Freiwillig in der Zelle
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Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Erfurt
Artikel vom 12.01.2010
Fraglicher Umgang mit Zeitzeugen: Ehemalige Häftlinge haben seit dem 1. Januar den Stasiknast in Erfurt besetzt. Sie fühlen sich vergessen und ausgegrenzt - und erleben nebenbei mehr als die Vergangenheit.
Musik und Sonne. Beides wird dann elementar, wenn es nicht vorhanden ist. Das ist heute so, das war auch schon vor 40 Jahren so. Rainer Schneider fiel das 1972 zum ersten Mal auf. Damals saß er in Einzelhaft im Stasiknast im thüringischen Erfurt. Heute sitzt der 54-Jährige dort wieder ein. Dieses Mal kam er freiwillig an den Ort, der 1972 sein Leben radikal ändern sollte. Ein Ort ohne Sonne und Musik, dafür mit Gemeinschaftskacken.
Die Tür befindet sich ganz hinten links in der dritten Etage. Es war die sogenannte Männeretage und hinten links war die Einzelzelle. Nummer 33. Die Tür: zwei lange Scharniere, vier Riegel untereinander angeordnet, fast zehn Zentimeter dick. Sie grenzte Rainer Schneider von der Außenwelt ab. Ein drei Zentimeter großes Guckloch und eine Essenklappe haben den Häftling mit dem Gang verbunden. Vier Reihen undurchsichtiger Glasbausteine mit dem Gefängnisinnenhof. Die Zelle war ungefähr zwei mal vier Meter groß. Es gab ein hartes Bett, ein Klo und ein Waschbecken. Das war es.
Zehn Tage lang saß Rainer Scheider dort. Dann vier Monate in einer Gemeinschaftszelle mit einem Klosett im Raum für alle, dann wurde er in eine andere Haftanstalt verlegt. Am 18. Februar 1972 haben ihn drei Autos voller Stasimänner am Erfurter Hauptbahnhof festgenommen. Der Vorwurf: geplante Republikflucht. «Ja, ich wollte das Land durch Tschechien verlassen», sagt er. Ein Mann der Nationalen Volksarmee habe ihn verraten. «Ich war 17 Jahre alt und verspürte eben den Drang nach Freiheit.» Zwei Jahre später konnte Rainer Scheider legal in die BRD ausreisen. Seitdem wohnt er in München, ist Geschäftsmann und kann sich seine Zeit frei einteilen.
Jetzt sitzt er zusammen mit den ehemaligen Häftlingen Joachim Heise und Gerhard Bause in einer Zelle. Sie sind am 1. Januar freiwillig gekommen. Die Zellentür ist offen, rechts und links stehen Pritschen mit Schlafsäcken, ein Tisch, zwei Stühle und zwei Ölradiatoren. Hinter dem Fenster sind doppelte Gitterstäbe, vor dem Fenster brennt eine weiße Kerze. Es riecht etwas faulig. Die Temperatur ist zehn Grad, die Zelle wirkt fast kuschelig im Vergleich zum eiskalten und verwaisten Rest der Haftsanstalt. Die Drei besetzen das ehemalige Gefängnis.
Die Männer gehören dem Verein «Freiheit» an. Mehr als 70 Mitglieder kümmern sich um die Aufarbeitung der Stasimachenschaften in Thüringen. Es sind fast alles ehemalige Häftlinge, also Zeitzeugen. 2005 haben sie eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, um das Knastgebäude vor dem Abriss zu retten. Seit 2007 gibt es den Verein. Die Zeitzeugen bieten Führungen an und gehen in Schulklassen, um das Andenken an das Unrecht wach zu halten. Der Verein bemüht sich seit zwei Jahren, die Trägerschaft für die Gedenk- und Bildungsstätte zu bekommen. Bisher ohne Erfolg.
Das Gebäude gehörte dem Thüringischen Finanzministerium, das es an die OFB Projektentwicklung, eine Tochter der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) verkaufte. Eigentlich wurde dem Freiheit-Verein eine Mitarbeit an der Errichtung der Gedenkstätte von der alten thüringischen Landesregierung unter Dieter Althaus (CDU) zugesichert. Doch kurz vor der Landtagswahl im August gründete der Freistaat die Stiftung für Gedenken, Erinnern und Lernen und sah sie als Trägerin der Gedenkstätte vor. Der Verein war aus dem Spiel.
Es folgte eine weitere Provokation. In den Stiftungsrat wurde Karina Kaschuba (Die Linke) gewählt. Kaschuba ist eine ehemalige hauptamtliche SED-Führerin. «Wir haben somit die Täter in der Opferstiftung», sagt Rainer Schneider. Er und seine Mitstreiter sind empört. Am 15. Dezember brachte eine weitere Information das Fass zum Überkochen: Der Investor OFB will offensichtlich einen Teil des Gebäudes abreißen lassen. Und zwar jenen, in dem die Stasi die Vernehmungszimmer untergebracht hatte. Heise, Bause und Schneider entschlossen sich zur Besetzung, Schneider trat in den erweiterten Hungerstreik. Kein Essen, kein Trinken.
Sie suchten sich alte Feldbetten und Decken, einen Ölradiator und Kerzen und bezogen die Zellen, die sie bereits vor Jahrzehnten unfreiwillig bewohnen mussten. Sie saßen da und erzählten sich die alten Geschichten. Nach wenigen Stunden wurde es dunkel und in Schneider kroch jenes Gefühl wieder hoch, dass er seit fast 40 Jahren aus seinem Leben ausgeblendet hatte. Eine Nacht hinter Gittern, keinen Kontakt zur Außenwelt, keine Musik und keine Sonne.
Seit der ersten Nacht hat sich vieles geändert. Das Medieninteresse lag über den Erwartungen der Besetzer. Es eilten nicht nur Redakteure von großen deutschen Tageszeitungen und Fernsehsendern herbei, sondern auch welche aus Polen, Finnland und den Niederlanden. Ein Amtzarzt erkundigte sich nach dem Gesundheitszustand von Schneider. Dem ging es immer schlechter, aber er wollte durchhalten. Bis - ja bis der zuständige Staatssekretär Thomas Deufel dem Treiben nicht mehr tatenlos zusehen konnte. Er kam am vierten Tag in die Zelle, am fünften Tag hatten die Zeitzeugen einen Termin bei ihm.
«Deufel hat uns eine Zusammenarbeit angeboten», sagt Hildigund Neubert. Sie ist die Beauftragte zur Aufarbeitung der Stasiunterlagen in Thüringen und unterstützt den Freiheit-Verein. Zurzeit werde ein Vertrag ausgearbeitet. Das nächste Treffen ist für Donnerstag angekündigt. «Wir besetzen so lange, bis wir unsere Interessen durchgesetz haben», sagt Schneider, der nun nicht mehr hungert. «Wir halten durch.» Als er das sagt, schaut er aus dem Fenster. Die Sonne fehle ihm, genau wie damals. Und die Musik. Als 1972 ein neuer Häftling eingewiesen wurde, habe er ihn sofort gefragt, was im Radio gespielt wird. Es gab einen neuen Hit: Der Tag, als Conny Cramer starb von Juliane Werding.
hav/reu/news.de
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