Im Sonderzug nach Erfurt
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Von Joachim Schucht
Artikel vom 19.03.2010
«Willy Brandt ans Fenster», forderten hunderte Menschen lautstark am Erfurter Bahnhof. Und er kam ans Fenster: Brandt reiste vor 40 Jahren als erster bundesdeutscher Kanzler zum Spitzengespräch in die DDR. Ein Annäherungsversuch zwischen West und Ost.
Es war ein aufwühlender Tag. Als Willy Brandt am 19. März 1970 mit einem Sonderzug um 9.26 Uhr auf dem Erfurter Hauptbahnhof einrollte und zum Tagungshotel «Erfurter Hof» direkt gegenüber geleitet wurde, wartete schon eine riesige Menge. Zum ersten Mal war ein bundesdeutscher Kanzler zu einem Spitzengespräch in die DDR gekommen. Eine Stasi-Heerschar war auf dem Vorplatz mit dem Befehl im Einsatz, Sympathiekundgebungen für Brandt zu verhindern.
Doch das misslang gründlich. Die Menschen ließen ihren Gefühlen freien Lauf und skandierten «Willy Brandt ans Fenster». Tosender Jubel brandete auf, als sich der sozialdemokratische Regierungschef um 9.45 Uhr zeigte. Mit einer zögernden Handbewegung, die unten verstanden wurde, bat er die jubelnden Menschen um Zurückhaltung.
Die Bilder gingen um die Welt und brannten sich bei vielen ins Gedächtnis ein. Der Weg zur deutsch-deutschen Entspannung als ein Markstein für die spätere Einheit wurde damals geebnet. «Der Tag von Erfurt. Gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre?», schrieb Brandt in seinen 1989 erschienenen Erinnerungen über das Treffen mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph.
«Jetzt finden wir wieder zusammen.»
Am 6. März 1990, zweieinhalb Jahre vor seinem Tod, kam der SPD-Ehrenvorsitzende noch einmal im selben Salonwagen nach Erfurt. Das Erkerfenster, hinter dem sich Brandt zwei Jahrzehnte zuvor gezeigt hatte, war weit geöffnet. «Ich hatte schon damals das Gefühl, man darf die Dinge nicht aufheizen», rief er diesmal nach unten. «Aber die Jahre des Wartens und der Enttäuschung, die sind jetzt vorbei. Allen Widrigkeiten zum Trotz finden wir jetzt wieder zusammen.»
In einem neuen Buch werden die Abläufe des historischen Besuchs und die Vorgeschichte anhand von inzwischen freigegebenen Akten nachgezeichnet. Die Autoren Jan Schönfelder und Rainer Erices sind dabei auch auf bislang nicht bekannte Fakten gestoßen. So informierte Brandts Emissär Egon Bahr die DDR-Seite etwa vorab darüber, was der Kanzler in einer Regierungserklärung vor dem Bundestag der DDR anbieten wolle: «Anerkennung als Staat - Ja. Völkerrechtliche Anerkennung - Nein.» Das bedeutete nach 20 Jahren der Zweistaatlichkeit eine Sensation. Bahr teilte dem Ost-Berliner Unterhändler auch mit, dass das Wort «Wiedervereinigung» in Brandts Rede nicht vorkommen werde, um das Klima in Erfurt nicht zu belasten.
Eine Intrige Honeckers oder schlicht polizeiliche Unfähigkeit?
Trotzdem wurde Stoph von SED-Chef Walter Ulbricht mit dem Auftrag in das Treffen geschickt, die volle völkerrechtliche Anerkennung der DDR durchzusetzen. «Ihm war kaum beizubringen, dass wir im Interesse der betroffenen Menschen an wirklich normalisierten Beziehungen interessiert waren, nicht jedoch daran, dass wir im Verhältnis zueinander Ausland würden», so Brandt.
Wie schockiert die SED-Spitze von Brandts Empfang in Erfurt war, geht aus Akten hervor, die nach der Wende im früheren SED-Archiv entdeckt wurden. Die Staatssicherheit «identifizierte» damals 750 Personen, von denen 485 in «operative Behandlung» genommen wurden. Auch diverse Verschwörungstheorien kursierten - etwa die These, wonach es sich um eine von Erich Honecker und Stasi-Chef Erich Mielke eingefädelte Intrige gehandelt habe, um Ulbricht zu stürzen. Doch andere Zeitzeugen halten das für Unfug. «Es war schlichte Unfähigkeit der Erfurter Polizei und der Sicherheitsorgane», widersprach in seinen Erinnerungen Kurt Seidel, der damals der DDR-Delegation angehörte.
Annäherungsversuch mündet in «Denkpause»
Als weitgehend unergiebig, aber notwendig bezeichnete Brandt die Gespräche mit Stoph. «Warum? Wir mussten uns, wenn wir die Lage in Europa zu unseren Gunsten verändern wollten, zunächst um ein Mindestmaß an geordneten Beziehungen im geteilten Deutschland bemühen. Wir haben die Teilung auch damals nicht anerkannt, doch wir mussten sie politisch zur Kenntnis nehmen, um sie politisch überwinden zu können», betonte Brandt. Beim zweiten Treffen mit Stoph am 21. Mai 1970 in Kassel legte er einen 20-Punkte-Plan für eine vertraglich geregelte Annäherung vor. Die DDR reagierte gereizt. Vereinbart wurde eine «Denkpause» zwischen Bonn und Ost-Berlin - erst einmal.
Autoren: Jan Schönfelder und Rainer Erices
Titel: Willy Brandt in Erfurt
Verlag: Ch. Links Verlag, Berlin
Seitenzahl: 336 Seiten
Preis: 24,90 Euro
Erscheinungsdatum: März 2010
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