Mo., 13.02.12

Kohlekraftwerke Die Dreckschleudern sind zurück

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin

Artikel vom 21.01.2010

Sie sind alt und dreckig: Deutsche Kohlekraftwerke, die mittlerweile zu Europas größten Luftverpestern gehören. Die Bundesregierung sieht deshalb Handlungsbedarf - und will Neubauten zulassen. Aus Umweltschutzgründen, wie es heißt.

Die Zahl ist nicht gerade gering: 25 Kohlekraftwerke könnten in den kommenden Jahren in Deutschland neu gebaut werden. Und nicht jedem erschließt sich die Notwendigkeit auf Anhieb, da kann das Bundesumweltministerium auf seiner Homepage noch so viel Erklärungen abgeben. «Politische Augenwischerei», befindet ein Kommentator im beigefügten Diskussionsforum. Und ein anderer sieht in den Darstellungen sogar den Beweis erbracht, dass die Politik mal wieder vor den mächtigen Lobbyisten der Stromkonzerne eingeknickt ist. «Gebt den Energieversorgern doch endlich mal die Richtung vor», schreibt er genervt und fordert: «Ende mit Atom und Kohle!»

Doch so eindeutig wie im Diskussionsforum ist die Lage in der Realität nicht. Tatsächlich tobt in der Berliner Republik zurzeit ein wahrer Glaubenskrieg in Sachen Kohlekraftwerke. Einerseits sind da die Umweltschützer und Teile der Opposition, die einen raschen Ausstieg aus der ihrer Meinung nach völlig veralteten Technologie proklamieren. Andererseits gibt es aber auch die Befürworter, zu denen nicht zuletzt die Stromkonzerne und die Bundesregierung zählen - und die die Planung für neue Anlagen in Deutschland massiv vorantreiben. Kurioserweise nehmen beide Seiten für sich in Anspruch, mit ihrer Haltung nur die Umwelt und das Klima retten zu wollen.

Doch wer hat recht? Eine Antwort fällt schwer. Die Gefechtslage ist kompliziert. Fest steht zurzeit nur eines: Mit einem Löwenanteil von 42 Prozent wird der deutsche Strom immer noch mit Hilfe fossiler Kraftwerke produziert – was nicht gerade die sauberste Lösung ist. Denn mit ihrem gewaltigen CO2-Ausstoß tragen die Kraftwerke nicht gerade zu einer umweltneutralen Energiegewinnung bei. Trotz aller Klimaschutzaktivitäten sind die Emissionen in diesem Bereich zwischen 1990 und 2005 nur um fünf Prozent zurückgegangen.

Bundesregierung: Umstieg statt Austieg

Selbst aus Sicht der Bundesregierung ist das viel zu wenig. Deshalb will Schwarz-Gelb jetzt handeln. Im Koalitionsvertrag haben beide Regierungsparteien dem Ausbau regenerativen Energie Vorfahrt eingeräumt und das ehrgeizige Ziel ausgegeben, bis ins Jahr 2020 die Emissionen in Deutschland um 40 Prozent zu reduzieren. Das Problem ist nur: Um das ambitionierte Vorhaben in die Tat umzusetzen, müsste bis dahin eigentlich ein Großteil der veralteten Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden.

Doch in diesem Fall fürchtet die Bundesregierung eine große Versorgungslücke, da ihrer Meinung nach trotz aller Anstrengungen in demselben Zeitraum der Ausbau der alternativen Energien noch nicht so weit vorangetrieben sein könnte. Die Lösung: Die alten Kraftwerke sollen durch den Bau neuer Anlagen mit moderner Kraft-Wärme-Kopplung ersetzt werden. Diese seien in puncto Klimaschutz «viel, viel effizienter» als ihre Vorgänger, begründete unlängst Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) die Position der Regierung.

Gegner fürchten lange Laufzeiten

Bei Teilen der Opposition und im Kreis von Umweltschützern hält man das Vorgehen allerdings für Humbug. Trotz aller moderner Technik: «Es gibt keine klimaschädlichere Art der Stromerzeugung als die Verbrennung von Kohle», schreibt dazu der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) auf seiner Homepage. Vor allem eine Tatsache bereitet den Umweltaktivisten Sorge, nämlich dass der Bau von neuen Kraftwerken hohe Investitionskosten verursacht und für die Betreiber nur attraktiv ist, wenn die Anlagen auf eine sehr lange Nutzungsdauer ausgelegt sind. «Wenn jetzt neue Anlagen gebaut werden», warnt der BUND, «dann legen sie einen hohen Sockel klimaschädlicher Emissionen für Jahrzehnte fest.»

Doch wie passt das wiederum zu den ehrgeizigen Klimaschutzzielen der Bundesregierung? Viele Umweltschützer hoffen vor diesem Hintergrund, dass sich das Neubau-Problem wegen der Unvereinbarkeit von CO2-Reduzierung und langfristigen Laufzeiten doch noch wieder in Luft auflösen könnte. Einige Bauvorhaben sollen deswegen schon gescheitert sein oder zumindest auf der Kippe stehen, wie etwa in Lubmin, Dörpen, Bremen, Emden oder Datteln.

Modernisierung von Europas Dreckschleudern gefordert

Doch auf Kollege Zufall will man sich bei den Grünen und der Linkspartei lieber nicht verlassen. Vorsichtshalber brachten sie erst kürzlich gegen den Willen von CDU, FDP und SPD im Bundestag einen Antrag zur Verhinderung neuer Kohlekraftwerke ein. Mit Verweis auf die Klimaschutzziele schlugen sie vor, die alten Kraftwerke mit «angemessenen Übergangsfristen» zu modernisieren oder stillzulegen.

Wie nötig die Abschaltung oder zumindest eine Modernisierung sein kann, zeigt derweil ein Blick auf eine kürzlich erschienene Studie des Öko-Instituts. Im Auftrag der WWF-Umweltstiftung wurde den deutschen Betreibern dabei ein schlechtes Zeugnis ausgestellt: Von den 30 dreckigsten Kraftwerken in der EU stehen angeblich zehn alleine in Deutschland. Bereits auf Platz drei in der Negativ-Statistik taucht das Braunkohlekraftwerk in Niederaußem auf. Für den Grünen-Abgeordneten Oliver Krischer spricht das Bände: «Nicht in Polen», sagte er, «sondern im Rheinland steht eines der schmutzigsten Kraftwerke in Europa.»

bjm/news.de/dpa/ddp
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