So., 12.02.12

Grüne Woche Tatenloses Geschwätz?

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin

Artikel vom 16.01.2010

Eine Milliarde Menschen hungern täglich auf der Welt. Deshalb sollen auf der Ernährungsmesse auch die Armutsprobleme gelöst werden. Hilfsorganisationen glauben aber kein Wort mehr davon.

Krisen findet man genug. Es gibt Ernährungs-, Klima- und Wirtschaftskrisen. Und sie alle haben eines gemeinsam: Sie treffen die Ärmsten auf der Welt am stärksten. Und das dauerhaft. Eine Milliarde Menschen leiden bereits jetzt täglich an Hunger. Und eine Besserung ist kaum in Sicht. Denn nach Auffassung zahlreicher Hilfsorganisationen unternimmt die Politik zu wenig dagegen. «Die existierenden Institutionen schaffen es offensichtlich nicht, wirksame Antworten auf die Auswirkungen und Herausforderungen der verschiedenen Krisen zu entwickeln», kritisierte unlängst Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung.

Kurz vor Beginn der Grünen Woche in Berlin hatte die Organisation 300 Fachleute in der Hauptstadt versammelt, um mit ihnen die künftige Rolle des Agrarhandels im Spannungsfeld mit den weltweiten Krisen zu diskutieren. Das Zusammentreffen der Konferenz «EcoFair Rules» mit dem Startschuss einer der weltweit größten Landwirtschaft- und Ernährungsmesse war dabei kein Zufall. «Wir wollen ein starkes Signal an die Minister senden», sagte Unmüßig. Der Reformbedarf sei immens. «Wir brauchen endlich verbindliche Regeln.»

Agrarministergipfel: Plausch unter dem Brandenburger Tor

Ob derartige Forderungen Gehör finden, wird sich zum Teil am Samstag erweisen. Denn der zweite Tag der Grünen Woche ist geprägt von viel Gipfelatmosphäre. So treffen sich Agrarminister aus aller Welt in Berlin mehrfach zu Gesprächen. Sowohl eine Podiumsveranstaltung auf dem Messegelände, als auch ein abgeschotteter Gesprächskreis im schicken Ambiente am Brandenburger Tor ist geplant. Motto des Berliner Agrarministergipfels: «Landwirtschaft und Klimawandel – neue Konzepte von Politik und Wirtschaft».

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) jedenfalls meint es ernst. «Die Agrarpolitik steht im 21. Jahrhundert vor gewaltigen Herausforderungen», teilte sie mit. Der nachhaltige Umgang mit Ressourcen sei nicht nur wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft. Der Agrarministergipfel solle auch den Startschuss für eine weltweite Initiative für mehr Klimaschutz sein, so Aigner.

Bei den Nichtregierungsorganisationen hört man derlei Versprechungen gern, allein es fehlt der Glaube an die Realisierbarkeit. Schon die Tatsache, dass sie bei den Beratungen nicht mit am Tisch sitzen dürfen, stimmt sie skeptisch. Zwar begrüßte Barbara Unmüßig ausdrücklich, dass die Bundesregierung die Verschränkung von Agrarhandel und der Klimakrise in den Blick nehme. Aber sie warnte auch: «Bei den Schlussfolgerungen dürfen allerdings nicht die Interessen der Agrarkonzerne im Vordergrund stehen.» Klimaschutz erfordere bei der deutschen Agrarwirtschaft ein radikales Umdenken. «Die blinde Steigerung von Produktion und Exporten zerstört die Umwelt und verschärft die Armut in den Entwicklungsländern», sagte Unmüßig und forderte zugleich ein Ende der alt bekannten, ergebnislosen «Gipfelrhetorik».

Kein Ende der Kontroverse in Sicht

Die kennt auch Josef Sayer mittlerweile zu genüge. Der Hauptgeschäftsführer vom katholischen Hilfswerk Miserior hat schon viele Verlautbarungen gehört. Angefangen bei der Erklärung der Milleniumsziele im Jahr 2000, über den Welternährungsgipfel in Rom bis hin zum Klimagipfel in Kopenhagen im Jahr 2009 – immer wieder seien die Erwartungen enttäuscht worden. «Gerade Kopenhagen war ein unwürdiges Geschacher um Positionen, frei nach dem Motto: Wer sich zuerst bewegt, hat schon verloren», sagte Sayer und forderte zugleich die verschiedenen Hilfsorganisationen auf, sich weltweit besser zu vernetzen und zusammenzuschließen. «Das Jahr 2010 darf nicht verstreichen, ohne das wir mehr Druck auf die Politik ausüben», sagte Sayer.

Doch ob die Mühen am Ende ausreichen werden, bleibt fraglich. Denn allein in Deutschland löst die Debatte um mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft eine Kontroverse aus. Das zeigt bereits die Reaktion des agrarpolitischen Sprechers der CDU-Bundestagsfraktion, Peter Bleser. Zwar lobte auch er die Anstrengungen der Bundesregierung, etwa durch Treibhausgasemissionen und den Ausbau von nachwachsenden Rohstoffen die Produktivität zu erhöhen und dadurch eine bessere Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung zu garantieren. Trotzdem warnte er vor einer falschen Diskussion. Immerhin habe Deutschland seit 1990 schon 20 Prozent der Emissionen gesenkt. Sein Fazit lautet deshalb: «Pünktlich zur Grünen Woche wird die Landwirtschaft wieder einmal zu Unrecht in den Fokus der Klimadebatte gerückt.»

ham/kat/news.de
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Leserkommentare (4)
  • Kommentar: 4
  • 17.01.2010 19:17
von
ragnaroekr

Ich muss Lester und dem Artikel widersprechen. Es fehlt jeder Respekt vor Lebensmitteln und eine Esskultur. Das Heruntergewürge provoziert den Einfluß des Spekulierens mit Lebensmitteln (K 3), wie auch ein Globalisierungsproblem geschaffen wird (K 1). Alt vertraute Produktionsweisen (K 2) geraten in Vergessenheit und der Hunger oder das Verhungern wird akzeptiert. Hat jemand bis heute einen gescheiten Satz der Politik gehört? Das dumme Gefasel von Klimakatastrophen, das über die Vegetarierdebatte und erneuerbare Energien mit dem Fressrahmen der grünen Woche Urstände feiert, ödet an.

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  • Kommentar: 3
  • 17.01.2010 01:23
von
Peter Fischer

Solange Börsenspekulanten, Banken und Aktionäre an den Ernährungsprodukten ihr Geld verdienen wollen, wird sich am Hunger in der Welt nichts ändern, erst wenn die Bevölkerung diese Schmarotzer zum Teufel jagt, wird sich die Ernährung weltweit verbessern und auch die Ärmsten werden sich endlich Nahrungsmittel leisten können. Aber da die Politiker auch in den Aufsichtsräten der Großkonzerne sitzen wird sich an dieser Misere nichts ändern.

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  • Kommentar: 2
  • 16.01.2010 18:41
von
antiabzocke

1 Mrd. hungern - Selber schuld. Heute brennen sie die Wälder nieder und morgen bleibt der Regen aus. Wer einen Baum fällt, muss einen Baum pflanzen. Wir bewirtschaften unseren Garten seit 300 Jahren und er bringt reiche Ernte. Die Natur achten statt ausbeuten. Kompostwirtschaft statt Brandrodung. Und nur so viele Kinder, wie man auch ernähren kann statt 10 Kinder, die hungern. In armen Ländern 1-Kind-Familie einführen wie in China.

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  • Kommentar: 1
  • 16.01.2010 15:34
von
Eberhard Schneider

Es gibt eigentlich nur einen Satz der zu allem Leid der Welt gilt Globalisierung--und das heisst.Umverteilung von unten nach oben und Bedienung der Grosskonzerne durch unfähige Politiker

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