Viele von ihnen müssen verstümmeln, vergewaltigen, töten - nicht selten sogar Mitglieder der eigenen Familie: Weltweit gibt es rund eine Viertelmillion Kindersoldaten. Die meisten von ihnen sind zwangsrekrutiert.
«Gegen 22 Uhr treten schwere Militärstiefel gegen die Tür der Holzhütte. Die damals zwölfjährige Hope schreckt aus dem Schlaf. Und erkennt in der Dunkelheit Jungen in Militärhosen mit angelegten Gewehren. Kinder wie sie, die vom ugandischen Anführer Joseph Kony entführt und zu Kämpfern der ‹Widerstandsarmee des Herrn›ausgebildet werden.» So schildert die Hilfsorganisation World Vision das Schicksal von Hope, die in dieser Nacht selber zur Kindersoldatin wird und fast zwei Jahre lang unvorstellbares Leid erlebt.
Konys Killer verschleppen das Mädchen, ihren kleinen Bruder und den Vater zusammen mit 40 anderen Kindern in ihr Lager. «Doch der Gipfel der Grausamkeit soll noch kommen», beschreibt World Vision weiter. «Als Hopes Vater das Tempo der Gruppe nicht mehr mithalten kann, brüllt der junge Anführer Hope an: ‹Mädchen! Schlag das Schwein tot. Dann haben wir endlich Ruhe vor dem Schwächling. Wenn du nicht sofort machst, was ich dir befehle, bist du als Nächstes dran. Und dein blöder Bruder auch.› Hope zuckt zusammen, doch dann liest sie in seinen seelenlosen Augen die bestialische Entschlossenheit. Und so geht das Mädchen langsam auf ihren geliebten Vater zu und schlägt ihn wie von Sinnen zusammen. Tritt auf seinen Kopf, bis er sich nicht mehr rührt.»
Das Schicksal von Hope, das der Journalist Sönke C. Weiss im Buch «Das Mädchen und der Krieg» aufgearbeitet hat, ist kein Einzelfall. Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes geht davon aus, dass es weltweit etwa 250.000 bis 300.000 Kindersoldaten gibt. Minderjährige werden demnach sowohl von regulären Armeen als auch von Rebellengruppen rekrutiert - in den meisten Fällen unter Zwang.
Laut Weltreport Kindersoldaten 2008 ist die Situation in Ländern wie Kolumbien, der Demokratischen Republik Kongo oder Burma besonders schlimm. Acht weitere reguläre Regierungsarmeen missbrauchen demnach Minderjährige in Kampfeinsätzen, etwa im Sudan, in Uganda und in Israel. 26 Regierungsarmeen haben den Angaben zufolge Minderjährige in ihren Reihen, darunter auch die Bundeswehr. In 24 Ländern rekrutierten nichtstaatliche bewaffnete Gruppen wie Guerilla und Milizen Kindersoldaten.
Hunderte ehemalige Kindersoldaten in Deutschland
Zwar ist die Zahl der Konflikte, in denen Kinder eingesetzt werden, laut dem Report in den vergangen Jahren gesunken. «Doch in fast allen aktuellen bewaffneten Konflikten weltweit werden Kinder als Soldaten eingesetzt», so Ralf Willinger von Terre des Hommes, unter anderem weil sie billiger und leichter manipulierbar sind als Erwachsene.» Dabei haben fast alle Staaten der Welt die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert. Deren Zusatzprotokoll, das ebenfalls mehr als hundert Staaten akzeptiert haben, verbietet, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren zu rekrutieren und in kriegerischen Konflikten einzusetzen.
In Deutschland halten sich derzeit nach Schätzungen von Terre des Hommes bis zu 200 Minderjährige auf, die als Kindersoldaten eingesetzt wurden. Die meisten seien bei ihrer Ankunft 14 bis 18 Jahre alt und kämen vor allem aus Afghanistan, dem Irak, Libanon, Eritrea, Nigeria, Somalia und dem Sudan. Zudem gebe es weitaus mehr ehemalige Kindersoldaten, die erst als Erwachsene hätten fliehen können oder vor längerer Zeit nach Deutschland gekommen und mittlerweile volljährig seien.
Laut einer Studie von Terrre des Hommes werden traumatisierte Kindersoldaten in Deutschland häufig wie Erwachsene in Aufnahmelagern untergebracht und nicht psychologisch betreut. Zudem erhielten sie oft einen Amtsvormund, der sich nicht um sie kümmere. Die Aufnahmebedingungen der Minderjährigen müssten daher dringend verbessert werden, fordert die Organisation. Neben den psychischen Belastungen und der Angst vor Abschiebung hätten sie oft nur eingeschränkten Zugang zu Bildung, Ausbildung, Arbeit und Sozialleistung. Fast alle der 15 für die Studie interviewten ehemaligen Kindersoldaten hätten von Suizidgedanken, Schlafstörungen und Angstzuständen berichtet.
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