Sa., 04.02.12

Verein Lifespark Begleiten statt verurteilen

Von news.de-Redakteurin Rieke Havertz

Artikel vom 30.12.2009

Der Schweizer Verein Lifespark vermittelt seinen Mitgliedern ungewöhnliche Brieffreundschaften: An Gefangene, die in den USA in der Todeszelle sitzen. Gründerin Ursula Corbin erinnert sich an die Anfänge.

30.12.2009
Briefe an Häftlinge
Recht auf Menschlichkeit
Video: news.de

Wie kommt jemand auf die Idee, einem Gefangenen, der in Amerika in einer TodeszelleDie Zahl der Todesurteile in den USA geht stetig zurück und hat 2009 den tiefsten Stand seit 1976 erreicht - dem Jahr, in dem die Todesstrafe in den Vereinigten Staaten wieder eingeführt wurde. Insgesamt wurden im zu Ende gehenden Jahr 106 Todesurteile ausgesprochen, wie das Informationszentrum über die Todesstrafe in Washington mitteilte. Zum Vergleich: Den höchsten Stand gab es 1994 mit 328 Fällen. «Die Zahl der Todesurteile ist das siebte Jahr in Folge zurückgegangen und liegt 60 Prozent unter der in den 1990er Jahren», sagte der Direktor des unabhängigen Zentrums, Richard Dieter. Er hob weiter hervor, dass in den vergangenen zwei Jahren drei US- Bundesstaaten die Todesstrafe abgeschafft haben, die damit jetzt noch in 35 Staaten zulässig ist. Eine Rekordzahl von elf Bundesstaaten habe in diesem Jahr mit Blick auf die hohen Kosten der Todesstrafe für das Justiz- und Gefängnissystem eine Abschaffung zumindest erwogen. Dieser Trend werde sich im Zuge der weiterhin schwierigen Wirtschaftslage fortsetzen, sagte das Zentrum voraus. sitzt, Briefe zu schreiben? Diese Frage ist es wohl, die Ursula Corbin immer zuerst gestellt wird, wenn sie von ihrem Verein Lifespark erzählt. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht, lediglich eine lange Vorgeschichte.

Es war Mitte der 1980er Jahre, als sich die Schweizerin Corbin entschloss, einer Gruppe von Amnesty International beizutreten. Es ging um mehr als Spenden, aktiv mitmachen wollte Corbin. «Eines Tages bekamen wir einen Brief aus Texas von einem Mann, der zum Tode verurteilt worden war und mit unserer Gruppe Kontakt aufnehmen wollte», erinnert sich die Schweizerin.

Da sie selbst gut Englisch sprach, schrieb Corbin dem Mann einen Brief zurück. Was daraus folgte, war mehr als ein loser Kontakt. Es wurde eine enge Brieffreundschaft und Corbin reiste jedes Jahr in die USA und besuchte den Häftling. Bis 1993. Dann wurde der Mann hingerichtet. Eine Erlebnis, das Corbin stark mitnahm. «Eigentlich wollte ich nie mehr eine solche Brieffreundschaft aufnehmen», erzählt sie.

Doch es kam anders. Denn durch ein Radiointerview, das Corbin in Texas gegeben hatte, wurden andere Häftlinge in den USA auf die Schweizerin aufmerksam. Sie bestürmten sie mit Briefen und baten darum, von ihr zu hören, eine kleine Nachricht von der Welt «da draußen» zu bekommen. Unmöglich für einen Menschen allein, alles zu bewältigen. Die Idee zu Lifespark war geboren.

Gemeinsam mit zwei anderen Schweizerinnen gründete Corbin 1993 den gemeinnützigen Verein, der konfessionell und politisch unabhängig ist. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der Mitglieder auf etwa 30 an. Heute, 16 Jahre später, hat Lifespark 300 Mitglieder, mehr als 1000 Brieffreundschaften wurden bereits vermittelt. Die Arbeit von Lifespark sprach sich über einige wenige Artikel in Frauenzeitschriften herum, vor allen Dingen aber über Mund-zu-Mund-Propaganda. Neben der Vermittlung von Brieffreundschaften will die Organisation auch über die Todesstrafe aufklären, etwa mit öffentlichen Aktionen oder Besuchen in Schulen.

Es geht nicht um Mitleid

Gründerin Corbin selbst hat nach ihrer ersten Brieffreundschaft entgegen ihrem ersten Impuls weiter Briefe in die USA geschrieben. Mit insgesamt sechs Männern und einer Frau hat sie seit den Anfängen Kontakt aufgenommen - einer der Häftlinge wurde vor kurzem hingerichtet. Das vorgezeichnete Ende der Brieffreundschaften, auf das sich alle Mitglieder von Lifespark einstellen müssen. Um mit dieser Situation klar zu kommen, bietet der Verein seinen Mitgliedern einen umfangreichen Service an - er begleitet sie, vermittelt Ansprechpartner, beantwortet Fragen.

Eine pauschale Antwort, warum Menschen sich im Verein engagieren, gibt es wohl nicht. «Für mich hat es nichts mit Mitleid zu tun, denn die Häftlinge haben ein Verbrechen begangen und sitzen meist zu recht im Gefängnis», sagt Corbin. Ihr Antrieb ist Mitgefühl und die vehemente Ablehnung der Todesstrafe. Häftlinge in der Todeszelle sind oftmals völlig von der Außenwelt isoliert, «und in diesen Briefen können viele auch Dinge verarbeiten».

Kritik an Lifespark gibt es, vor allen Dingen auch in den USA. «Sie verstehen nicht, warum man «solchen» Menschen überhaupt schreibt», sagt Corbin. Die Briefeschreiber sollten ihre Kräfte besser anders einsetzen, zum Beispiel für die Opfer der Häftlinge lautet ein viel gehörter Vorwurf.

Corbin und die anderen Mitglieder von Lifespark hält das jedoch von ihrem Engagement nicht ab. Menschlichkeit und Mitgefühl stehen im Zentrum der Arbeit, die für Corbin auch noch weitergeht: «Manchmal empfinde ich diese Brieffreundschaften fast ein wenig wie eine Sterbebegleitung.»

che/news.de
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Verein Lifespark: Begleiten statt verurteilen » Politik » Nachrichten

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