Fr., 10.02.12

Arznei-Debatte «Die Pharmaindustrie beeinflusst alle»

Von news.de-Redakteur Timo Nowack

Artikel vom 11.03.2010

Gesundheitsminister Rösler ruft zum Kampf gegen die Arzneimittelriesen auf. Doch Pharmakritiker Peter Sawicki sieht nur geringe Erfolgschancen. Im Gespräch erzählt er von Preisanstiegen um 4000 Prozent und warnt vor der Zerschlagung des Gesundheitssystems.

Gesundheitsminister Rösler hat angekündigt, Pharmafirmen zu Rabatten auf Medikamente und Verhandlungen mit den Krankenkassen zu zwingen. Überrascht sie das?

Sawicki: Ja, ich hätte nicht gedacht, dass er das so klar sagt. Es ist nur die Frage, wer das hinterher umsetzt und wie. Außerdem halte ich das mit den Rabatten für Quatsch, das bringt nichts. Und mit allen Kassen einzeln zu verhandeln, ist auch wenig zielführend, wegen unnötiger Bürokratie und weil die Industrie die Kassen gegeneinander ausspielen wird. Das hat sie bisher auch so gemacht: Sie vereinbart mit einer Kasse etwas und dann fallen die anderen um, weil sie mitziehen müssen.

Befürchten Sie durch direkte Verhandlungen zwischen Krankenkassen und
Pharmaunternehmen Folgen für Ihr Institut?

Sawicki: Die Frage ist, auf welcher Basis diese Verhandlungen stattfinden. Ist diese Basis ein Dossier des Herstellers, werden die Kassen über den Tisch gezogen. Man müsste den Anfangspreis auf der Basis einer unabhängigen Schnellbewertung innerhalb von drei Monaten festlegen - zum Beispiel durch uns. Dafür müssten wir aber unsere Arbeitsweise deutlich beschleunigen und vereinfachen.

Herr Rösler will von den Firmen auch verlangen, dass sie den Zusatznutzen neuer Medikamente nachweisen.

Sawicki: Dass Herr Rösler das überprüfen lassen will, ist sehr schön. Aber die Industrie möchte das verhindern, denn sie will eine direkte breite Verordnung. Und Studien, die den Nutzen untersuchen, sind für die Pharmaindustrie gefährlich, denn häufig kommt dabei ein Schaden heraus. Und weil es viel einfacher ist, die Wirkung zu beweisen als den Nutzen. Es gibt zum Beispiel einen Cholesterinsenker namens Torcetrapib von der Firma Pfizer - ein sehr wirksames Präparat. Und weil Pfizer so überzeugt davon war, haben sie auch gleich den Nutzen überprüft. Dabei zeigte sich, dass das Cholesterin sinkt, aber die Mortalität steigt. Die Menschen sterben also mit einem niedrigeren Cholesterinwert. Und das führte dann zur Nicht-Zulassung des Medikaments. Darum werden die Firmen eine Überprüfung des Nutzens vor der Zulassung vermeiden, wo immer sie können.

Sie glauben also, dass Herr Rösler sich nicht wird durchsetzen können?

Sawicki: Wenn er einen guten Vorschlag macht, wird er ein Problem haben mit seinem Koalitionspartner, mit der pharmazeutischen Industrie und mit den Ärzten, die auf der Gehaltsliste der Industrie stehen. Ich hätte ihm gerne geholfen, da ich aber nicht weitermachen darf, wird dies leider nicht möglich sein.

Sie spielen darauf an, dass Ihr Vertrag als Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) nicht verlängert worden ist - auch durch den Einfluss des Gesundheitsministeriums. Halten Sie Herrn Rösler bei diesen Forderungen überhaupt für glaubwürdig?

Sawicki: Ich glaube schon, dass er sich bemüht, dass Medikamente nicht diese immensen Preise kosten. Aber er muss jemandem wehtun. Und am wenigsten sollte man den Bürgern, die die Solidargemeinschaft finanzieren, weh tun. Deshalb könnte man sich überlegen: Vielleicht reicht es auch, wenn die Pharmaindustrie auf eine Gewinnmarge zurückgestuft wird, auf der auch andere Industrien stehen, wie die Auto- oder Elektronikindustrie. Die machen vielleicht fünf oder sechs Prozent Gewinn - und nicht 20.

Wie groß ist der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Politik?

Sawicki: Das Unterhaus in England hat das untersuchen lassen. Der Schlusssatz des Gutachtens lautet: Die Pharmaindustrie beeinflusst alle Ebenen und vor allem auch Politiker. Das gilt für die ganze Welt. Gerade vor vier Wochen gab es eine ähnliche Stellungnahme des Senates in den USA und vor einiger Zeit auch eine ähnliche Studie in Holland. Unser Parlament in Deutschland hat so ein Gutachten leider nicht in Auftrag gegeben. In England gibt es auch eine Regelung, dass alle Gutachter und Experten, die medizinisch beraten, ihre Interessenkonflikte öffentlich machen müssen. Das sollte man in Deutschland auch umsetzen.

Wie kooperieren die deutschen Ärzte mit der Pharmaindustrie?

Sawicki: 80 Prozent der Fortbildungsveranstaltungen für die Ärzte werden in Zusammenarbeit mit der pharmazeutischen Industrie durchgeführt und entsprechend sind sie auch. Es gibt aber auch Pharmavertreter in den Praxen, kostenlose Zeitschriften mit gesteuerten Artikeln, pharmagesponsorte Kongresse und mit pharmazeutischen Unternehmen eng kooperierende Fachgesellschaften, die Leitlinien für Ärzte erstellen. Die Informationen, die bei den Ärzten ankommen, sind also zum großen Teil beeinflusst durch die pharmazeutische Industrie. Da die Ärzte verpflichtet sind, sich fortzubilden, müssten die Ärztekammern eigentlich sagen: Nur tatsächlich unabhängige und qualitativ hervorragende Veranstaltungen werden als verpflichtende Fortbildung anerkannt. Aber das schaffen sie nicht, und ich frage mich warum.

In Ihrem Institut prüfen sie den Zusatznutzen von neuen Medikamenten, die schon zugelassen sind. Was heißt das genau?

Sawicki: Dass es bereits eine Behandlung gibt und wir überprüfen, ob das neue Medikament besser ist. Genau dieser Zusatznutzen wird bei der Zulassung nicht geprüft. Da werden die Medikamente nur gegen Placebo geprüft, also gegen nichts. Aber Ärzte und Patienten wollen ja nicht wissen, ob ein neues Medikament besser ist als nichts, sondern, ob es besser ist als das, was bisher mit gutem Erfolg verwendet wurde. Ist das Neue nicht besser als das Bewährte, brauchen wir es nicht. Ist es besser, schauen wir, wie viel besser. Verlängert es etwa das Leben der Patienten um Jahre oder erhöht es bloß die Bequemlichkeit, weil es statt zweimal nur noch einmal am Tag eingenommen werden muss. Schließlich prüfen wir, ob ein Zusatznutzen in einem angemessenen Verhältnis zu den Zusatzkosten steht: Wenn ein Medikament etwa bei jedem Tausendsten die Lebensqualität verbessert, aber 40-mal teurer ist als das alte, sagen wir: Das ist nicht angemessen.

40-mal teurer?

Sawicki: Ja, zum Beispiel das Medikament Lucentis zur Behandlung am Auge. Da hat ein Unternehmen ein altes Medikament namens Avastin genommen, ein Molekülteil abgespalten und gesagt: Nun ist es neu, also eine Innovation, und heißt Lucentis - und es ist 40-mal teurer.

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URL : http://www.news.de/politik/855047903/die-pharmaindustrie-beeinflusst-alle-ebenen/1/
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Leserkommentare (11)
  • Kommentar: 11
  • 22.03.2010 16:06
von
heinz
Antwort auf Kommentar 6

die sind doch nur um den kleine aus zu rauben und sich die taschen zu stopfen,aber mit nehmen kann keiner ob reich oder ahrm, heinz

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  • Kommentar: 10
  • 15.03.2010 05:43
von
hpklimbim

Seit gestern weiß ich auch, dass es in unserer Familie einen Fall gibt, wo ein an einem Gehirntumor Leidender in absehbarer Zeit sterben wird. Der Mann sitzt bereits von Cortison aufgepumpt im Rollstuhl, die Ehefrau hat sich entschlossen, keine Chemotherapie mehr durch führen und ihn in Würde sterben zu lassen. Es sind alle nur dankbar dafür. Vielleicht kommt aber noch irgend so ein Kassenwichser vorbei und inszeniert ein Strafverfahren wegen angeblich unterlassener medizinischer Versorgung, meint tatsächlich aber die hier verwehrte Möglichkeit zum Einsatz einer Vielzahl von Gerätschaften.

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  • Kommentar: 9
  • 13.03.2010 20:31
von
hpklimbim

Und zum Kommentar von Lester Maul - ich habe schon vor 30 Jahren gesagt, dass das Gesundheitssystem vom Fehlen jeglicher Kontrollmöglichkeit geprägt ist. Die Ärzte beschweren sich einerseits völlig zu Recht über ausufernde Bürokratie. Andererseits verweigern sie sich der Kontrolle durch die Patienten. Jeder Handwerker, der keinen unterschriebenen Stundenzettel vorlegt, bekommt zu recht kein Geld, oder muss mindestens Kürzungen hin nehmen. Hinsichtlich der Abrechnungen meiner Ärzte bei den Krankenkassen hat mich noch nie jemand gefragt, ob das auch stimmt, was da abgerechnet wird.

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  • Kommentar: 8
  • 13.03.2010 18:43
von
RAGNAROEKR
Antwort auf Kommentar 6

Einverstanden. Was haben wir jedoch für einen Markt, zwei Monopole - Krankenkassen und Pharma - auf dem Beutezug. Beitragsbelastete leiden ebenso darunter, wie die Ärztschaft. Der Sozialstaat ist zum Staatskapitalismus geworden und das war nicht die Idee vom Staat.

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  • Kommentar: 7
  • 13.03.2010 13:26
von
hpklimbim
Antwort auf Kommentar 5

Der Ursprungsgedanke der Sozialversicherungssysteme war das Gemeinwohl aller Arbeitenden. Die Mitarbeiter der Krankenkassen dienten den Versicherten mit ihrer Arbeitsleistung. Zum Arzt ging man nur, wenn es unbedingt notwendig war. Das Ende der Sozialversicherungssysteme wird der Mißbrauch durch den Einzelnen bilden. Fällig werdende Leistungen als Folge von Extremsport haben im Portfolio sozialer Einrichtungen ebenso wenig zu suchen wie die Behebung von Brandschäden als Folge übertriebener Besuche von Grillhähnchenstudios und aufgeblähter Verwaltung und Forschung zu Lasten des Humangedankens.

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  • Kommentar: 6
  • 13.03.2010 13:05
von
hpklimbim
Antwort auf Kommentar 5

Hallo, ich bin seit 28 Jahren insulinpflichtiger Diabetiker. Preis für eine Packung Insulin im Jahre 1982 gerundet 90,00 DM(!!!), 1992 schon 200,00 DM, im Jahre 2009 bereits 430,00 Euronen(!!!). Man schaue sich vergleichsweise mal die Entwicklung der Löhne und der Lebenshaltungskosten an. Die Branche selbst fliegt gerne vorzugsweise an den Wochenenden zur "Fortbildung" mit grosszügigster Unterstützung des Bundesministeriums für Finanzen nach Mallorca an den Ballermann, um dort zu büffeln...... Vielleicht Hektoliterweise und mit Kondomen. Nur Staat und kein Kapitalismus? In übelster Form!

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  • Kommentar: 5
  • 12.03.2010 15:20
von
RAGNAROEKR
Antwort auf Kommentar 3

Teilweise exzellente Argumentation, wenn nicht durch den Begriff des Kapitalismus Verwirrung gestiftet worden wäre. Die gesetzl. Zwangsversicherungssysteme sind dem Staatssektor zuzurechnen. Ob eine Flucht des Staates ins Privatrecht vorliegt,wollen wir beiseite lassen.Wichtiger ist RAGNAROEKR die Abkehr der Versicherungssysteme vom Gemeinwohlgedanken und vor allem, dass keine Sättigungsgrenze für Versicherungsleistungen ersichtlich gemacht werden kann. Es ist stets das Gleiche, die Leistungen sind irgend wann einmal unfinanzierbar. Rösler muss mit aller Härte gegen die Beteiligten vorgehen.

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  • Kommentar: 4
  • 12.03.2010 10:23
von
geminator47

Herr Rösler wird genauso vor der Pharmalobby zerbröseln und kuschen wie alle anderen Gesundheitsminister auch. Er wird mit Argumenten zugeworfen werden, die er nicht ablehnen kann. Es gibt ja nicht nur die Schweiz. Was Rösler jetzt macht, ist nur reines Säbelrasseln für die blöden Bürger. Die FDP braucht dringend gute Schlagzeilen. Dass die Pharmaindustrie durch ihre Wucherpreise das Gesundheitssystem ruiniert und zum Kollaps führt, stört unsere Politiker nicht. Sie wissen auch nicht mehr, von wem und warum sie gewählt worden sind.

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  • Kommentar: 3
  • 11.03.2010 20:49
von
hpklimbim

Das mit dem Hochzüchten von Systemen im Kapitalismus ist ja nicht neu, auch die Job-Center für die Hartz-IV Empfänger sind ein solches System, hier zur Verwaltung gezielt erzeugter Armut. Beim Gesundheitssystem weckt man auf der einen Seite bei den Patienten die Hoffnung auf ein ewiges Leben unter den absurdesten Bedingungen an einer Vielzahl von Gerätschaften, und begründet so den Bedarf ungehemmt voran getriebener Experimente unter dem Deckmantel der Humanmedizin am tatsächlichen Bedarf der Menschen vorbei, auf der anderen Seite bedienen sich Heerscharen an den Beiträgen der Versicherten.

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  • Kommentar: 2
  • 11.03.2010 16:06
von
RAGNAROEKR

Rösler´s Kampf gg Bürokratien ist bewundernswert. Auch Sawicki hat Recht. Nach RAGNAROEKR gilt jedoch, dass die Medizin wieder vom Patienten verantwortet werden muss. Der eigentliche Mangel ist nämlich, dass über den Kopf des Patienten hinweg Systeme (ein Fonds, Krankenkassen, Kassenärztl. Vereinigungen, Ministerien, Industrielobby, usw.) hochgezüchtet wurden, die mit dem Patienten nichts zu tun haben. Ein guter Gedanke, Krankenversicherung, und hunderte die dabei verdienen, Verteilkoalitionen, macht das System absurd. Die Zerschlagung der Systeme u. den Patienten berechtigen ist die Lösung.

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  • Kommentar: 1
  • 11.03.2010 14:09
von
friese

Eine Tatsache ist doch, wir haben in Deutschland zuviel Krankenkassen mit den Wasserköpfen mit den unsummen an Gehältern und da soll der liebe Herr Rösler auch mal anfangen. Weiterhin können wir ja unsere Arzneimittel z.b. auf den Kanaren kaufen, denn dort sind sie noch günstiger und alles ohne Rezept zu bekommen. Unglaublich welche Preisunterschiede. Ich rate nur allen die eine möglichkeit haben, ihre Medikamente dort zu kaufen, sie von den Freunden mitbringen zu lassen. Ist ja schon bekannt und man sieht es an den langen Schlangen an der Kasse.

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