Zentralrat der Juden Ein Generationswechsel steht bevor

Charlotte Knobloch (Foto)
Geht ihre Ägide zu Ende? Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentrats der Juden in Deutschland. Bild: ddp

Von Harald Rohde
Beim Zentralrat der Juden in Deutschland gibt es Diskussionen um die Nachfolge von Präsidentin Charlotte Knobloch, deren Amtszeit in diesem Jahr ausläuft. Hinter den Kulissen tobt offenbar ein Streit über den Kurs des Verbands.

In neun Monaten endet die reguläre Amtszeit von Charlotte Knobloch als Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Doch jetzt schon ist im Dachverband eine Debatte über die Nachfolge der 77 Jahre alten Münchnerin entbrannt. Noch wird hinter den Kulissen gesprochen, aber die Zeichen, welche Richtung die Diskussion nimmt, sind unschwer zu deuten. «Es wäre an der Zeit, jemanden zu wählen, der - um es mit Worten von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl zu sagen - die Gnade der späten Geburt hat», sagt Lala Süsskind. Sie ist Vorsitzende der mit gut 12.000 Mitgliedern bundesweit größten jüdischen Gemeinde in Berlin. Ihr Wort hat Gewicht.

Knobloch steht seit Juni 2006 an der Spitze des Zentralrats, der 23 Landesverbänden mit insgesamt 107 jüdischen Gemeinden und ihren etwa 106.000 Mitgliedern ein gemeinsames politisches Dach gibt - also etwa der Hälfte der Juden in Deutschland. An diesem Sonntag kommt das Direktorium - die Vertretung der Landesverbände und größten Gemeinden - zusammen. Dann will sich die Münchnerin erklären, vorher will sie sich «an Spekulationen nicht beteiligen». Allgemein wird erwartet, dass sie auf eine zweite Amtszeit verzichtet. Vielleicht wird sie sogar vorzeitig zurücktreten. Sie wäre dann kürzer im Amt gewesen als jeder ihrer Vorgänger: Paul Spiegel, Ignatz Bubis, Werner Nachmann, Herbert Lewin und Heinz Galinski.

Ihr Rückzug wäre eine historische Zäsur, denn sie gehört zu den letzten Vertretern der Generation, die den Massenmord an den europäischen Juden überlebte. Ihr Nachfolger im Zentralrat wird niemand mehr sein, der die Gräueltaten der Nazi-Diktatur noch selbst erlebt hat. Die 77-Jährige, die seit 1985 auch die israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern leitet, hat sich einen Namen als moralische Instanz erarbeitet. In ihren öffentlichen Äußerungen schien oftmals ungeschützt auf, wie tief sich Menschen in ihrer Seele verletzt fühlen können, wenn Unrecht geschieht.

Unvergessen ist etwa ihre Rede zum Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938, die sie vor 15 Monaten in der größten Berliner Synagoge in der Rykestraße vor Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und anderen Repräsentanten des öffentlichen Lebens hielt. Sie schilderte in berührenden Worten, wie sie jene Schreckensnacht als kleines Mädchen an der Hand ihres Vaters auf den Straßen Münchens erlebte. Am Ende der Rede brach ihre Stimme, Trauer überwältigte sie.

«Für die Jüngeren spielt die Shoah nicht mehr die Rolle wie früher»

Knobloch hatte sich von Anfang an aber auch mit Kritik im Zentralrat auseinanderzusetzen. Schon kurz nach Amtsantritt im Sommer 2006 fand sie mit ihrer Forderung nach einem eigenen Schulfach zum Thema Holocaust keinen Rückhalt im Dachverband. Vor allem den Jüngeren in den jüdischen Gemeinden war in Knoblochs Amtszeit manchmal zuviel vom Holocaust die Rede. Zuletzt giftete der Publizist Henryk M. Broder, die Verbandsspitze trete als «Reue-Entgegennahme- Instanz» auf.

Ein Rückzug Knoblochs - zu welchem Zeitpunkt auch immer - und der damit einhergehende Generationswechsel dürften einen Politikwechsel im Zentralrat einläuten. Alltagsprobleme werden wohl ein größeres Gewicht erhalten. Das jüdische Leben in Deutschland ist nicht zuletzt durch die erhebliche Zuwanderung der letzten beiden Jahrzehnte aus vielen Teilen der einstigen Sowjetunion vielfältiger geworden. Zudem ist eine neue Generation nachgewachsen, die mitreden will.

«Für die jüngere Generation spielt die Erinnerung an die Shoah nicht mehr die identitätsstiftende Rolle wie früher», sagt der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer. «Sie ist immer noch ein zusammenschweißender Faktor, hat aber nicht mehr die frühere Bedeutung.» Man solle allerdings nicht glauben, dass die jungen Leute nicht wüssten, was im Nationalsozialismus geschehen sei. «Sie sind durch die Berichte ihrer Eltern geprägt und ihnen ist die Erinnerung wichtig», sagte Kramer.

Wer könnte Knoblochs Nachfolge antreten? In Spekulationen fällt oft der Name des bisherigen Vizepräsidenten Dieter Graumann. Der Frankfurter betreibt eine Liegenschaftsverwaltung. Er kam 1950 in Israel zur Welt und wuchs in Deutschland auf. Wenn es gegen Antisemitismus geht, nimmt auch er kein Blatt vor den Mund.

che/nak/news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Arsch
  • Kommentar 1
  • 06.02.2010 21:40

Wo ist die Aufregung zum Islam und zum Bau der Minarette?

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig