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Hinter Gittern (Bild 1/7)
Stasiknast (Foto)
Foto: news.de
12.01.2010

Ein Flur mit offenen Zellentüren im ehemaligen Stasiknast im thüringischen Erfurt.

Sturm auf Stasi-Zentrale

Ende der Spitzelei

Von Jutta Schütz

Vor 20 Jahren, am 15. Januar, wurde die Stasi-Zentrale in Berlin gestürmt. Die aufgebrachte Menge warf Honecker-Bilder aus dem Fenster und zertrat Tische und Stühle.

Als vor 20 Jahren am 15. Januar 1990 tausende Demonstranten die Ost-Berliner Stasi-Zentrale in der Normannenstraße stürmten, konnten sie es kaum fassen: Räucheraal und Krabben auf der Kantinen-Speisekarte, Dosen-Haifischflossen-Suppe in Lagerräumen, holzgetäfelte Konferenzräume. Der für DDR- Verhältnisse unvorstellbare Luxus machte viele wütend.

Viele Demonstranten waren empört, dass Wochen nach dem Mauerfall das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) - inzwischen umbenannt in Amt für Nationale Sicherheit - weiter funktionierte. Und die Stasi-Leute arbeiteten mit Hochdruck: Massenhaft gingen Unterlagen durch die Reißwölfe oder wurden verbrannt. Das dürfe so nicht weitergehen, wurde immer lauter gefordert. Zumal Bürgerrechtler in etlichen Stasi-Verwaltungen der DDR-Bezirke die Aktenvernichtung schon gestoppt hatten. Stasi-Chef Erich Mielke, der schon kurz vor dem Mauerfall als Minister zurückgetreten war, saß in Untersuchungshaft.

20 Jahre später wird weiter spekuliert, ob die Stasi in Ost-Berlin die wütenden Massen selbst in den Versorgungstrakt des riesigen Betonkomplexes im Stadtteil Lichtenberg «umgelenkt» habe. Walter Süß, der damals als taz-Reporter vor Ort war und heute Forscher in der Stasi-Unterlagenbehörde ist, weist dies zurück. Die Stasi habe aber angewiesen, dass an dem Tag nur wenige Mitarbeiter Wache halten sollten, erinnert er sich. Anfang 1990 waren noch tausende Stasi- Mitarbeiter im Dienst. Das ganze Ausmaß der staatlichen Überwachung wurde erst später bekannt: 91.000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter, davon bis zu 7000 in der hermetisch abgeriegelten Ost-Berliner Stasi-Stadt. Hinzu kamen etwa 189.000 inoffizielle Stasi-Spitzel.

Es habe Indizien gegeben, dass damals auch westliche Geheimdienste unter den Demonstranten waren, sagt Süß. Karteien seien verschwunden. Auch die geheimnisumwitterten Rosenholz-Dateien über Westspione der DDR-Staatssicherheit waren in die Hände des amerikanischen Geheimdienstes CIA gelangt - wann und wie, darüber wird bis heute gerätselt. Erst 2003 waren die mikroverfilmten Karteikarten an Deutschland zurückgegeben worden.

Zunächst hatten sich an dem kalten Januartag 1990 Demonstranten vor dem Stasi-Ministerium nach einem Aufruf des Neuen Forums versammelt - aus Protest gegen die Weiterarbeit des Spitzelapparates. Doch was das Neue Forum nicht wusste: Drinnen verhandelten schon Bürgerkomitees aus den DDR-Bezirken über eine friedliche Übergabe. Als die Tore geöffnet wurden, eskalierte die Situation.

Bürgerrechtler vom Runden Tisch fuhren nach Lichtenberg. Konrad Weiß und Rainer Eppelmann schlugen vor, zuvor eine Erklärung zu verbreiten. Der Aufruf in Rundfunk und Fernsehen endete mit den Worten: «Bitte keine Gewalt.» Auch Ministerpräsident Hans Modrow eilte in die Normannenstraße. Schließlich siegte die Besonnenheit: Die Demonstranten verließen das Gebäude, die Eingänge wurden gesichert. Die Ost-Berliner Polizei schätzte es als Verdienst der Oppositionsgruppen ein, dass es keine Toten gab.

Der Sturm auf die Stasi-Zentrale habe den Untergang des DDR- Spitzelapparates besiegelt und sei Schlusspunkt einer Entwicklung gewesen, die am 4. Dezember 1989 mit der Besetzung der Stasi- Bezirkszentrale in Erfurt begann, sagt die frühere DDR- Bürgerrechtlerin und heutige Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler. Bei den ersten Aktionen habe noch niemand gewusst, ob sich bewaffnete Stasi-Offiziere zur Wehr setzen würden.

Am 15. Januar 1990 habe es dann nicht mehr ganz so viel Mut gebraucht. Die wichtigste Botschaft dieses Tages: «Die Bilder gingen um die Welt und zeigten, dass die Leute keine Angst mehr vor der Stasi haben.» Es sei historisch und einmalig, dass einfache Bürger einen Geheimdienst zu Fall brachten und Akten retteten.

Heute lagern noch rund 15.000 Säcke mit zerfetzten oder zerschnipselten Stasi-Unterlagen bei der Birthler-Behörde. Rund 16.000 Säcke waren nach dem Mauerfall vor der endgültigen Vernichtung gerettet worden. Ein Teil des Materials wurde bereits in mühevoller Handarbeit rekonstruiert. Die Bundesbehörde geht davon aus, dass in den Säcken noch brisantes Material lagert. Seit 2007 läuft ein Pilotprojekt zur elektronischen Rekonstruktion der Stasi-Papiere. Die Forscher hoffen auf neue Erkenntnisse.

bjm/reu/news.de/dpa
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