Friedrich Schorlemmer Kirche in der Krise?

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Theologe Friedrich Schorlemmer sagt: «Eine Kirche, die nicht Heimat ist, erreicht die Menschen nicht.» Bild: news.de/Flickr/plassen(montage)

Von news.de-Redakteur Björn Menzel
Ja und Nein, sagt der Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer. Im news.de-Gespräch verrät er, ob die Evangelische Kirche das Loch nach Margot Käßmann stopfen kann.

Sie haben ein Buch mit dem Titel  Wohl dem, der Heimat hat geschrieben. Ist für Sie Heimat ein Ort oder ein Gefühl?

Schorlemmer: Heimat ist ein Gefühl, das sich an Orte bindet. Und Orte sind Lebenszusammenhänge, Orte sind Menschen. Orte sind Landschaften, Orte sind eingebunden in eine bestimmte Zeit und ein bestimmtes Land. Insofern ist Heimat ein Gefühl von Herkunft und Zugehörigkeit. Wer zum Beispiel wie ein Zigeuner umher gefahren ist, für den ist das Umherfahren Heimat. Und ich sage, wohl dem, der so etwas Umgrenztes beschreiben kann.

Ist es wichtiger geworden, eine Heimat zu haben?

Schorlemmer: In einer Welt, die wir globalisiert nennen, in der immer mehr Flexibilität erwartet wird und in der auch die Neugier auf Fremdes groß ist, da wird Heimat wichtig, denn es hat etwas den Menschen stabilisierendes. Heimat ist für mich der Schatz der Erinnerung, die ein Mensch in sich trägt. Und wir müssen etwas dafür tun, damit der Schatz möglichst groß ist. Dafür müssen wir etwas erlebt haben.

Margot Käßmann
Kämpferin für Frieden
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Sollte oder müsste heutztage auch die Kirche Heimat sein?

Schorlemmer: Eine Kirche, die nicht Heimat wird, erreicht die Menschen nicht. Ich glaube, eine Kirche muss immer als unsere Kirche bezeichnet werden. Dort sind wir getauft worden und konformiert, dort haben wir unsere Angehörigen verabschiedet. Dort haben wir im Kirchenjahr etwas mitgestaltet. All das ist auch Heimat. Die Kirche muss also selbst zur Beheimatung beitragen und selber Heimat sein. Jeder sollte sagen können: Das ist meine Kirche. Genau wie es mein Arzt, mein Schuster oder mein Baum ist.

Wie kann es die Kirche erreichen, meine Kirche werden zu können?

Schorlemmer: Sie muss gucken, wie es unsere Vorfahren gemacht haben. Die haben das gut gemacht, auch wenn sie vieles falsch gemacht haben. Zum Beispiel haben sie den Herrschenden angedient. Die Kirche muss erstens zeigen, dass sie zum Ort gehört und sich für ihn einsetzt. Zweitens darf sie nicht nur zu einer Veranstaltungskirche werden, weil die Leute gern einmal Orgelmusik hören. Sie muss auch Gemeinschaft ermöglichen und Erlebnisgehalt haben, der etwas geistiges, geistliches und kommunikatives hat.

Beide Kirchen verlieren Mitglieder und sind in den vergangenen Wochen negativ in den Schlagzeilen gewesen. Ist die Kirche in der Krise?

Schorlemmer: Zunächst würde ich unterscheiden: Es gibt verschiedene Kirchen und nicht die Kirche. Unsere katholischen Geschwister sind gegenwärtig aufgrund ihrer sexuellen Missbrauchsfälle in einer ziemlich tiefen Krise. Wir als Evangelische Kirche haben mit Margot Käßmann eine wichtige Person durch eigenes Verschulden an einem einzigen Abend verloren. Dadurch ist aber die Kirche nicht in der Krise, aber es ist ein herber Verlust. Das ist sehr hart, denn Margot Käßmann ist eine außerordentliche, charismatische und begabte Frau.

Dagegen hat die Katholische Kirche mit einer Systemkrise zu kämpfen. Wenn sie ihre Sexualmoral nicht ändert, also nicht allen Menschen, auch den Priestern, erlaubt, Zärtlichkeit zu haben, eine Frau zu haben, Kinder zu haben, dann kommt es auch zu Exzessen und Missbrauchsfällen. Es gibt drei Grundtriebe: Essen, Trinken und Sexualität. Diese Bedürfnisse kann man nicht einfach abschneiden. Die Katholische Kirche muss jetzt einfach noch einmal nachgucken. Am besten auf Luther, der 1520 gefragt hat: Soll man solche Gelöbte ablegen?

Auf Seite 2 lesen Sie, warum Margot Käßmann zurücktreten musste

Gibt es bezüglich der Krise überhaupt keine Gemeinsamkeiten zwischen Katholischer und Evangelischer Kirche?

Schorlemmer: In der Krise miteinander sind wir insofern, als wir zwar ein Bedürfnis nach Religion und Religiosität in der Gesellschaft haben, sich dies aber ganz unterschiedlich darstellt. Zum Beispiel im Fankult in der Musik. Das Verhältnis zum wunderbar tanzenden, aber auch psychisch neben sich lebenden Michael Jackson hatte etwas Religiöses. Die Kirchen decken religiöse Grundbedürfnisse, die es gibt, nicht genug in sich ab.

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Sie haben einmal geschrieben: Kein Mensch ist unfehlbar. Warum musste aus Ihrer Sicht Margot Käßmann zurück treten?

Schorlemmer: Ich schätze und verehre Margot Käßmann sehr, weil sie eine glaubwürdige Persönlichkeit ist. Sie konnte das Göttliche erden und hat es vermocht, das Persönliche nicht zu verstecken. Dann hatte sie an einem Abend einen Aussetzer. Ich kann mir das erklären, möchte es deswegen aber nicht rechtfertigen. Sie musste zurücktreten, weil sie ansonsten von einer scheinheiligen, zynischen Öffentlichkeit gejagt worden wäre. Und sie ist schon gejagt worden. Da liegt eine Frau am Boden und Harald Schmidt macht seine Witze. Es gibt eine Öffentlichkeit, die bestimmte Moralvorschriften zwar nicht teilt, sie bei anderen aber strikt anmahnt.

Wer kann diese Lücke füllen?

Schorlemmer: Wir können das Loch nicht stopfen, da wir gegenwärtig solche Menschen gar nicht haben. Es kann sein, dass es Pfarrer gibt die das Amt bekleiden könnten, aber niemanden der es so ausfüllen kann. Ich hoffe, dass die Stimme von Margot Käßmann nun nicht ganz verstummt, denn auch die deutsche Öffentlichkeit hat eine wichtige Integrationspersönlichkeit verloren.

Wer kann und sollte abseits der Kirche Werte in unserer Gesellschaft vermitteln?

Schorlemmer: Ich denke in jeder Familie passiert das, wenn Eltern versuchen, ihre Kinder zu erziehen und sie nicht einfach vor dem Fernseher entsorgen. Wichtig ist auch, dass die Medien darauf achten, die Kinder nicht moralisch zu verseuchen. Gucken wir uns doch einmal die Nachmittagsprogramme im Fernsehen an - was da los ist. Da läuft kein Film über Sophie Scholl. Aber der wäre ethische Erziehung. Auch Künstler und Politiker bis hin zum Bundespräsidenten haben die Rolle der Wächter über die Werte.

 

Friedrich Schorlemmer, geboren 1944 in Wittenberge (Sachsen-Anhalt), ist Publizist und evangelischer Theologe, Mitherausgeber der Wochenzeitung Freitag und der Blätter für deutsche und internationale Politik. Seine akteuellsten Werke sind Wohl dem, der Heimat hat und Albert Schweizer. Genie der Menschlichkeit.

hav/news.de

Leserkommentare (30) Jetzt Artikel kommentieren
  • hagal
  • Kommentar 30
  • 05.04.2010 17:52

http://www.becklog.zeitgeist-online.de/2010/02/25/margot-kasmanns-rucktritt-hintergrunde/

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  • Kommentar 29
  • 14.03.2010 20:12

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  • Kommentar 28
  • 13.03.2010 16:38

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