So., 12.02.12
Nahost

Christen in Palästina Flucht aus dem Heiligen Land

Von news.de-Korrespondent Gil Yaron, Tel Aviv

Artikel vom 24.12.2009

In Palästina liegt der Ursprung des Christentums, es ist das Land der Bibel. Heute aber machen politische Konflikte und islamische Extremisten den palästinensischen Christen das Leben schwer. Bald könnte es im Heiligen Land keine Christen mehr geben.

Bethlehems christlicher Bürgermeister Viktor Bartassa weiß, was er sagen muss, um die Herzen westlicher Hörer zu gewinnen: «Wir sind ein Paradebeispiel für friedliche Koexistenz der Religionen», sagt Bartassa. Die Hotels in Bethlehem seien schon seit Wochen ausgebucht, und dieses Jahr werde die Geburtsstadt Jesu schöner sein als je zuvor. Insgesamt 65.000 Euro seien gestiftet worden, um die Straßen zu schmücken, ein erheblicher Teil des Geldes käme von der palästinensischen Regierung und muslimischen Firmen.

Nur die israelische Besatzung und die Mauer, die die Stadt einschnüre, seien ein Problem. Sie seien der Grund dafür, dass immer mehr Christen das Land verlassen, meint Bartassa. Doch viele palästinensische Christen sprechen von ganz anderen Problemen. Probleme, von denen offizielle Sprecher der Palästinensischen Autonomiebehörde nichts erzählen.

Für Amira Farhoudi aus Bethlehem sind Beschimpfungen Teil eines bedrückenden Alltags. «Wenn muslimische Kinder das Kreuz sehen, dass ich an meiner Halskette habe, verfluchen sie mich regelmäßig lauthals auf offener Straße», sagt die 19 Jahre alte Medienstudentin. «Ich hasse es, in Bethlehem zu leben», sagt Farhoudi, «als Frau bin ich gezwungen, bereits um acht Uhr Abends zuhause zu sein. Ich habe hier keine Freiheiten.»

Sie träumt davon, eines Tages in die USA auszuwandern, um dort Filmemacherin zu werden. Sie hat sogar schon ihr erstes Buch geschrieben. Es ist eine tragische Liebesgeschichte zwischen einem palästinensischen Mädchen und einem israelischen Soldaten. «Meine Freunde waren schockiert, als sie das hörten», sagt Farhoudi. «Für sie ist es undenkbar, solche gesellschaftlichen Tabus zu überschreiten.» Doch die rebellische Farhoudi gesteht auch, sie selbst würde niemals einen Muslim heiraten. «Muslimische Männer sind doch alle hässlich, ich hasse sie», sagt die Teenagerin.

«Wir Christen ziehen immer den Kürzeren»

Der Hass zwischen der ehemaligen Elite der urbanen Christen und den Muslimen sitzt tief. Schon auf dem großen Platz vor der Geburtskirche wird die Übermacht des Islams klar. Ein Minarett überragt die Kirche, fünf mal am Tag übertönen die Lautsprecher der Moschee die Gebete in einer der ältesten Kirchen der Welt. Die Osmanen hatten einst angeordnet, dass neben jedem christlichen und jüdischen Gotteshaus eine Moschee zu errichten sei, um die Dominanz des Islam zu demonstrieren.

«Wir Christen ziehen immer den Kürzeren», sagt Samir Qumsieh, der eine christliche Fernsehstation in Bethlehem betreibt. Stundenlang kann Qumsieh von Beispielen berichten, in denen muslimische Großfamilien, die aus Hebron ins reichere Bethlehem gezogen sind, Christen bedrohen, erpressen und bestehlen. Erst vor kurzem wurde im Streit um ein Grundstück ein Christ nach Hebron verschleppt und dort wochenlang festgehalten: «Die Behörden haben nichts getan. Es gibt keine offizielle Politik, uns zu verfolgen oder zu diskriminieren, aber man schützt uns auch nicht vor den Übergriffen der Muslime.» Er selbst hat mehrere Mordversuche überlebt.

In der einstigen christlichen Hochburg geht es Christen schlecht. Noch vor sechzig Jahren stellten sie hier die Mehrheit, heute machen Christen noch rund zwölf Prozent der Bevölkerung aus. «Es sind drei Faktoren: Die Muslime haben eine höhere Geburtenrate als wir, sie ziehen aus dem Umland hierher, und Christen wandern wegen der Besatzung aus», sagt Bürgermeister Bartassa, dessen fünf Kinder alle im Ausland leben.

Die Regierung tut zu wenig

Doch für Fernsehmacher Samir Qumsieh haben die Politik und Korruption der Autonomieverwaltung zur Abwanderung von Christen maßgeblich beigetragen. «Wir wurden von den Osmanen, Briten und Israelis besetzt, aber niemals haben Christen so gelitten wie heute.» Die Abwanderung vieler christlicher Landbesitzer ließ ein Vakuum entstehen, dass von einer Mafia gefüllt wird, die sich der herrenlosen Güter bemächtigt. «Sie sehen, dass eine Familie emigriert, und beginnen sofort, auf deren Land zu bauen. Oder sie verkaufen sogar Grundstücke, die ihnen gar nicht gehören», sagt ein palästinensischer Journalist, der aus Angst vor Repressalien unerkannt bleiben will. «Vertreter der Autonomieverwaltung kooperieren dabei und erhalten Provisionen.»

Jetzt will die neue Regierung der Landmafia den Garaus machen. Ein neuer Ausschuss soll endlich Klarheit in den Besitzverhältnissen schaffen, vergangene Woche wurde erstmals in der Geschichte Bethlehems ein Haus abgerissen, das Muslime illegal auf einem christlichen Grundstück errichtet hatten. «Für die 45.000 Christen in den Palästinensergebieten ist das zu wenig, und zu spät. Man fängt nur die kleinen Fische, die großen lässt man ziehen», sagt der Journalist.

Im Gazastreifen, der seit 2007 von der radikal-islamischen Hamas beherrscht wird, leidet die kleine christliche Gemeinde unter dem wachsenden Druck islamischer Fundamentalisten. Dem palästinensischen Christen J. gelang es vor zwei Jahren, aus dem Landstrich nach Bethlehem zu flüchten. Seither hat er nur noch sporadischen Kontakt mit seinen Verwandten. «Meine Familie hat Angst davor, dass unsere Gespräche abgehört werden könnten, deswegen sagen sie mir nicht die ganze Wahrheit.» Die Bewohner Gazas würden immer extremistischer. «Unsere Lage scheint aussichtslos. Die Hamas zwingt meine Schwestern inzwischen, den Schleier anzuziehen», sagt J., der aus Angst um seine Familie anonym bleiben will.

Die muslimische Umwelt übt großen Druck aus, um die Christen zu bekehren. Aber umgekehrt droht Muslimen, die sich zu Jesus bekennen, die Todesstrafe. «Hunderte heimlich übergetretene Christen in Gaza fürchten sich davor, dass ihr Geheimnis bekannt werden könnte», sagt J. Die Gemeinde der rund 1700 in Gaza verbleibenden Christen habe keine Zukunft. «Niemand unterstützt uns», sagt J. Christen würden bei der Verteilung von Regierungsjobs benachteiligt, ihre Einrichtungen Ziele von Angriffen radikaler Islamisten. «Ich werde nie nach Gaza zurückgehen. Nicht wegen der Israelis, sondern wegen der Hamas.»

che/hav/news.de
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 17.02.2010 14:57
von
Hermann Huber
Antwort auf Kommentar 1

Der Druck Israels ist weit größer als der des Islam! Liberman sagte den arabischen Abgeordneten im Knesseth ganz offen, daß sie rausfliegen aus Israel wie er die Gelegenheit dazu hat und die Araber sind nun einmal nicht nur Moslems! Man will dort einen goldenen Tatarenstaat erschaffen und dazu ist jedes Mittel recht. Auch die antiislamische Hetze in Europa zur Radikalisierung gegen die Moslems ist Stimmungmache zur Eroberung des Iran und der Vertreibung der Palästinenser aus den besetzten Gebieten und Israel, egal ob Christ oder Moslem!

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  • Kommentar: 1
  • 28.12.2009 00:08
von
nnnn
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