Sünden der Kirche Historisches «Mea culpa» des Karol Wojtyla

Sieben Theologen hatten drei Jahre lang an dem Dokument gearbeitet, das der 79-jährige Johannes Paul II. am 12. März 2000 vortrug: Vor Tausenden von Gläubigen bedauerte er im Petersdom die Sünden der «Söhne der Kirche».

Judenfeindlichkeit, Gewalt gegen Andersgläubige, Inquisition und Diskriminierung hätten das «Antlitz der Kirche entstellt», sagte der polnische Pontifex, kniete vor einem Kreuz nieder und küsste es.

Zehn Jahre später hallt dieses erste umfassende «Mea Culpa» eines Papstes noch nach. Von manchen die «Beichte der katholischen Kirche» genannt, errichtete Johannes Paul damit einen Meilenstein seines Pontifikats. Der 12. März 2000 als erster Sonntag der Fastenzeit war das symbolträchtige Datum für den «Tag der Reue». Das Echo darauf war überwiegend positiv. «Die Kirche und die Schuld der Vergangenheit - Erinnern, um zu versöhnen», so lautete das Dokument, an dem auch Joseph Ratzinger maßgeblich mitgefeilt hatte, der damals noch der deutsche Kurienkardinal war.

Das feierliche Schuldbekenntnis für die Sünden der katholischen Kirche - nicht ausdrücklich auch der Institution selbst - war ein Höhepunkt im Heiligen Jahr 2000. Und es schlug den Bogen über zwei Jahrtausende hinweg. Es ging um Gewalt in Religionskriegen, um die fürchterliche Inquisition, um Rassismus und um die auch heute noch kritisierten Versäumnisse der Kirche während des Nationalsozialismus.

«Christen haben häufig das Evangelium verleugnet und der Logik der Gewalt nachgegeben.» Das war so ein Kernsatz in dem siebenteiligen Reuegebet, mit dem Karol Wojtyla zu Beginn des neuen Jahrtausends ein Zeichen der Glaubwürdigkeit setzen wollte - dabei allerdings Kreuzzüge oder Glaubenskriege nicht beim Namen nannte.

Israelis waren vom «Mea Culpa» enttäuscht

Die Jahrhunderte lange Judenfeindlichkeit der Kirche war ein ganz wichtiger Punkt: «Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Lauf der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung.» Das «Mea Culpa» sei zwar ein «Meilenstein» gewesen, hieß es von jüdischer Seite, doch fehle ein klares Wort zur Rolle des Vatikans während des Holocaust. Und die ist doch bis heute noch nicht ausreichend erhellt.

Johannes Paul II. wollte die feierliche Vergebungsbitte, und er wusste, dass sie zur Gratwanderung geriet: Im konservativen Vatikan hatte es massiven Widerstand gegen das «Mea Culpa» der Kirche gegeben - und nicht nur die jüdische Seite, auch die Reformbewegung «Wir sind Kirche» hätte sich noch offenere Papst-Worte gewünscht.

Nur Wochen nach dem «Mea Culpa» bereiste der Pole dann Israel. Viele Israelis waren enttäuscht von den Worten, die Johannes Paul in Rom gefunden hatte. Doch als Pilger angekommen, bat dieser nach einem Gebet mit Rabbinern an der Klagemauer in Jerusalem das Volk der Juden um Vergebung. Damals wie heute ist die von seinem Nachfolger Benedikt XVI. vorangetriebene Seligsprechung des Pius XII. ein Sprengsatz in den Beziehungen. Denn diesem Papst hält man vor, zum Holocaust damals geschwiegen und nicht genug getan zu haben, um die Juden zu retten.

Die Kritik an Johannes Paul II., er habe nicht konkret genug Position bezogen, ist jetzigen Vorwürfen gegen Papst Benedikt XVI. nicht unähnlich. Jede Rede zum Holocaust wird abgeklopft - ist von Reue die Rede, entschuldigt sich dieser deutsche Papst für das «Schweigen» in dunkelster Zeit, geißelt auch er den Antisemitismus? Oder: Bekennt er die Schuld der Kirche an den zahllosen Missbrauchsfällen? Dieses sind verständliche Erwartungen an den heutigen Pontifex - von dem manche sagen, er sei zunächst entschieden gegen das «Mea Culpa» aufgetreten.

Doch wie meinte Karl Lehmann, damals der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, zur Kritik von Reformern und Juden am Papst auch: So etwas könne nicht beliebig oft wiederholt werden, «sonst werden die Worte sehr schnell inflationär, gleichgültig und unglaubwürdig.»

mac/hav/news.de/dpa

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