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Es muss nicht Rot sein (Bild 1/4)
Interconnex (Foto)
Foto: dpa
13.12.2009

Der Interconnex verkehrt zwischen Leipzig und Berlin beziehungsweise Warnemünde. In Gelb und Blau präsentiert sich das Unternehmen, das - wie praktisch alle Bahnkonkurrenten - über den Preis punkten will.

S-Bahn-Chaos

Berlin droht der Bahn

Von den news.de-Redakteuren Sebastian Haak und Jens Kiffmeier, Berlin

Die Politik will in Sachen S-Bahn-Chaos nicht nur drohen. In Berlin und Brandenburg bereitet man sich auf den ausschreibungstechnischen Ernstfall vor - und hat die Neuvergabe eines S-Bahn-Teils europaweit auf den Weg gebracht.

Lester Maul (Was ist das?)

Und die neuen Züge heißen dann wahrscheinlich A-Bahn. Und wer ein Ticket braucht, zieht die A-Karte ...

Wäre Berlin nicht Hauptstadt – das Chaos auf den S-Bahn-Strecken von Nord nach Süd, Ost nach West und ringsherum würde in der Republik wohl kaum die mediale Aufmerksamkeit erhalten, die es in den vergangenen Monaten bekam. Defekte Räder, sicherheitsbedenkliche Bremsen und wütende Fahrgäste sorgen seit über einem Jahr von Kiel bis zum Bodensee immer wieder für Schlagzeilen. Und eine Besserung ist bis 2011 erst einmal nicht in Sicht.

Um aber nicht weiterhin wie die Deppen der Nation dazustehen, gingen Berlins Politiker nun in die Offensive. Erst ein Spitzentreffen zwischen Bahn-Chef Rüdiger Grube und Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, und dann die Drohung der Berliner Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (beide SPD): Wenn die Deutsche Bahn mit dem Betrieb der Berliner S-Bahn überfordert sei, dann müsse man die Strecken eben ausschreiben und an einen anderen Anbieter vergeben.

Was wegen der Monopolstellung der Bahn auf den Berliner S-Bahn-Gleisen lange wie eine leere Drohung klang, ist inzwischen deutlich mehr. Denn gleichwohl die Bahn derzeit das einzige Unternehmen ist, das den S-Bahn-Betrieb in der Berliner Größenordnung überhaupt einigermaßen am Rollen halten kann: Mittelfristig sind die Chancen inzwischen gestiegen, dass der Ex-Staatskonzern sein S-Bahn-Monopol verliert: Seit Dienstag vergangener Woche steht im EU-Amtblatt geschrieben, dass die Länder Berlin und Brandenburg «beabsichtigen (...) einen öffentlichen Dienstleistungsauftrag im Schienenpersonennahverkehr zu vergeben».

Sogar was man genau auszuschreiben plant, ist dort bereits ziemlich genau aufgelistet: den Berliner S-Bahn-Ring und einen Zubringer aus Richtung Schöneweide. Insgesamt soll ein zukünftiger Betreiber etwa neun bis zehn Millionen Zugkilometer jährlich leisten und dafür Neufahrzeuge mitbringen, die etwa 190 Viertelzügen entsprechen. Man wolle einen neuen Betreiber für 15 Jahre suchen, gerechnet vom Wechsel auf den Winterfahrplan 2017, heißt es da.

Zwar sei diese Veröffentlichung im EU-Amtsblatt noch nicht die eigentliche Ausschreibung, sagt die Sprecherin des Verkehrsverbundes Berlin Brandenburg (VBB), Elke Krokowski. Aber doch ein Schritt dahin. Man befinde sich in einer Vorbereitungsphase und habe jetzt schon mal die Ausschreibungsabsicht erklärt. Ob dann in einem Jahr wirklich eine Ausschreibung kommt, sei eine Entscheidung, die die Politik treffen müsse.

Der Druck auf die Bahn wächst

Auf jeden Fall wächst nun der Druck auf die Deutsche Bahn. Denn schon vor der Ausschreibungs-Absicht-Bekanntmachung versuchten immer wieder andere große europäische Bahnunternehmen eine Ausschreibung zu erreichen, um ins prestigeträchtige Regionalverkehrsgeschäft in und um die Bundeshauptstadt einzusteigen. Die Franzosen von SNCF und der britische Konzern Arriva sind nur zwei Namen potentielle Konkurrenten der Bahn, weiß der Verkehrsexperte Prof. Jürgen Siegermann von der TU Berlin. Und auch in Kreisen von Hauptstadtpolitikern heißt es, es gebe schon seit langem ein reges Interesse eines nicht näher definierten «Bieterkreises», den es ins S-Bahn-Geschäft zieht. Unter anderem soll auch die dänische Staatsbahn schon einmal Interesse bekundet haben.

All diese Unternehmen dürften nun nach der Veröffentlichung im EU-Amtsblatt mit den Hufen scharren.

Bedenken gegen ein Teilausschreibung des S-Bahn-Netzes haben Bahnexperten wie Verkehrspolitiker nicht. Technisch, sagt Jürgen Siegermann, sei eine Ausschreibung des Netzes wie auch von Teilstrecken kein Problem. Die Fahrtakte der Züge verschiedener Anbieter ließen sich auf einander abstimmen. Die Fahrpreise seien ohnehin einheitlich geregelt.

Bester Beweis: Bereits heute werden die S-Bahn-Züge der Bahn AG und die U-Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in einer gemeinsamen Leitstelle koordiniert. Ein Anbieter mehr oder weniger mache die Sache nicht komplizierte, findet auch die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, Claudia Hämmerling. «Der Schwachpunkt ist nicht, ob der Fahrer eine rote oder blaue Jacke trägt», sagt sie. «Auch wenn das von den Gegnern immer gerne behauptet wird.»

Seit Wochen fordern die Hauptstadt-Grünen den rot-roten Senat auf, eine Komplettausschreibung des Netzes voranzutreiben - eben um den Druck auf die Bahn (noch weiter) zu erhöhen und die vertraglichen Bedingungen für die Stadt zu verbessern. «Von mir aus kann die Bahn das auch gewinnen, wenn sie ein plausibles Angebot macht», sagt Hämmerling. Ähnlich sieht man das beim VBB, der einer Ausschreibung ebenfalls positiv gegenüber steht. «Wir haben bislang gute Erfahrungen bei Ausschreibungen im Nahverkehr gemacht», sagt Elke Krokowski. Dabei seien in der Regel die Kosten für die Länder gesunken und die Qualität der Leistungen gestiegen. «Die Kunden sind zufriedener»

Teure, neue Fahrzeuge

Ein Problem aber bleibt: Soll die Bahn-Konkurrenz in einer Ausschreibung überhaupt eine Chance haben, dann braucht sie genügend Vorlauf, um ein seriöses Angebot abgeben zu können. Dass die Vorbereitung der Ausschreibung «ausschließlich Neufahrzeuge» zulässt, dürfte für Bieter eine teure Hürde werden, die es zu überspringen gilt - und das nicht nur, weil, wie Jürgen Siegermann glaubt, es nicht einfach werden dürfte, bei der Industrie auf die Schnelle fast 200 Viertelzüge oder Vergleichbares zu beschaffen. Der Bahnexperte rechnet zudem mit einem hohen dreistelligen Millionenbetrag, den ein neuer Fahrzeugpool kosten werde. Den Preis pro Viertelzug beziffert Siegermann grob auf drei Millionen Euro.

Trotz dieser Bewegung im Streit um die Beendigung des S-Bahn-Chaos bleibt die Zeit aber ein ganz wesentlicher Faktor. Denn sollte es 2011 wirklich zu einer Ausschreibung kommen, klingt das zwar nach viel Zeit. Doch Bahn-Kritiker wie auch der Staatskonzern wissen, dass bei einem solchen Mammutprojekt eine Vorlaufzeit von sechs Jahren zwischen der eigentlichen Ausschreibung und der möglichen Übernahme des Betriebs ziemlich wenig Zeit sind.

Die Zeit spielt deshalb eher der Bahn als ihren Konkurrenten in die Hände. Wohl auch deshalb gibt sich die Deutsche Bahn betont gelassen. Eine Bahnsprecherin erklärt, man halte an dem «Ziel fest, das Unternehmen (die S-Bahn GmbH - Anm. d. Red.) mit breiter Unterstützung aus dem Bahnkonzern schnellstmöglich aus der Krise zu führen, um auch nach Auslaufen des derzeitigen Verkehrsvertrages im Jahre 2017 vollständiger S-Bahn-Anbieter in der Bundeshauptstadt zu bleiben.»

jek/seh/news.de
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