Robert Havemann Staatsfeind Nummer eins der DDR

Er war überzeugter Kommunist, Naturwissenschaftler, Bürgerrechtler und entkam nur knapp dem Fallbeil der Nationalsozialisten. Die SED erklärte den vor 100 Jahren geborenen Robert Havemann zur «Unperson».

«Staatsfeind Nummer eins»: Der Chemiker und DDR-Regimekritikers Robert Havemann. (Foto)
«Staatsfeind Nummer eins»: Der Chemiker und DDR-Regimekritiker Robert Havemann (Archivbild). Bild: ddp

Seit den späten 1950er Jahren hatte Havemann die Demokratisierung des realen Sozialismus gefordert und den Alleinregierungsanspruch der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in Frage gestellt.

Zuvor hatte die SED den charmanten, redegewandten und international bestens vernetzten Physikochemiker als Propagandisten für den sozialistischen Staat eingesetzt, er unterstützte die Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter unter anderem mit Informationen über andere Wissenschaftler. Als er seine Regimekritik öffentlich äußerte, warf die Partei Havemann hinaus, er verlor seine Posten bei der Akademie der Wissenschaften und an der Universität sowie alle Publikationsmöglichkeiten in der DDR. Die Stasi beendete die Zusammenarbeit und eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, dessen Akten rund 300.000 Blätter umfassen. Er jedoch nutzte seine Verbindungen, um seine Texte im Westen zu veröffentlichen.

Das Leben eines durch Krankheit geschwächten 66-Jährigen auf seinem Seegrundstück in Grünheide bei Berlin war für die DDR Anfang 1977 ein Fall für die Landesverteidigung. Dass dieser Staat dabei recht gehandelt hatte, bestätigte lange nach seinem Ende sogar ein bundesdeutsches Gericht: Die Anwendung des Verteidigungsgesetzes in Sachen Robert Havemann war demnach angemessen, auch eine Petition an den Bundestag half nichts. Das seinerzeit für die Staatssicherheit beschlagnahmte Nachbargrundstück in der Grünheider Burgwallstraße blieb den Erben seiner West-Berliner Alteigentümer verwehrt.

Beispiel an Zivilcourage

Robert Havemann: DDR-Staatsfeind Nummer eins

Havemann war vielen DDR-Bürgern ein Beispiel an Zivilcourage und gut gelaunter Unerschrockenheit, er kleidete ihr Unbehagen an ihrem Staat in pointierte Worte. Der Konflikt mit der Macht eskalierte 1976, als er die Ausbürgerung seines engsten Freundes und wichtigsten Verbündeten, des kritischen Lyrikers und Sängers Wolf Biermann, im westdeutschen Spiegel wortmächtig kritisierte. Er wurde in einem von der Staatssicherheit manipulierten Gerichtsverfahren unter Hausarrest gestellt. Auf dem per Verteidigungsgesetz enteigneten Nachbargrundstück schoben Stasileute im Schichtdienst Wache und dokumentierten jede Bewegung nebenan. Mittels Scheinwerfern wurde sichergestellt, dass auch nachts niemand über die langen Zäune zu Havemann gelangen konnte.

Ihn kurzerhand zu inhaftieren wie andere Oppositionelle auch, wurde von Staatssicherheit und Parteispitze mehrfach erwogen und verworfen. Einerseits schützte ihn seine Bekanntheit im Westen - ein Aufschrei in Politik und Medien, gerade linken und solchen der Reformkommunisten außerhalb des unmittelbaren sowjetischen Machtbereichs, wäre der um internationale Anerkennung bemühten DDR sicher gewesen. Zum anderen aber stand auch Havemanns Biografie dagegen. Er war 1932 in die Kommunistische Partei eingetreten. Zwar arrangierte er sich vordergründig mit dem NS-Staat so weit, dass er seine Doktorarbeit beenden konnte und sogar in kriegswichtige Forschungen eingebunden wurde. Zugleich aber war er im antifaschistischen Untergrund gegen die Nazis aktiv und gründete die Organisation «Europäische Union», die kommunistische Zwangsarbeiter mit dem deutschen Widerstand vernetzte und Juden vor dem Zugriff des NS-Staates rettete.

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1943 wurden Havemann und die Seinen verraten und vom NS-Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Er überlebte als Einziger dank fingierter kriegswichtiger Forschungen in der Todeszelle des Zuchthauses Brandenburg, gezeichnet von Tuberkulose. Die antifaschistische Gründungslegende der DDR fand daher in Havemanns Herkommen mehr Bestätigung als in den «Moskauern» um SED-Chef Walter Ulbricht, die während der NS-Zeit von Stalin Asyl gewährt bekommen hatten.

«Unperson» war dennoch präsent

Seit 1965 eine «Unperson», die öffentlich nicht mehr erwähnt werden durfte, zeigte Havemann dennoch einige Präsenz. Diese Story war zu gut, als dass in der DDR akkreditierte West-Journalisten sich so weit einschüchtern ließen, sie zu unterdrücken: Der aufrechte alte Mann, der seine Demokratisierungs-Botschaft gegen alle Widerstände verbreitete, fand Gehör bei westdeutschen Massenmedien, die seine Gedanken in die DDR streuten. Seine Bücher wurden in Westeuropa gut verkauft.

Das Wochenendgrundstück in Grünheide, auf das Havemann sich nach dem Verlust seiner Ämter und Funktionen zurückgezogen hatte, wurde zur Pilgerstätte für solche Menschen, darunter viele Musiker, Schriftsteller und Wissenschaftler, die eines gemeinsam hatten: Sie hatten sich mehr oder minder offen von der DDR distanziert und trugen nun die Folgen: Karrierehindernisse, Auftrittsverbote, Unterdrückung von Texten und Musik. Havemann und sein engster Freund und Verbündeter, Wolf Biermann, wurden zu Bezugspersonen einer jungen DDR-Opposition.

Der kritische Literat Jürgen Fuchs zog mit seiner Familie auf Havemanns Grundstück, nachdem ihm seine akademische Laufbahn verbaut worden war, und neben vielen Unbekannten suchten etwa der Liedermacher Gerulf Pannach und die für DDR-Verhältnisse wilde Rockband Renft-Combo Havemanns Nähe. Konspirativ waren die Treffen nicht - die Freiheiten, die Havemann und die Seinen sich nahmen, waren allen DDR-Bürgern per Verfassung garantiert. Dazu gehörte auch die freie Rede. Parallel definierte jedoch die Partei die «sozialistische Gesetzlichkeit», erwartete Gehorsam und machte Druck.

Nach Biermanns Ausbürgerung und Fuchs' Verhaftung - auf offener Straße wurde er aus Havemanns Wartburg gezerrt - hoffte das Regime auf ein Ende des Treibens. Doch Havemann schaffte es, mit Hilfe von mutigen Freunden selbst aus dem Hausarrest heraus Verbindung nach Westen zu halten und seine Kritik zu publizieren. Seine härteste Abrechnung mit der DDR, «Ein deutscher Kommunist», in der er voraussagte, dass das halsstarrige Politbüro der SED eines nicht allzu fernen Tages zum Teufel gejagt werde, erschien seiner Isolation zum Trotz im Frühjahr 1979 in der Bundesrepublik.

Der Hausarrest wurde aufgehoben, die Überwachung blieb. Viele alte Freunde und Unterstützer Havemanns hatten Biermann in den Westen folgen müssen, weil ihnen in der DDR ihr Leben verbaut worden war. Ein neuer Freundeskreis sammelte sich um Havemann - darunter die Künstlerin Bärbel Bohley und der Pfarrer Rainer Eppelmann.

Gemeinsam mit Eppelmann änderte Havemann kurz vor Ende seines Lebens die Stoßrichtung seiner Opposition. Die Partei war zwar noch Adressat seiner kritischen Reformvorschläge und Appelle, doch dienten diese nun vor allem dazu, die gerade entstehende junge Bürgerrechts- und Friedensbewegung der DDR, zu deren wichtigsten Vertretern später Bohley, Eppelmann und Havemanns junge Frau Katja zählen sollten, mit den entsprechenden Strömungen im Westen zu verbinden und damit unabhängig von den hoffnungslos verhärteten DDR-Strukturen zu etablieren.

Havemann starb am Karfreitag 1982 an einer Pilzinfektion. Hunderte kamen zu seiner Beerdigung, obwohl die Stasi Grünheide weitgehend abriegelte.

Es war kein Zufall, dass Katja Havemann und Bärbel Bohley das Neue Forum, die später größte und bedeutendste Oppositionsbewegung, im September 1989 in Grünheide gründeten - wo Robert Havemann dem freien Wort schon Jahrzehnte zuvor ein Forum geschaffen hatte. Die Fotos, die der Stasi-Posten zur Landesverteidigung an diesem Tag vom Nachbargrundstück schoss, gehören zu seinen letzten: Die Beobachter notierten Autokennzeichen und die Namen der ankommenden kritischen DDR-Bürger. Die Stasi war darüber informiert, was nebenan geschah, doch sie griff nicht ein. Wie die Gründer des Neuen Forums selbst konnte sie nicht ahnen, dass hier gerade eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür geschaffen wurde, dass die DDR nur 13 Monate später nicht mehr existieren würde.

mac/reu/news.de/ddp

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Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Onkel Otto
  • Kommentar 6
  • 20.03.2010 15:46

Hagel klöppelt wieder Schwachsinn!

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  • JR
  • Kommentar 5
  • 19.03.2010 21:54
Antwort auf Kommentar 4

Kot im Hirn

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  • hagal
  • Kommentar 4
  • 11.03.2010 17:48

Ein Informant der Stasi der dich in Anbetracht seiner zunehmenden Bedeutungslosigkeit zu Tode soff. Soweit so gut! Im lustigen Treiben zog er die Promiskuität seiner Familie vor. Soweit so verständlich! Trotzdem konnte er sich auf Grund seiner Vergangenheit, deren "Krönung" der "Widerstand" gegen "Hitler" war, in den er genauso rutschte wie in die Dissidentenrolle in der DDR nicht von den Animositäten lösen. Die "Dagegen-Rolle" war ihm ihn die Wiege gelegt und die hat er bis zur, je nach Interpreten, letalen Pilzerkrankung, Tuberkulose, Cirrhosis durchgezogen! Was ihn nicht umbrachte machte den alten Antisemiten nur härter :-)

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