«Pharmakritiker loswerden»
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteuren T. Nowack und T. Waleczek
Artikel vom 20.01.2010
Er ist das Schreckgespenst der Pharmaindustrie - nun könnte Peter Sawicki seinen Posten als oberster Medikamentenprüfer Deutschlands verlieren. Verbraucherschützer und Grüne warnen vor Einflussnahme der Pharmalobby.
Der Pharmaindustrie ist Peter T. Sawicki ein Dorn im Auge. Denn der Diabetologe leitet das Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das die Wirksamkeit von Arzneimittel prüft. Kommt eine Arznei im Testbericht nicht gut weg, können die gesetzlichen Krankenkassen auf dieser Grundlage die Kostenerstattung für diese Medikamente streichen. Und Sawicki nimmt sich auch in der Öffentlichkeit nicht zurück, übt offen Kritik. So bezeichnete er das deutsche Gesundheitssystem schon als Selbstbedienungsladen für die Pharmaindustrie oder nennt Firmen beim Namen, die seine Arbeit behindern.
Nun muss Sawicki um seine Posten fürchten - heute wollte der Vorstand über seine Zukunft entscheiden. Wie am Abend bekannt wurde, vertagte der Vorstand seine Entscheidung über eine Vertragsverlängerung jedoch.
Mit der Anschaffung zweier Leasing-Autos als Dienstwagen durch Sawicki lägen Verstöße gegen seinen Dienstvertrag vor, heißt es im Entwurf eines Prüfberichts der BDO Deutsche Warentreuhand. Für das Leasen «wäre aber eine Rücksprache mit dem Vorstand notwendig gewesen», so die Prüfer. Höhere Kosten von 40.600 Euro im Vergleich zur ursprünglichen Dienstwagen-Absprache seien angefallen - allerdings lassen die Prüfer offen, ob man von einem Schaden für das Institut sprechen kann. Weiterhin ist von dienstlich abgerechnetem Rasenmäherbenzin und unberechtigten Business-Class-Flügen die Rede.
Sawickis Vertrag läuft bis zum 31. August. Die erste Vertragsverlängerung steht turnusgemäß an. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums ließ zu Beginn der Woche offen, wie Staatssekretär Stefan Kapferer, der das Ministerium in dem Vorstand vertritt, abstimmen werde. In dem Vorstand sitzen zudem hochrangige Vertreter von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken. Der Vertreter der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, ist Mitglied der FDP. Die steht Sawicki ebeso wie die Union kritisch gegenüber. Schon in ihrem Koalitionsvertrag hatten die Parteien angekündigt, die Arbeit des IQWiG zu «überprüfen» und zu «verbessern».
«Morgengabe für die Pharmaindustrie»
Ende 2009 hatte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der tageszeitung sogar den Vorwurf erhoben: «Die Krankenhausgesellschaft wird Sawicki aus politischen Gründen ablehnen, um der FDP einen Gefallen zu tun.» Mit dem Gesundheitsministerium habe sich die Krankenhausgesellschaft darauf verständigt, ein Veto gegen eine Vertragsverlängerung Sawickis einzulegen.
Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Biggi Bender, übt nun Kritik: «Die Vorwürfe gegen Sawicki haben ein Geschmäckle und zeigen den Versuch, etwas zu finden, um an seinem Stuhl zu sägen», sagte sie news.de. «Letztlich will man einfach einen unbequemen Pharmakritiker loswerden, um der Pharmaindustrie eine Morgengabe zu machen.» Dass die Pharmaindustrie schon lange versuche, den Mann von seinem Posten zu drängen, sei bekannt. Offenbar sei dieses Anliegen nun auch in der Regierungspolitik angekommen. «Wenn ein industriefreundlicher Mann installiert wird, dürfte im Institut die bisherige Linie aufgeweicht werden», vermutet Bender. Das würde der Pharmaindustrie mehr Gewinnmöglichkeiten verschaffen.
Stefan Etgeton vom Bundesverband der Verbraucherzentralen sieht durch die Debatte um Sawicki das Institut beschädigt. «Dafür sorgt schon der Eindruck, der nun bei vielen Leuten entsteht: Dass das IQWiG womöglich aus seiner unabhängigen Position herausgelöst und in ein pharmafreundliches Institut umgewandelt werden soll», sagte der Gesundheitsexperte news.de.
Risiken für die Patienten
Etgeton befürchtet auch Nachteile für die Patienten: «Ein industriefreundlicher Kandidat, der die Bewertungen des IQWiG verändert, würde bedeuten, dass für unnötige Medikamente wieder mehr Geld ausgegeben wird.» Man hätte dann weniger Handhabe, um Medikamente unter Preisdruck zu setzen, die für ihren Nutzen zu teuer sind. «Im Endeffekt würde das zu einem weiteren Anstieg bei den Arzneimittelausgaben führen - und auch dazu, dass Patienten weniger vor möglichen Risiken bestimmter Medikamente geschützt werden.»
Das IQWiG veröffentlicht seine Ergebnisse in frei zugänglichen Berichten. Auftraggeber sind der Gemeinsame Bundesausschuss und das Bundesgesundheitsministerium. Das Institut kann allerdings auch in eigener Verantwortung Themen aufgreifen.
news.de/dpa
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Experten fordern eine Veröffentlichungspflicht für Arzneistudien. Wer ungünstige Daten zurückhalte, schade dem mehr ...
Nicht nur, wenn es um medizinische Fehler geht, sollten Patienten ihre Rechte kennen. News.de verschafft den mehr ...
Erst sitzen die Patienten in Deutschland ewig im Wartezimmer, dann werden sie auch noch schnell abgefertigt: Einer mehr ...
den pharmakonzernen erstmal pauschal 50% ihrer forderungen auf sperrkonnten buchen, bevor der nachweis der angeblichen selbst erfundenen preise fachlich geprüft sind. wenn die pharmaindustrie nicht einsichtig ist, kann der gesundheitsminister/krankenkassen die zahlung verweigern. wo bleibt die soziale marktwirtschaft?? wo bleibt die demokratie?? haben wir eine preisdiktatur der pharmakonzerne??
jetzt antwortenKommentar meldenes ist schon erschreckend, welche Macht die Lobbyisten haben...und sie werden immer mehr. Mit unserer Demokratie - befürchte ich - geht es immer mehr den Bach herunter!!!
jetzt antwortenKommentar melden