So., 12.02.12
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Großbritannien Endlich Wahlkampf

Von Britta Gürke

Artikel vom 13.03.2010

Fast hätten die britischen Bürger vergessen können, dass im Mai Wahlen sind. Premier Gordon Brown galt als abgeschlagen, sein Herausforderer David Cameron schien schon der strahlende Sieger. Doch die Champagnerlaune bei den Tories ist vorbei.

Eigentlich sah alles ziemlich easy aus für David Cameron. Fast schon sicher war er sich, als künftiger Premierminister Großbritanniens seine Umzugskartons in die Downing Street schleppen zu können. Jetzt aber muss der erst 43 Jahre alte Top-Kandidat der konservativen Tories für die Parlamentswahlen im Frühsommer doch noch in einen «echten Kampf» ziehen, wie er kürzlich selber zugab. Monatelang waren die Umfragewerte auf seiner Seite. Der Sieg der Tories nach 13 Jahren Opposition schien in greifbarer Nähe. Doch dann geschah das Wunder: Amtsinhaber Gordon Brown und seine Labour-Partei legten wieder zu.

In der letzten Umfrage waren sie sogar nur noch zwei Punkte vom Konkurrenten entfernt. Statt der gewohnten Champagnerlaune war vielen Tories beim Parteitreffen  in Brighton Anfang des Monats denn auch eher nach der beruhigenden Wirkung eines Brandys zumute. Die Tories kriegen Bammel.

Dabei war Camerons Taktik, sich als Modernisierer im Stile Tony Blairs darzustellen, lange aufgegangen. Seine Parolen handelten vom «change» - einem nötigen Wandel. Statt der männerdominierten Partei mit altbackenem Ruf - letzter Tory-Premier war der eher grau wirkende John Mayor gewesen - sollten die Tories als moderne Alternative erscheinen. Aber der ehemalige PR-Manager und Absolvent der Eliteunis Eton und Oxford gilt vielen als zu glatt.

Wofür steht Cameron?

Zwar schrieb etwa die konservative Times den Tories Mut zu, dass eine einzige Umfrage nicht überbewertet werden dürfe: «David Cameron hat eine aussagekräftige Analyse über die Missstände des Landes geliefert. Brown hingegen, Premierminister und Labourchef, hat seine Vision der Dinge noch nicht der Öffentlichkeit präsentiert. Er scheint sich vorläufig damit zu begnügen, die Kompetenzen der Konservativen anzuzweifeln.» Cameron aber ging in die Offensive und beichtete: «Wir wissen alle, dass die Briten immer noch viele wichtige Fragen haben, die sie uns stellen wollen. Sie wollen wissen, was für eine Partei wir sind. Sie wollen wissen, wofür wir stehen. Und sie wollen einige Dinge über mich wissen.»   

Genau das wird Cameron regelmäßig vorgeworfen: Dass nicht klar ist, wofür er und seine Partei überhaupt stehen. Und wie sie gegen die hohe Arbeitslosigkeit und die Rekordschulden vorgehen wollen, die Browns Amtszeit zu ihrem möglichen Ende hin kennzeichnen. Allerdings sagt das auch Labour nicht genau. Cameron kündigte an, dass sich die Tories nach einem Wahlsieg vor allem um Familien und Schulen, das Gesundheitssystem und die Schuldenlast des Staates kümmern wollen.

Brown kämpft gegen eigene Unbeliebtheit  

Brown hat in der Zwischenzeit sein eigenes Päckchen zu tragen. Neben Vorwürfen, er habe in der Wirtschaftskrise falsch entschieden, muss er vor allem gegen seine eigene Unbeliebtheit kämpfen. Der letzte Vorwurf, dass er angeblich seine Mitarbeiter mobbe, motzig und aggressiv sei, hat ihm allerdings scheinbar wenig geschadet. Statt sauer auf Brown zu sein, hätten sich die Wähler eher köstlich amüsiert, analysiert die Zeitung «Independent».    

Der Wahlkampf ist also vor allem auch ein persönlicher - Brown gegen Cameron. Wer dabei der Stärkere ist, wird sich wohl auch bei den TV-Duellen zwischen den Kandidaten zeigen - den ersten, die in Großbritannien überhaupt stattfinden. Gemunkelt wird jetzt auch, dass Brown die Wahlen wegen der guten Stimmung für ihn doch noch früher ansetzt als geplant. Derzeit gilt der 6. Mai als wahrscheinlichster Termin. In Großbritannien darf der Premier den Wahltag selber bestimmen. Die Kommentatoren jedenfalls freuen sich, dass jetzt doch noch ein «richtiger Wahlkampf» bevorsteht - einer, in dem es nicht reicht, einfach nur das Wort «change» im Munde zu führen.

Von der Pornobranche ins Parlament

Weiteres Schmankerl für den endlich anlaufenden Wahlkampf: Eine preisgekrönte Porno-Regisseurin versucht in Großbritannien den Sprung ins Unterhaus. Anna Arrowsmith wird bei den Wahlen als Kandidatin der Liberaldemokraten im südenglischen Bezirk Gravesham antreten. Der Chef der Oppositionspartei, Nick Clegg, verteidigte die ungewöhnliche Wahl. «Es ist nicht unbedingt mein Ding, was sie gemacht hat», sagte er dem Sender GMTV. Es sei aber wichtig, «dass Leute wie sie, denen ihre Gemeinde wichtig ist», ermutigt werden, in die Politik zu gehen.

Arrowsmith, die unter dem Pseudonym Anna Span arbeitete und auch einen Master-Abschluss in Philosophie hat, begann ihre Karriere in der Pornoindustrie im Jahr 1998. Sie hat auch ein Buch geschrieben, wie Pärchen zu Hause Sexszenen aufnehmen können. Die 38-Jährige betonte, sie wolle sich nicht für ihre «frühere Branche» einsetzen, sondern für die Menschen in Gravesham. Ihrer Meinung nach braucht das britische Parlament mehr Frauen.

hav/kab/news.de/dpa
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