Nach Kopenhagen «Ohne die Industrie geht es nicht»

Frederic Hauge (Foto)
Umweltaktivist und Gründer der Bellona-Stiftung: Frederic Hauge. Bild: Bellona Foundation / Dag Thorenfeldt

Von news.de-Redakteurin Rieke Havertz
Vor einem Monat schaute die Welt auf Kopenhagen, der Klimaschutz war in aller Munde. Nun ist es wieder still geworden um das globale Problem. News.de sprach mit dem norwegischen Klimaaktivisten Frederic Hauge über Optimismus und Blaumänner.

Vor dem Klimagipfel in Kopgenhagen sagten Sie, Sie seien sehr optimistisch. Sind Sie einen Monat später immer noch optimistisch?

Hauge: Man muss optimistisch sein, wenn man in diesem Bereich arbeitet. Aber natürlich ist die Erklärung von Kopenhagen nicht genug gewesen. Es ist sehr enttäuschend, dass kein rechtlich bindendes Abkommen erreicht wurde. Aber ich denke auch, dass wir den Anfang eines Wandels gesehen haben in der Art und Weise, wie die internationale Gemeinschaft miteinander arbeitet, wenn es um den Klimaschutz geht. Die Diskussion wird breiter werden, so dass nicht mehr nur über Emissionshandel gesprochen wird sondern auch über andere Ansätze im Klimaschutz.

Dennoch bleibt der Eindruck, dass die internationale Gemeinschaft nicht in der Lage ist, gemeinsam ein bindendes Abkommen für den Klimaschutz zu erreichen. Glauben Sie daran, dass sich das in naher Zukunft ändern wird?

Klimawandel
Die Erde verändert ihr Gesicht

Hauge: Es muss sich ändern und ich glaube, dass wir es von zwei Perspektiven aus betrachten müssen. Zum einen werden die erdölimportierenden Länder nicht nur auf Grund des Klimawandels, sondern auch aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduzieren müssen. Dafür ist es notwendig, dass wir Techniken entwickeln, die die Kosten für alternative Kraftstoffe senken. Zum anderen werden Länder wie China, die auf Wohlstand aus sind, sehen müssen, dass die Folgen des Klimawandels bald dazu führen werden, dass Menschen eher noch ärmer werden. Ich denke aber, es gibt ein wachsendes Verständnis in der chinesischen Führung, dass die Folgen des Klimawandels im eigenen Land ihnen Probleme bereiten könnten wenn es darum geht, das Land zu regieren.

In puncto Klimagesetzgebung brauchen wir dringend einen Wandel. Es war sehr enttäuschend, wie wenig die Regierungschefs in Kopenhagen dazu in der Lage waren, überhaupt irgendwelche Resultate zu Stande zu bringen. Einige wenige Länder haben meiner Ansicht nach einen Großteil der Verhandlungen sabotiert. Natürlich gibt es einen Major-Player: die USA. Und da müssen wir in Betracht ziehen, dass der Zeitraum von Obamas Amtsantritt bis zum Klimagipfel extrem kurz war.

Waren Sie enttäuscht von Obama und seinem Auftritt in Kopenhagen?

Hauge: Auf keinen Fall. Es gibt in Europa zu wenig Verständnis für die Verhältnisse in den USA. Ich muss sagen, dass die amerikanische Delegation in Kopenhagen äußerst professionell in den Verhandlungen war. Was wir gesehen haben, seit Obama gewählt wurde, ist, dass er eine zweigleisige Strategie fährt. Auf der einen Seite versucht er, das Gesetz zum Emissionshandel im Senat durchzubringen. Darüber hinaus - und das sollten wir bewundern - versucht Obama mit allen Mitteln, dass wieder wett zu machen, was acht Jahre Bush-Regierung angerichtet haben. Es braucht einige Zeit, so etwas wieder aufzubauen und Obama macht das sehr systematisch.

Klimabilanz
Wie stark wir die Umwelt belasten

Unter diesen Voraussetzungen: Was ist der entscheidende nächste Schritt für Nicht-Regierungsorganisationen wie die Bellona Foundation?

Hauge: Wir müssen weiter den Zielen der Vereinten Nationen folgen, aber unsere Meinung nach müssen wir gleichzeitig versuchen - und das haben wir in Kopenhagen getan - Lösungen zu finden und Win-Win-Koalitionen zwischen der Industrie und einzelnen Regierungen und Institutionen zu bilden und zu fördern. Es ist sehr wichtig, dass Entwicklungs- und Schwellenländer vorhandene Technologien nutzen.

Bellona arbeitet eng mit der Industrie zusammen und ist dafür von anderen Umweltschützern und Organisationen kritisiert worden. Glauben Sie, dass in der Zusammenarbeit mit der Industrie die einzige Chance besteht, im Klimaschutz voran zu kommen?

Hauge: Die Industrie ist ein Teil des Problems und daher wird sie einen großen Anteil daran haben, das Problem des Klimawandels zu lösen. Wir brauchen aber starke Regierungen, die rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen für die Industrie schaffen, um den Wandel zu schaffen. Wir werden es ohne die Industrie einfach nicht schaffen, egal, ob uns das gefällt oder nicht.

Und Sie werden es auch nicht ohne die Politiker schaffen. Ist es einfacher mit Politikern zusammenzuarbeiten oder mit Unternehmen?

Hauge: Wir müssen mit beiden zusammenarbeiten, egal wie einfach oder schwer es ist. Unsere Erfahrung ist häufig, dass wenn wir unsere Kräfte bündeln und der Industrie strenge, aber berechenbare Rahmen vorgeben, sie diese Ziele auch erreichen.

Lesen Sie auf Seite 2, was Hauge von Angela Merkel hält

Sie haben die Bedeutung von starken Regierungen und politischen Persönlichkeiten angesprochen. Wie nehmen Sie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in der Klimafrage wahr?

Hauge: Es gibt gute Beispiele in Deutschland, die zeigen, wie die Regierung die nationale Märkte genutzt hat, um für die Industrie Räume zu schaffen, um Erfahrungen mit neuen Technologien zu sammeln. Aber es ist schade, dass die Deutschen keine Führungsrolle in der CO2-Abscheidung und -SpeicherungCO2-Abscheidung und -Speicherung (engl. Carbon Dioxide Capture and Storage, kurz CCS) ist die Abscheidung von Kohlenstoffdioxid (CO2) aus Verbrennungs-Abgasen und deren Einlagerung (Sequestrierung), insbesondere in unterirdischen Speicherstätten. Durch die Einlagerung soll weniger CO2 in die Atmosphäre gelangen. Dort wirkt es als Treibhausgas. übernehmen. Deutschland ist ein extrem wichtiges Kohleland und wenn man bedenkt, wie stark die Kohleindustrie ist, hat die Politik Führung vermissen lassen. Wir hoffen, dass Merkel diese Führung übernehmen kann, denn die deutsche Wirtschaft ist das Herz der europäischen Wirtschaft.

Neben Politik und Wirtschaft müssen sich aber auch die Menschen des Klimawandels bewusst sein. Nach dem Ende des Klimagipfels ist es still geworden um den Klimaschutz.

Hauge: Das ist erwartbar gewesen, und es ist ein sich selbst-verstärkender Effekt: Viele Menschen denken, wenn der Klimawandel wirklich ein Problem wäre, dann hätten die Staats- und Regierungschefs auch gehandelt. Aber die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber dem Klimawandel wird wieder steigen. Und wir müssen auch sehen, dass in den vergangenen Jahren das Bewusstsein für das Problem größer geworden ist. Brasiliens Präsident Lula hat über die Verhandlungen in Kopenhagen gesagt, dass er noch nie bei einer Sitzung dabei gewesen sei, in der es so eine konstruktive Arbeitsatmosphäre gegeben habe. Viele politische Führungskräfte haben deutlich gemacht, dass Kopenhagen ein Anfang war, aber nicht genug.

Aber geht es nicht viel zu langsam voran?

Hauge: Natürlich geht es zu langsam voran. Wir sind weit hinter allen Zielen zurück, die wir zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich schon längst hätten erreichen müssen. Aber gleichzeitig gibt es neue Technologien und Ideen, die eine große Bedeutung im Kampf gegen die Klimaerwärmung haben können.

Viele Regierungschefs fürchten negative wirtschaftliche Folgen, sollten sie sich voll und ganz dem Klimaschutz widmen. Teilen Sie diese Befürchtung?

Hauge: Auf gar keinen Fall. Die Verlagerung auf umweltfreundliche Energiesysteme wird viele neue grüne Jobs kreieren und mehr Wirtschaftswachstum bedeuten. Darüber hinaus sind die Kosten, die auf uns zu kommen, wenn wir uns mit den Auswirkungen des Klimawandels auseinander setzen müssen, sehr viel höher als die Kosten, die wir tragen müssten, um jetzt etwas zu tun.

Sie sind seit mehr als 25 Jahren Umweltschützer. Haben Sie je einen Punkt der Ernüchterung erreicht?

Hauge: Wir müssen das Beste tun, was wir unter den gegebenen Voraussetzungen tun können. Es ist sehr inspirierend, in einer Organisation wie Bellona zu arbeiten, die sich darauf konzentriert, Lösungen zu finden. Dennoch kann es auch sehr frustrierend sein, denn zum Job gehört viel Handeln und Werben. Aber auch hier gibt es nur eine Lösung: Wir müssen noch härter arbeiten.

Also werden Sie auch die nächsten 25 Jahre weitermachen?

Hauge: Natürlich. Wir haben gerade erst angefangen.

Im Gegensatz zu den Anfängen tragen Sie dieser Tage häufiger einen Anzug und nur noch selten einen Blaumann. Vermissen Sie die Zeit des aktiven Protests?

Hauge: Natürlich ist es sehr inspirierend, etwas Action zu haben. Und vielleicht machen wir bald wieder eine Protestaktion. Aber wir müssen auf Bühnen arbeiten und aktiv sein, auf denen wir gehört werden. Da ist es wichtig, konstruktiv zu sein.

Frederic Hauge, 44, hat 1986 die unabhängige norwegische Umweltstiftung Bellona gegründet. Die international agierende Stiftung gehört zu den einflussreichsten Umweltschutzorganisationen Norwegens. Bellona arbeitet eng mit der Industrie zusammen. Hauge wurde 2007 vom amerikanischen Magazin Time zu einem der «Umwelthelden der Erde» gekürt - neben Al Gore und anderen.

mac/news.de

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