Dresden Bevor die Rechtsextremen kommen

6000 Neonazis wollen hier marschieren? Wir machen Kunst dagegen, beschloss die Dresdner Initiative Bürger.Courage. Aber das Ordnungsamt hat die Aktion kurzfristig verboten - Sicherheit geht vor. News.de hat sich vor der Nazi-Demo in Dresden umgehört.

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Bunte Farben gegen braune Brühe: Die Kunstaktion gegen den Naziaufmarsch darf Bürger.Courage nicht durchführen. Bild: Bürger.Courage e.V.

Alle sind dagegen, aber keiner tut es kund. Was zehn Dresdner davon halten, dass durch ihre Stadt der größte Neonaziaufmarsch Europas ziehen will? Der Schüler an der Straßenbahnhaltestelle würde ihn verbieten, der alternative Typ mit dem Kapuzenpulli am liebsten auch die NPD, für den Vater mit Babywagen sind die rechten Demonstranten Abschaum, «dumme Menschen» sagt der Taxifahrer zwischen Zug und Zug an der Zigarette.

Am Samstag könnten sie Teil der Menschenkette am Altmarkt werden und damit an die Nacht vom 13. auf den 14. Februar vor 65 Jahren erinnern, in der die Bomben aus Dresden ein Inferno machten. Aber der Taxifahrer findet, es sollten sich andere kümmern, eine Kundin im Netto hat Geburtstag, das Mädchen, das gar nicht verstehen kann, wieso die Stadt eine Nazidemo zulässt, ist nicht da, und eine Mutter findet, am besten sollte man nicht einmal darüber berichten, um den Rechtsradikalen kein Forum zu bieten. Der junge Typ mit dem Sternburg-Bierkasten wäre zwar gern bei der linken Gegendemo dabei, «aber ich kann leider nicht hingehen, weil ich auf Bewährung bin.» Und ein Handwerker, der am Bahnhof Neustadt die Tür repariert, findet, es würde alles ruhiger ablaufen, wenn man die Rechtsradikalen einfach machen ließe.

Rechtsextremismus: Die braune Gefahr

Jens Wittig ist der elfte Dresdner. Er ist kein zufälliger Passant, er meldet sich zu Wort. Als Mitglied der Initiative Bürger.Courage schaut er genau hin, wenn Rassismus in Dresden aufkeimt. Doch, wo mindestens 6000 Rechtsradikale sich sammeln, ist kein besonders gutes Auge nötig. Gerade deshalb wollten Bürger.Courage dem etwas Ansehnlicheres entgegensetzen als brave Menschenketten oder linke Blockade: Kunst.

«Widerstandsmaschinen» sollten seit Mitte der Woche die Passanten auf dem Altmarkt trainieren, ihnen Zivilcourage in drei Schritten nahebringen: Kraftausdauer, Selbstbewusstsein und Durchblick. Daneben sollte als zweite Aktion die «Deutschlandtafel» im Erdboden versinken, ein Tisch als Symbol für Gastfreundschaft und kulturellen Austausch in sich zusammenbrechen. Ein Sinnbild für den «Alltagsrassismus», wie Jens Wittig ihn nennt - und für den es keine Glatzen braucht.

«Neue Weiße Rose» will dem Alltagsrassismus an den Kragen

Doch das kreative Kontra machte dem Ordnungsamt Sorgen, und deshalb sprach die Behörde am Tag vor der Installation plötzlich ein Verbot aus - könnten doch in der Eskalation aus Kunst Wurfobjekte werden. Nazis dürfen marschieren und Kunst wird zensiert? So einfach will Wittig es sich nicht machen. «Vom Ordnungsamt aus ist es sicher ehrlich begründet, absolute Sicherheit hat Priorität. Aber sie differenzieren nicht, von wem so eine Aktion kommt. Wenn eine Bürgerinitiative ein Kunstprojekt durchführen will, ist das ein fundamentales demokratisches Grundrecht, und ich habe den Wunsch, dass so etwas von der Ordnungsbehörde wohlwollend unterstützt wird.» Abgesehen davon, dass inmitten der Menschenkette auf dem Altmarkt sicher nichts passieren werde und sich ihre Kunst gar nicht zum Werfen eigne.

Die «Neue Weiße Rose» nennen Bürger.Courage ihre Aktionen. Diese Blume ist bereits mehrfach belegt. Denn das stille Gedenken an den Bombenangriff am 13. Februar heftet sich seit Jahren eine weiße Rose ans Revers. Doch Jens Wittig sind die Dresdner hier zu phlegmatisch. «Die Leute wollen einfach ihre Ruhe. Aber bei Alltagsrassismus kann ich nicht ruhig bleiben.» Deshalb will seine Bürgerinitiative die Weiße Rose wieder mit der Bedeutung füllen, die sie für Sophie Scholl hatte: Widerstand gegen Rassismus, Gewalt und Intoleranz. Der Kinofilm mit Julia Jensch habe natürlich geholfen, dass die Leute sich an die Kraft der jungen Widerständler gegen die Nazis erinnern, sagt Wittig. Deshalb zieht das Symbol wieder.

Den Rassismus will die «Neue Weiße Rose» demaskieren, auch wenn er keine Glatze trägt. Den Alltagsrassismus in Behörden und Institutionen, wo Ausländern nicht zugehört wird, weil es ein bisschen länger dauert, und man ihnen nichts erklärt, weil sie es ja doch nicht verstehen. «Wir wollen klarmachen, wie die Lebenssituation derjenigen ist, die es wirklich betrifft», erklärt er. Aber Bürger zum Widerstand zu mobilisieren, wenn sie selbst keinen Druck erfahren, ist nicht so leicht. Das klappt kaum über Infostände, und schon gar nicht mit radikalen Parolen, findet Bürger.Courage.

Deshalb ist der Weg für Jens Wittig und seine Mitstreiter ein kreativer. Mal plakativ, wenn sie behaupten: Die Nazis nehmen uns die Arbeitsplätze weg – weil sie gegen eine europäische Einbindung sind und damit auch gegen die EU-Förderungen, denen viele in Sachsen ihren Job verdanken. Oder lehrreich, wenn sie in Dresdner Straßenbahnen im Comicfilmchen zeigen, wie man sich für ausländische Fahrgäste einsetzt. «Ich sage immer, das Gegenteil von Rechtsextremismus ist nicht Linksextremismus, sondern Demokratie.» Der elfte Dresdner sagt das zweimal, es ist ihm wichtig. Denn in der Demokratie haben auch die Bürger was zu sagen.

che/reu/news.de

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Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Hermann Huber
  • Kommentar 6
  • 06.03.2010 19:19
Antwort auf Kommentar 5

Hallo, Mamzer, ich weiß zwar nicht was Du gegen Avraham Burg hast um ihn ein Naziarschloch zu heißen, aber ich denke Du bist auf dem Holzweg! Oder meinst Du es wäre nazistisch einen Zionisten zu zitieren? Na ja, wie auch immer, Deine Formulierungen sprechen eine eindeutige Sprache! Außer Dir kann sich zwar jedermann ein Bild von Deiner ausgeprägten Intellektualität machen, leider hast Du ganz vergessen ein wenig Wert auf spießerische Intelligenz zu legen. Aber Du bist fortschrittlich, weit fort von jedem Nazi, ja! Bravo! Da fühlt man sich in deren Gesellschaft gleich nicht mehr unter Idioten!

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  • kein Nazi
  • Kommentar 5
  • 27.02.2010 21:08

Es ist die Demokratie,die diesen "rechten"Nachfolgern der Menschenschlächter,Hitler und Gescheiterten,durch den Rest der Welt ein Ende bereitet hat.Die durch die Demokratie möglichen ärmlichen und unanständigen Versuche,die bei Herrn Hitler nicht möglich waren, Freisler und aufhängen,erleben wir mit erstaunen,weil nicht lernfähig,also aussterben lassen.Vielleicht sollte Huber mal von einem Hexenverbrenner,einem Zwitter in purpurnen Röcken das ...versilbert werden.Vergessen,selbst Gold hilf bei einem "rechtsradikalem"Arschloch nicht,es bleibt immer"braun"!

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  • Hermann Huber
  • Kommentar 4
  • 12.02.2010 18:31

Die „Holocaust-Religion“ muss als der Versuch interpretiert werden, die deutsche Nation mental zu kolonisieren und am Nasenring der metaphysischen Kollektivschuld durch die Geschichte zu schleifen. Kein Wunder also, dass dabei insbesondere „antideutsche“ Linke zum Gegenstand des Gespötts deutscher Rechter werden, insofern erstere sich selbst somit zu nützlichen Idioten israelischer Nationalisten und zu Brückenköpfen von „de facto und de jure Rassisten“ degradieren. Über 'Hitler hat gewonnen'-Avraham Burg auf http://endstation-rechts.de

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