So., 12.02.12

Vor der Wahl Ein Iraker in der zweiten Heimat

Von news.de-Redakteur Christoph Heinlein, Berlin

Artikel vom 05.03.2010

Ein Hauch von Bagdad in Berlin: Sadik al-Biladi organisiert die irakische Parlamentswahl für seine Landsleute in Deutschland. Er will helfen, die Demokratie aufzubauen - in einem Land, in dem er seit 30 Jahren nicht mehr lebt.

Eigentlich ist Sadik al-Biladi ein ruhiger Mensch, aber jetzt ist er im Stress. «Entschuldigung», sagt er, «es dauert noch, der Herr Direktor ist noch im Gespräch.» Die vielen Termine, man müsse das verstehen, schließlich stehe die Parlamentswahl in seinem Heimatland Irak unmittelbar bevor. Und hier, im irakischen Wahlbüro in Berlin, wird sie organisiert, nicht nur für die Iraker in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Polen, der Schweiz und anderen Nachbarländern. Aber wenn man sich gedulde, dann werde der Direktor gern ein Interview geben. «Eine Viertelstunde noch», sagt Herr Al-Biladi und legt die Hand aufs Herz.

Herr Al-Biladi ist 74 Jahre alt und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Wahlbüros. Er wirft einen Blick in die Lobby, wo ein Herr von der Botschaft wartet. Ein junger Mann sitzt neben ihm, er will mitarbeiten beim Urnengang in den nächsten drei Tagen. Seit Stunden wartet er auf seinen Ausweis. Gerade ist noch jemand von der Presse gekommen. Alle paar Minuten drücken die blonden, jungen Damen am Empfang auf den Summer, um neue Besucher herein zu lassen.

Hinter ihrem Tresen geben große Fenster den Blick frei auf den Trubel am Potsdamer Platz. Es ist eine vornehme Adresse, an der die Irakische Unabhängige Wahlkommission ihr Deutschlandbüro eingerichtet hat. Es ist nüchtern und geschäftsmäßig, dunkler Teppichboden, moderne Kunst an den Wänden. Sadik al-Biladi wirkt in dieser Atmosphäre ein bisschen fehl am Platz. Er hat etwas von Albert Einstein mit seinen buschigen weißen Haaren, dem weißen Schnauzer. Er trägt ein blaues Hemd, kein Jackett, keine Krawatte.

Geflohen vor Gewalt, Terror und Saddam

Herr Al-Biladi hat als Arzt gearbeitet, seit er vor über 30 Jahren nach Deutschland kam. Er lebt in Chemnitz und ist dort in der Friedensbewegung aktiv. Auch im Ausländerbeirat der Stadt arbeitete er mit. Letztes Jahr hat er für sein Engagement den Chemnitzer Friedenspreis bekommen. Er ist stolz auf diese Auszeichnung, verliehen von der Stadt, die für ihn zur zweiten Heimat wurde. Zur zweiten, anders kann es nicht sein. «Ich gehöre zur ersten Einwanderergeneration», sagt Herr Al-Biladi. «Bei uns bleibt immer das Herkunftsland die Heimat.»

Die Wahl ist wichtig für die Auslandsiraker. Bis zu 100.000 von ihnen leben in Deutschland, schätzt die irakische Botschaft. Die meisten sind Flüchtlinge, geflohen vor der brutalen Diktatur Saddam Husseins, vor dem Elend der Embargozeit, vor Gewalt und Terror, die die Heimat bis heute zerrütten. Gerade jetzt vor der Wahl wird es wieder schlimmer, am Morgen meldete das Radio einen Selbstmordanschlag in Bakuba, 35 Todesopfer. «Im Irak gibt es keine Arbeit, keinen Strom, kein Wasser», sagt Herr Al-Biladi. Die Parlamentswahl aber sei ein Baustein für die Demokratie. «Das ist ein schönes Gefühl.»

Und es ist der Grund dafür, dass er, obwohl längst im Rentenalter, jetzt in der Lobby des irakischen Wahlbüros steht und die Gäste vertrösten muss. Er hat sich freiwillig angeboten, bei der Organisation der Wahl zu helfen, wie schon bei den letzten Urnengängen. Die Heimat beim Aufbau zu unterstützen, das ist ein wichtiges Motiv für viele der fast 30 Mitarbeiter des Wahlbüros. Die meisten von ihnen sind Exiliraker, die in Deutschland leben. Der Direktor allerdings wurde aus Bagdad geschickt, um das Büro zu leiten.

Wähler reisen aus Warschau an

Gerade kommt er aus einem der langen Gänge und bringt eine Delegation zur Tür. Anders als Herr Al-Biladi passt er ganz hervorragend in die Umgebung, mit seinem hellen Anzug und der Krawatte. Der Direktor lässt seinen Blick über die Wartenden schweifen, nickt einigen zu, dann verschwindet er wieder aus der Lobby. «Es tut mir leid, jetzt ist noch eine Delegation eingetroffen», sagt Herr Al-Biladi.

Vier Wahllokale gibt es in Deutschland. Briefwahl ist nicht möglich, und deswegen müssen die Wahlberechtigten nach Berlin, Köln, Mannheim oder München fahren. Der irakische Botschafter in Warschau, erzählt der Arzt, habe aus eigener Tasche einen Bus bezahlt, der Iraker aus Polen nach Berlin bringen werde. Trotzdem könnte die lange Anreise viele auch in Deutschland davon abhalten, ihre Stimme abzugeben. Besonders für Asylbewerber sei es schwierig, weil sie sich normalerweise nur 30 Kilometer von ihrem Wohnort entfernen dürften. Und außerdem hätten sie ihren Pass bei den deutschen Behörden abgeben müssen, den sie doch für die Wahl brauchten. Wie viele Iraker sich in Deutschland an der Wahl beteiligen werden, kann er deswegen nur schätzen. Mehr als 20.000, hofft man im Wahlbüro. Bei der letzten Wahl waren es noch 28.000, aber das Prozedere sei komplizierter geworden, meint Herr Al-Biladi, die Wähler müssten jetzt mehr Dokumente vorlegen.

Für ihn selbst stellen sich diese Probleme nicht mehr. Sadik al-Biladi hat mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. «Ich bin deutscher als viele Deutsche», meint er, und zitiert einen bedeutenden Araber: «Heimat ist dort, wo man gut lebt.» Es sei wohl der Kalif Ali gewesen, der Schwiegersohn des Propheten Muhammad, der das gesagt habe. Für seine erste Heimat Irak, meint Herr Al-Biladi, bleibe ihm nur die Hoffnung. Und dann hat er noch eine schlechte Nachricht: Der Herr Direktor hat heute leider keine Zeit mehr.

 

 

Wahllokale für die irakische Parlamentswahl in Deutschland, 5.-7.3.2010

Universal Hall GmbH
Gotzkowskystraße 22
10555 Berlin

Wahllokal Köln
Gaedestraße 7
50968 Köln

MAHAB – Mannheimer Hallenbetriebs-GmbH
Xavier-Fuhr-Straße 101
68163 Mannheim

Buga Lounge
Werner-Eckert-Straße
81929 München 

tno/ivb/news.de
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Leserkommentare (3)
  • Kommentar: 3
  • 07.03.2010 16:08
von
tomahawk
Antwort auf Kommentar 2

Warum sollte Putzlappen eine Beleidigung sein? Hast du schon mal einen beleidigten Putzlappen gesehen? Wer hier als Mitglied einer faschistoiden Religion, diese durch das tragen eines Lappebns auf dem Kopf zum Ausdruck bringt, sollte sich nicht wundern. Lassen wir etwas Naziembleme bei der NPD zu? Auch ist der Anteil von denen an HartzIV prozentual größer, der Anteil der Schulabbrecher und der Anteil derer die es nicht einmal schaffen, den Müll in die Tonne zu werfen auch. Ich frag mich aber, was die hier überhaupt wollen. Die AMIS haben doch die Demokkratie im Irak eingeführt. Somit ist doch alles OK.

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  • Kommentar: 2
  • 05.03.2010 15:12
von
WV

Der Ausdruck von Putzlappen ist eine Beleidigung jedes Menschen der eine Kopfbedeckung trägt.Dies mit dem Hartz IV abzocken, trifft nicht auf jeden zu. Gerecht wäre ein verordneter Arbeitsdienst,nach beendigung des Arbeitslosengeldes mit gerechter sozialer Entlohnung. Während dieser Pflichtzeit,müsste jedem 3 versch.Arbeitsplätze angeboten werden und wer alle ablehnt muss weiterhin Arbeitsdienst leisten. Ausnahmen sollten nur nach amtsärtzlicher Untersuchung gemacht werden. Was die Arbeit von Frauen betrifft, diese müssen bei gleicher Arbeitsleistung, daselbe verdienen wie die Männer!!

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  • Kommentar: 1
  • 05.03.2010 14:37
von
antiabzocke

Hat das Dummerchen schon einmal unsere Verfassung gelesen? Wir haben in Dtld. Gleichberechtigung. Also Putzlappen vom Kopf runter und arbeiten statt Hartz-IV abzocken. Bushaltestelle: "Mit Kopftuch nix Arbeit, gut leben mit Staatsgeld." FRECHHEIT!! Meine Steuergelder zurück, aber flott.

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