Niedecken «Mittendrin angefangen zu weinen»

BAP-SĂ€nger Wolfgang Niedecken hilft ehemaligen Kindersoldaten, ins Leben zurĂŒck zu finden. Im Interview wehrt er sich gegen die Rolle als Spenden-Onkel, erzĂ€hlt vom Wunsch, Arzt zu sein, und einem Moment, der ihm die TrĂ€nen in die Augen trieb.

Wolfgang Niedecken singt im FlĂŒchtlingsdorf Pabbo in Uganda. Bild: dpa

Brauchen Hilfsorganisationen Rockstars wie Sie, um Aufmerksamkeit auf ein Thema wie Kindersoldaten zu lenken?

Niedecken: Sie brauchen Personen, denen man in der Öffentlichkeit eher zuhört als denjenigen, die die Arbeit tun. Das ist furchtbar. Ich fĂ€nde es viel besser, wenn kompetente Leute aus den entsprechenden Gebieten nach Deutschland kommen und in Presse, Radio- und Fernsehsendungen ein Ohr finden wĂŒrden. Das ist aber nicht so.

Warum?

Niedecken: Es ist schwierig, in den Medien etwas zu platzieren zu diesen Themen. Da muss ich mich mit arrangieren. Wirklich Ă€tzend wird es nur, wenn man dann noch vorgeworfen bekommt, dass man sich als «Promi» engagiert. Manchmal spricht man drei Viertel der Zeit darĂŒber, ob man das nur macht, um in die Zeitung oder ins Fernsehen zu kommen.

FOTOS: Soldaten wider Willen Wenn aus Kindern Killer werden

Haben Sie das GefĂŒhl, wirklich etwas verĂ€ndern zu können?

Niedecken: Man darf sich nicht einbilden, man sei der wichtige Niedecken, der sagt, das geht so aber nicht, und dann Ă€ndert es sich gleich. Wenn man das akzeptiert, geht man konkret an die Sache heran - und dann kann man fĂŒr eine gewisse Anzahl von Leuten etwas Ă€ndern. Mit dem Projekt Rebound bauen wir etwa zerstörte staatliche Schulen wieder auf und dazu jeweils ein SchlafsaalgebĂ€ude. Damit die ehemaligen Kindersoldaten und die, die unter ihnen gelitten haben, Lesen, Schreiben, Rechnen und ein Handwerk lernen. Denn viele von ihnen können nicht viel anderes als Töten.

Was Sie tun können, ist also Spendenbereitschaft herstellen, um den Aufbau der Schulen zu finanzieren.

Niedecken: Wenn ich mir vorkomme wie ein Spendenaufruf-Onkel, ist mir unwohl. Da wird zu viel simplifiziert. Die Hilfsorganisationen haben am liebsten Promis, die ein sĂŒĂŸes, hilfsbedĂŒrftiges Kind im Arm haben. Denn wenn du in der kurzen TV- oder Radiozeit anfĂ€ngst, das Thema zu verkomplizieren, sagen die Leute: Hey, meine Kohle kommt ja gar nicht an, ich spende nichts. Das ist ein Problem. Aber ich möchte ZusammenhĂ€nge erklĂ€ren und darauf vertrauen, dass die Leute dann selber wissen, was sie zu tun haben. Denn Korruption ist zwar eines der grĂ¶ĂŸten Probleme Afrikas, aber das heißt nicht, dass wir deshalb nicht zu spenden brauchen. Hilfsorganisationen machen selbst in den korruptesten ZusammenhĂ€ngen Sachen, die absolut wichtig und klar sind. Man muss aber begreifen, dass sie in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der NĂ€chstenliebe arbeiten und erst dann unter dem der Entwicklungshilfe oder Hilfe zur Selbsthilfe.

Geben Sie mal ein Beispiel.

Niedecken: Sagen wir, in einer Gegend sind alle Straßen kaputt, zugewuchert und unpassierbar, aber die Menschen brauchen eine Straße, um ihre Erzeugnisse in den nĂ€chsten Ort auf den Markt zu bringen. Sagt die Hilfsorganisation jetzt, wir bauen die Straße erst, wenn die Korruption hier beseitigt ist, oder baut sie die Piste? NatĂŒrlich besteht die Gefahr, dass in dem Moment, in dem die Straße fertig ist, ein korrupter Provinzregent kommt, einen Schlagbaum aufbaut und sagt: Das kostet Geld, wenn ihr hier drĂŒber wollt. Trotzdem macht es Sinn, die Straße zu bauen, denn die Leute, die sie benutzen, können dadurch ihre Kinder ernĂ€hren. Die Welt ist eben nicht einfach zu haben.

Sie haben mal gesagt, mit konkreter Arbeit in dem Gebiet wĂŒrden sie schnell an ihre Grenzen stoßen. Wie ist das gemeint?

Niedecken: Ich habe oft verflucht, keinen Beruf zu haben wie beispielsweise Arzt. Als ich zum ersten Mal in Norduganda in ein FlĂŒchtlingslager gekommen bin, sollte mich der Lagerarzt empfangen. Doch er stand in einer riesigen Menge von Menschen mit Verletzungen, Krankheiten, Kindern, die leblos auf den Armen der MĂŒtter hingen – und der sollte jetzt freundlich einen Promi begrĂŒĂŸen. Da habe ich gesagt, komm, mach deine Arbeit weiter. In so einem Moment denkst du: Scheiße, könnte ich da jetzt mal helfen, anstatt dass ich ihm auch noch seine Zeit klaue. Aber so etwas habe ich nun mal nicht gelernt, ich bin halt Maler und Musiker.

Lernt man, das Gesehene zu verarbeiten?

Niedecken: Ich habe verstĂŒmmelte Menschen gesehen, ich war in Lazaretten. Nach den ersten Reisen habe ich an nichts anderes denken können, habe auch nicht gut geschlafen. Da habe ich nicht mehr verstanden, was in Deutschland abgeht. Damals gab es die Debatte um die 35-Stunden-Woche und so weiter. Und ich dachte ich nur: Was habt ihr denn fĂŒr Probleme? Irgendwann merkt man dann aber, dass man da Äpfel mit Birnen vergleicht. Und als ich dann vor fĂŒnf Jahren nach Norduganda kam, war ich in einem Camp, in das gerade Kindersoldaten zurĂŒck kamen, die ein Gefecht ĂŒberlebt hatten. Da waren zwei MĂ€dchen, beide um die fĂŒnfzehn, mit HIV-infizierten Babys. Sie waren total gebrochen. Ein Betreuer hat mir ansatzweise erzĂ€hlt, was sie durchgemacht hatten. Danach sollte ich ein TV-Interview geben. Aber ich habe das nicht geschafft, sondern mittendrin angefangen zu weinen. Heute wĂŒrde mir das wohl nicht mehr passieren, weil ich solche Situationen jetzt kenne.

Lesen Sie auf Seite 2, was Wolfgang Niedecken von Politik, Wirtschaft und Medien fordert, um Afrika zu helfen

Sie haben auch in den Lagern Musik gemacht. Was spielen Sie da?

Niedecken: In einer Selbsthilfeeinrichtung fĂŒr vergewaltigte Frauen wurde ich nach ihrem BegrĂŒĂŸungslied so vorgestellt: Das ist der SĂ€nger aus Deutschland, der wird jetzt ein paar Worte zu euch sprechen. Aber die Frauen sagten: Wenn er SĂ€nger ist, soll er auch singen. Dann habe ich das Lied «FĂŒr einen Moment» auf Englisch angesagt, das wurde in ihre Heimatsprache ĂŒbersetzt. Als ich gespielt und gesungen habe, trommelten und tanzten die Leute gleich mit. Musik ist etwas sehr verbindendes. Ich war auch in einem Leprahospital, und das bricht dir das Herz: Da sind Leute, denen sind Arme und Beine weggefault, und die singen zu BegrĂŒĂŸung fĂŒr dich mit einer wahnsinnigen Lebensfreude. Denen habe ich die Bob-Dylan-Nummer «I shall be released» gespielt. Man muss das in der Situation entscheiden und braucht FingerspitzengefĂŒhl. NatĂŒrlich spiele ich bei so einem Anlass keine Partynummern wie «Aff un zo».

Sie haben gerade schon das Problem der Korruption angesprochen.

Niedecken: Korruption ist in vielen LĂ€ndern Afrikas das Hauptproblem, sie macht unglaublich viel kaputt. Dabei geht es um viel mehr als das, woran wir in Europa bei Korruption denken. Im Kongo zum Beispiel wird viel vergewaltigt. Teilweise auch systematisch, um den Widerstand zu brechen. Durch die Korruption kommen die Vergewaltiger nicht vor Gericht. Sobald sie im GefĂ€ngnis sind, und haben 20 Dollar, sind sie wieder draußen, weil das Wachpersonal seit Monaten keinen Sold bekommen hat und auch von irgend etwas leben muss.

Wer ist an dieser Stelle gefordert?

Niedecken: Unsere Politik und Medien mĂŒssten dabei helfen, diese Korruption an die große Glocke zu hĂ€ngen. Wenn womöglich der PrĂ€sident eines korrupten Landes wie dem Kongo, wo wir mit der UN auch noch bei Wahlen geholfen haben, nach Deutschland kommt, mĂŒssen Medien und Politiker das ansprechen. Ich fand es ĂŒbrigens - obwohl ich nicht gerade ein Guido-Westerwelle-Fan bin - gut, dass er den afghanischen PrĂ€sidenten Karzai bei seinem Antrittsbesuch in die Pflicht genommen hat, was die Korruption angeht.

Sie loben die FDP?

Niedecken: Es ist wohl nicht erstaunlich, dass die FDP nicht gerade meine Partei ist. Aber ich habe mich jetzt schon ĂŒber einige Sachen gewundert. Man scheint dort bereit zu sein, die Korruption anzusprechen, es scheint etwas in Bewegung zu kommen. Mal gucken, wie das jetzt mit Afrika verlaufen wird. Ich bin gespannt, ob sich etwas Ă€ndert. Es hilft nichts, Staaten Geld zukommen zu lassen, bei denen es in dunklen KanĂ€len verschwindet. Die ganze Entwicklungshilfethematik ist auf dem PrĂŒfstand - und da gehört sie auch hin.

Was ist ihre dringendste Forderung, was aus Europa getan werden mĂŒsste?

Niedecken: Genau das habe ich den PrĂ€sidenten von Nigeria gefragt. Er sagte: Ohne die Zertifizierung der exportierten BodenschĂ€tze wird sich nichts Ă€ndern. Es muss klar sein: Wo kommt was her, wie ist es abgebaut worden, wer verkauft uns das, wird die Bevölkerung auch etwas von den BodenschĂ€tzen haben, auf denen sie sitzt? Denn im Großgebiet Uganda, Ostkongo, Burundi, Ruanda, Sudan herrscht eine Situation wie in unserem Kulturkreis im DreißigjĂ€hrigen Krieg: Es gibt marodierende Banden, die durch die Gegend ziehen, die man sich sogar mieten kann. Wenn man etwa das Erz Coltan zur Handyherstellung braucht, kann man solch eine Miliz mieten. Die tut dann, was zu tun ist, damit das Metall unzertifiziert bei internationalen Handyherstellern landet. Der SchlĂŒssel liegt in der Zertifizierung.

 

Wolfgang Niedecken ist SĂ€nger der Kölschrockband BAP. Seit Jahren engagiert er sich fĂŒr Hilfsorganisationen wie World Vision, besonders fĂŒr deren Projekt Rebound, das ehemaligen Kindersoldaten und deren Opfern in Uganda hilft, wieder ins Leben zurĂŒck zu finden.

che/reu/news.de

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6 Kommentare
  • Klemens Schwanenberger

    20.06.2010 07:16

    hallo erst mal an alle, Wolfgang Niedecken ist einer der wenigen der was bewegt, nicht nur in seiner Musik, ich bin schon sehr lange Bap Fan und verfolge natĂŒrlich auch seine Projekte, ich sage nur weiter so Wolfgang, wir sind stolz auf Dich

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  • Stefan Kleiszmantatis

    28.05.2010 22:11

    Mich hat es schon immer sehr berĂŒhrt, wie Wolfgang Niedecken sich in einer Region engagiert, die so weit weg ist. Ich habe fĂŒr sein Projekt "Rebound" gespendet, weil es wirklich Wichtigeres gibt, als das neueste Handy mit der x-ten Funktion zu haben. Als BAP das erste Mal auf dem Roncalliplatz in Köln am 10.08.2007 das Lied "Noh Gulu" gespielt haben, ging es mir nicht anders als Wolfgang : Ich musste weinen, weil das Lied so intensiv ist, wie ein Film, der ablĂ€uft, wenn man es hört. Wir haben am Tag darauf im Dom Kerzen fĂŒr "Jimmy und Rebecca" angezĂŒndet. Aber man kann mehr tun, Wolfgang tut's

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  • Mathias

    02.01.2010 16:29

    Und wir zerbrechen uns den den Kopf ĂŒber Feinstaub-Werte in unseren InnenstĂ€dten...

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