbst befreit.

In einer Feierstunde im Reichtstag würdigte de Maizière den gewaltlosen Verlauf der Revolution 1989. Das sei zum einen den friedlichen Demonstranten zu verdanken, zum anderen aber auch jenen, die über die Waffen zu entscheiden hatten und nicht davon Gebrauch machten. Dieser «Rausch der Begeisterung für Veränderung» habe über den Runden Tisch zur freien Volkskammerwahl geführt. Doch schon damals sei klar gewesen, dass das DDR-System nicht zu reformieren war, sondern «nur noch zu überwinden».

Am 18.März 1990 hatten die DDR-Bürger erstmals in freier Wahl ihre oberste Volksvertretung bestimmt. Von den 12,2 Millionen Wahlberechtigten gaben 94 Prozent ihre Stimme ab - die höchste Wahlbeteiligung in der deutschen Geschichte. Damaliger Sieger waren die Parteien der Allianz für Deutschland (CDU, DSU, DA) mit 48 Prozent, für die favorisierte SPD stimmten knapp 22 Prozent der Wähler, für die SED-Nachfolgepartei PDS 16,4 Prozent und für die Bürgerrechtsvereinigung Bündnis 90 2,9 Prozent.

Ausdrücklich lobte de Maizière auch die Rolle der Kirchen bei der friedlichen Revolution. Die Kirche sei in der DDR der einzige Ort von Meinungsvielfalt und Dialog gewesen. Die Arbeit der 10. DDR-Volkskammer nannte er einen «historisch einmaligen Vorgang», sei doch ein Parlament zusammengetreten, «dass vom ersten Tag an an seiner Abschaffung arbeitete». Denn die Wahl vor 20 Jahren sei letztlich ein «Plebiszit zur deutschen Einheit» gewesen.

De Maizière («Meine Generation hatte noch nie frei gewählt.») appellierte daran, die Freiheits- und Bürgerrechte eines demokratischen Rechtsstaats zu achten und das Recht zur Wahl auch auszuüben. «Ich werde so lange ich lebe, zu jeder freien Wahl auch hingehen.» Der 70-Jährige schloss seine Rede mit der Hoffnung nach einem weiteren Zusammenwachsen von Ost und West. Nation heiße nicht nur eine gemeinsame Geschichte, sondern mehr noch eine gemeinsame Zukunft zu haben.

Riesiges Internet-Archiv zur Volkskammer

DDR-Volkskammer
Freie Wahlen vor dem Ende der Republik

Die Arbeit des letzten DDR-Parlaments, das nur von April bis Oktober 1990 amtierte, kann online nahezu lückenlos nachvollzogen werden. Pünktlich zum 20. Jahrestag der ersten freien Volkskammerwahl stehen Videos aller Parlamentssitzungen sowie sämtliche Protokolle und Drucksachen jener Monate auf der Webseite des Bundestags zur Verfügung.

Nach der Wahl vom 18. März 1990 hatte die Volkskammer am 5. April ihre Arbeit aufgenommen. Am 2. Oktober - einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung - löste sich das Parlament wieder auf.

Wilhelm Schröder vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften sieht in dem Archiv eine «einmalige Chance» für Historiker und Schulen. Mit Hilfe des Materials könne man «lernen, wie man Demokratie lernt» - nur drei Prozent der damaligen Abgeordneten hatten bereits vorher in der Volkskammer gesessen.

mac/hav/ivb/news.de/ddp

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