So., 12.02.12

Vorratsdaten «Nichts übers Knie brechen»

Von Manfred Rey

Artikel vom 03.03.2010

Nachdem das Karlsruher Bundesverfassungsgericht die umstrittene Vorratsdatenspeicherung für grundgesetzwidrig erklärt hat, bahnt sich in der Koalition neuer Streit an: Die einen fordern eine rasche Neuregelung, die anderen warnen vor Hektik.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wies Forderungen nach einer raschen Neuregelung zurück. Damit widersprach sie Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der eine schnelle verfassungskonforme Variante verlangt. Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach, (CDU) sagte, die Union strebe die Verabschiedung eines neuen Gesetzes noch vor der parlamentarischen Sommerpause an. Dagegen ist für den SPD-Innenexperten Dieter Wiefelspütz das Gesetz politisch gescheitert.

Das Bundesverfassungsgericht hatte die bisherige Vorratsdatenspeicherung am Dienstag für nichtig erklärt, da sie gegen das vom Grundgesetz geschützte Fernmeldegeheimnis verstoße. Die Richter hatten daher die unverzügliche Löschung aller bisher gesammelten Verbindungsdaten von Telefonkunden und Internetnutzern angeordnet.

Leutheusser-Schnarrenberger sagte, man müsse sich jetzt seriös und handwerklich ordentlich mit den Auswirkungen des Urteils beschäftigen. «Da kann nichts automatisch übers Knie gebrochen werden.» Befürchtungen, dass es künftig schwerer sein wird, Straftaten zu verfolgen, teilte die FDP-Politikerin nicht. «Bis Januar 2008 wurden sehr erfolgreich Straftaten verfolgt und da gab es bis zu diesem Zeitpunkt keine Vorratsdatenspeicherung.»

Einladung an alle Straftäter?

Bosbach sagte, wenn es in Deutschland nicht zur Datenspeicherung komme, sei dies «eine Einladung an alle Straftäter, die mit Hilfe von Telekommunikationseinrichtungen Straftaten begehen wollen». Die Union werde auf eine rasche Neufassung des Gesetzes drängen, doch habe er bei Leutheusser-Schnarrenberger «nicht das Gefühl, dass sie jetzt ganz schnell aktiv werden möchte«.

Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, appellierte an die Bundesregierung, schnell ein neues Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung zu verabschieden. «Wenn kein Gesetz auf den Weg gebracht wird, das die Voraussetzungen des Verfassungsgerichts erfüllt, dann können ganz bestimmte Dinge einfach nicht mehr aufgeklärt werden», sagte Ziercke. Dies gelte vor allem für Straftaten wie Datensabotage oder Ausspähung von Daten.

Die Polizeigewerkschaften befürchten durch das Urteil einen massiven Rückschlag bei der Verbrechensbekämpfung. Die Politik müsse nun schnell reagieren und ein neues Gesetz vorlegen, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg. Auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter verlangte eine «zeitnahe» Lösung. Der Vorsitzende Klaus Jansen verwies auf Straftaten wie Cybermobbing, die sonst nicht mehr ermittelt werden könnten. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, forderte den Einsatz von 3000 Cyber-Cops, um rechtsfreie Räume im Internet zu verhindern.

Hoffnung auf europaweiten Stop der Sammelwut

Der SPD-Politiker Wiefelspütz hält es für «durchaus denkbar«, dass die Vorratsdatenspeicherung mit dem Urteil «fürs Erste gestorben ist». Schwarz-Gelb werde sich nicht auf einen verfassungskonformen Entwurf einigen können. Der Politiker gehört zu den Befürwortern dieses Instruments der Verbrechensbekämpfung. Man müsse der explosionsartigen Veränderung von Technologien Rechnung tragen, sagte Wiefelspütz. «Die Vorstellung, wir könnten uns das ersparen, halte ich für Fundamentalismus."

Dagegen äußerte der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, die Hoffnung, dass es in Deutschland kein neues Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung geben werde: «Da bin ich optimistisch», sagte er. Er hoffe, dass diese Datenspeicherung auch bald europaweit gestoppt werde.

Die EU-Kommission reagierte bereits positiv auf die Karlsruher Entscheidung. Das Urteil stehe in keinem Widerspruch zur EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung, sagte die EU-Kommissarin für Innere Angelegenheiten, Cecilia Malmström. «Das Urteil unterscheidet sehr deutlich zwischen der Richtlinie und dem, was durch den Gesetzgeber der einzelnen Mitgliedstaaten selbst geregelt werden kann.»

cvd/hav/news.de/ddp
Zum Thema Thema verfolgen » Newsletter abonnieren Artikel kommentierenArtikel kommentieren
Vorratsdatenspeicherung (Foto)
Vorratsdaten Diese Vorgaben gibt es von der EU

Die gekippte Vorratsdatenspeicherung beruht auf einer EU-Richtline. Doch was besagt diese mehr ...

Datenspeicherung (Foto)
Nach dem Urteil Was passiert bei der Datenspeicherung?

Was Telekom, Vodafone und Co. speichern müssen und was es kostet - ein mehr ...

Karlsruhe kippt Vorratsdatenspeicherung (Foto)
Urteil «Wir sind ganz angetan»

Von dem deutschen Urteil versprechen sich Bürgerrechtler nun auch einen besseren Datenschutz in der Europäischen mehr ...

Bundesverfassungsgericht (Foto)
Vorratsdaten Sammelwut verfassungswidrig

Karlsruhe hat die umstrittene Vorratsdatenspeicherung gekippt. Die bisher erlangten Daten müssen sofort gelöscht mehr ...

news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert (Foto)
Vorratsdaten Privat ist nicht egal

Die Vorratsdatenspeicherung ist verfassungswidrig. Das ist eine Niederlage für die Politik und ein Sieg für die mehr ...

Vorratsdaten (Foto)
Vorratsdaten EU-staatlicher Ungehorsam

Rumänien wehrt sich gerichtlich, Schweden ignoriert Vorgaben der EU gleich ganz: Brüssel steht unter mehr ...

Vorratsdaten: «Nichts übers Knie brechen» » Politik » Nachrichten

URL : http://www.news.de/politik/855046790/nichts-uebers-knie-brechen/1/
Schlagworte:
Abendblatt, Angelegenheiten, AnzahlNameLand1Bérangère, ARD, Auswirkungen, Automatisch, Axel Richter, Babett Peter, Bahnt, Befürchten, Befürchtungen, Befürwortern, Belgien Sabine, Bestimmte, BKA, Bosbach, Braunschweiger, Brechen, Bund, Bundesbeauftragte, Bundesjustizministerin, Bundeskriminalamts, Bundesregierung, Bundesverfassungsgericht, CDU, Cecilia Camellini, Cecilia Malmström, Chef, CvD, Cybermobbing, Daniel Richter, Daten, Datenschutz, Datenspeicherung, Denkbar, Deutschen, Deutscher, Deutschland, Dienstag, Dieter Adler, Dieter Braun, Dieter Fischer, Dieter Hanitsch, Dieter Kehl, Dieter Kronzucker, Dieter Kürten, Dieter Thomas, Dieter Wagner, Dieter Weber, Dieter Wiefelspütz, Don Stop, Einladung, Einsatz, Entscheidung, Entwurf, Erklärt, Ermittelt, EU-Kommissarin, EU-Kommission, EU-Richtlinie, Farben Fürs, FDP, FDP-Politikerin, Fernmeldegeheimnis, Fernsehsender, Forderungen, Freiberg, Fürs, Gefühl, Geregelt, Gerhard Richter, Gescheitert, Geschützte, Gesetz, Gesetzes, Gesetzgeber, Gewerkschaft, Grand-Mère, Grundgesetz, Hamburger, Hanna Wendt, Hans Dieter, Hans Jörg, Hilfe, Hoffnung, Innenminister, Innere, Instruments, Internet, Internetnutzern, Jansen, Januar, Johann Wolfgang, Jörg Asmussen, Jörg Bodanowitz, Jörg Bode, Jörg Chittka, Jörg Dräger, Jörg Feldmann, Jörg Fiedler, Jörg Hartmann, Jörg Kleine-Tebbe, Jörg Matheis, Jörg Müller, Jörg Müller-Lietzkow, Jörg Pötke, Jörg Schieb, Jörg Schönenborn, Jörg Werner, Jörg Wienke, Jörg Ziercke, Kai Richter, Karlsruher, Kassen Bund, Klaus Barbie, Klaus Baur, Klaus Brüggemann, Klaus Büchner, Klaus Doubek, Klaus Eck, Klaus Eichhorn, Klaus Engel, Klaus Gerster, Klaus Hagl, Klaus Krüger, Klaus Marschall, Klaus Probst, Klaus Schäfer, Klaus Wittmann, Knie, Koalition, Konrad Duden, Konrad Wolfs, Kriminalbeamter, Laura Jansen, Leutheusser-Schnarrenberger, Löschung, Lösung, Luise Rainer, Malmström, Manfred Bettinger, Manfred Eberhard, Manfred Güllner, Manfred Kuhnke, Manfred Manni, Manfred Schneider, Manfred Schubert-Zsilavecz, Manfred Urban, Manfred Wegner, Mitgliedstaaten, Müsse, Neufassung, Neuregelung, Ordentlich, Osnabrücker, Peter Ballnik, Peter Bleser, Peter Bofinger, Peter Bond, Peter Bretter, Peter CDU, Peter Chou, Peter Christensen, Peter Danzl, Peter Dathe, Peter Deilmann, Peter Endig, Peter Eötvös, Peter Falk, Peter Flache, Peter Foley, Peter Frampton, Peter Frese, Peter Frey, Peter Gallagher, Peter Games, Peter Gelle, Peter Geyer, Peter Gruhne, Peter Hahnes, Peter Halley, Peter Hinchliffe, Peter Kauzer, Peter Kennaugh, Peter Korthals, Peter Kunkel, Peter Kurzecks, Peter Löscher, Peter Luisi, Peter Lutz, Peter Malfertheiner, Peter Martins, Peter May, Peter Menke, Peter Möckesch, Peter Mullan, Peter Naumann, Peter Neururer, Peter Plate, Peter Probst, Peter Raue, Peter Röder, Peter Rommel, Peter Ruzicka, Peter Sarsgaard, Peter Schaar, Peter Schall-Latur, Peter Schilling, Peter Scholl-Latour, Peter Scholl-Latur, Peter Schreier, Peter Sellars, Peter Stastny, Peter Sullivan, Peter Täubl, Peter Templeman, Peter Terium, Peter Torebko, Peter Tschaikowskis, Peter Tschaikowsky, Peter Urban, Peter Vargo, Peter Wedde, Peter Weir, Peter Wiechern, Peter Wutzler, Peter Zwegat, Phoenix, Pitié-Salpêtrière, Politik, Politiker, Polizei, Polizeigewerkschaft, Polizeigewerkschaften, Präsident, Quellen, Rainer Bock, Rainer Bonk, Rainer Gallus, Rainer Hanke, Rainer Höfer, Rainer Holmer, Rainer Jensen, Rainer Köttstorfer, Rainer Maria, Rainer Mendel, Rainer Thumann, Rainer Wendt, Rainer Werner, Räume, Rechnung, Richter Achmed, Richter Armando, Richter Beschwerden, Richter Dieter, Richter Elgan, Richter Hanns-Peter, Richter Herbert, Richter Joe, Richter Klaus, Richter Marcel, Richter Menschenrechtsgruppen, Richter Mubarak, Richter Oliver, Richter Rifaat, Richter Rodion, Richter Volker, Richter Woll, Richter Zweifel, Richtlinie, Rückschlag, Sabine Bieber, Sabine Bleumortier, Sabine Bretschneider, Sabine Eckert, Sabine Englert, Sabine Goller, Sabine Karkó, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Sabine Lisickis, Sabine LisickiTwitter-Account, Sabine Nold, Sabine Vogelsang, Sabine Yacoub, Sabine Zimmermann, Sabrina Richter, Sammelwut, Schaar, Schwarz-Gelb, Selina Jörg, Sender, Sommerpause, SPD-Politiker, Stehe, Straftaten, Straftäter, Streit, Stuttgarter, Technologien, Telefonkunden, Thomas Jörg, Übers, Union, URL, Urteil, Urteils, Variante, Verabschiedung, Veränderung, Verbindungsdaten, Verfassungsgerichts, Voraussetzungen, Vorratsdatenspeicherung, Vorsitzende, Vorstellung, Warnen, Wendt, Widerspruch, Wiefelspütz, Wilfried Klaus, Wolfgang Ansel, Wolfgang Anzengruber, Wolfgang Arenhövel, Wolfgang Beck, Wolfgang Beltracchi, Wolfgang Bosbach, Wolfgang CDU, Wolfgang Dürheimer, Wolfgang Eichwede, Wolfgang Fiedler, Wolfgang Fischer, Wolfgang Gehrcke, Wolfgang Hentrich, Wolfgang Lippert, Wolfgang Nieke, Wolfgang Rathmann, Wolfgang Rihm, Wolfgang Runge, Wolfgang Schmitz, Wolfgang Stock, Wolfgang Stückemann, Wolfgang Vietze, Wolfgang Wieland, Wolfgang Wirthmann, ZDF, Zeitpunkt, Zeitung, Zeitungen, Ziercke,
Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 03.03.2010 13:49
von
rattly

Es ist bekannt, dass gespeicherte Nutzerdaten Begehrlichkeiten bei jedweder Institution, sei es privater oder staatlicher Natur, wecken. Es ist aber ebenso allgemein bekannt, dass der Staat mit seinen gesetzgebenden Gremien nicht mehr in der Lage ist, Gesetze zu erarbeiten, die einer genaueren Prüfung auf Verfassungs- und Grundgesetzestreue nicht standhalten(s. HarzIV-Gesetz). Da gilt der Wille eines Einzelnen (Hr. Schäuble) mehr als die Gesetzeskonformität. Man sieht: Parteiwillen geht über Wählerwillen, im Zweifelsfall wird es einfach mal probiert. NICHTSKÖNNER AN DIE MACHT!!!!!

jetzt antwortenKommentar melden
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
Ihr Name
Ihre Emailadresse
noch 600 Zeichen übrig
Ihr Kommentar
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'
Zum Thema
Anzeige
Meistgelesene Artikel
Fotostrecken Videos
zurück
vor
Anzeige
drucken
Bookmarken
Bookmarken
RSS-Newsfeed
Newsletter abonnieren
Newsletter abonnieren