Sa., 04.02.12

Niedecken «Mittendrin angefangen zu weinen»

Von news.de-Redakteur Timo Nowack

Artikel vom 01.01.2010

BAP-Sänger Wolfgang Niedecken hilft ehemaligen Kindersoldaten, ins Leben zurück zu finden. Im Interview wehrt er sich gegen die Rolle als Spenden-Onkel, erzählt vom Wunsch, Arzt zu sein, und einem Moment, der ihm die Tränen in die Augen trieb.

Brauchen Hilfsorganisationen Rockstars wie Sie, um Aufmerksamkeit auf ein Thema wie Kindersoldaten zu lenken?

Niedecken: Sie brauchen Personen, denen man in der Öffentlichkeit eher zuhört als denjenigen, die die Arbeit tun. Das ist furchtbar. Ich fände es viel besser, wenn kompetente Leute aus den entsprechenden Gebieten nach Deutschland kommen und in Presse, Radio- und Fernsehsendungen ein Ohr finden würden. Das ist aber nicht so.

Warum?

Niedecken: Es ist schwierig, in den Medien etwas zu platzieren zu diesen Themen. Da muss ich mich mit arrangieren. Wirklich ätzend wird es nur, wenn man dann noch vorgeworfen bekommt, dass man sich als «Promi» engagiert. Manchmal spricht man drei Viertel der Zeit darüber, ob man das nur macht, um in die Zeitung oder ins Fernsehen zu kommen.

Haben Sie das Gefühl, wirklich etwas verändern zu können?

Niedecken: Man darf sich nicht einbilden, man sei der wichtige Niedecken, der sagt, das geht so aber nicht, und dann ändert es sich gleich. Wenn man das akzeptiert, geht man konkret an die Sache heran - und dann kann man für eine gewisse Anzahl von Leuten etwas ändern. Mit dem Projekt Rebound bauen wir etwa zerstörte staatliche Schulen wieder auf und dazu jeweils ein Schlafsaalgebäude. Damit die ehemaligen Kindersoldaten und die, die unter ihnen gelitten haben, Lesen, Schreiben, Rechnen und ein Handwerk lernen. Denn viele von ihnen können nicht viel anderes als Töten.

Was Sie tun können, ist also Spendenbereitschaft herstellen, um den Aufbau der Schulen zu finanzieren.

Niedecken: Wenn ich mir vorkomme wie ein Spendenaufruf-Onkel, ist mir unwohl. Da wird zu viel simplifiziert. Die Hilfsorganisationen haben am liebsten Promis, die ein süßes, hilfsbedürftiges Kind im Arm haben. Denn wenn du in der kurzen TV- oder Radiozeit anfängst, das Thema zu verkomplizieren, sagen die Leute: Hey, meine Kohle kommt ja gar nicht an, ich spende nichts. Das ist ein Problem. Aber ich möchte Zusammenhänge erklären und darauf vertrauen, dass die Leute dann selber wissen, was sie zu tun haben. Denn Korruption ist zwar eines der größten Probleme Afrikas, aber das heißt nicht, dass wir deshalb nicht zu spenden brauchen. Hilfsorganisationen machen selbst in den korruptesten Zusammenhängen Sachen, die absolut wichtig und klar sind. Man muss aber begreifen, dass sie in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Nächstenliebe arbeiten und erst dann unter dem der Entwicklungshilfe oder Hilfe zur Selbsthilfe.

Geben Sie mal ein Beispiel.

Niedecken: Sagen wir, in einer Gegend sind alle Straßen kaputt, zugewuchert und unpassierbar, aber die Menschen brauchen eine Straße, um ihre Erzeugnisse in den nächsten Ort auf den Markt zu bringen. Sagt die Hilfsorganisation jetzt, wir bauen die Straße erst, wenn die Korruption hier beseitigt ist, oder baut sie die Piste? Natürlich besteht die Gefahr, dass in dem Moment, in dem die Straße fertig ist, ein korrupter Provinzregent kommt, einen Schlagbaum aufbaut und sagt: Das kostet Geld, wenn ihr hier drüber wollt. Trotzdem macht es Sinn, die Straße zu bauen, denn die Leute, die sie benutzen, können dadurch ihre Kinder ernähren. Die Welt ist eben nicht einfach zu haben.

Sie haben mal gesagt, mit konkreter Arbeit in dem Gebiet würden sie schnell an ihre Grenzen stoßen. Wie ist das gemeint?

Niedecken: Ich habe oft verflucht, keinen Beruf zu haben wie beispielsweise Arzt. Als ich zum ersten Mal in Norduganda in ein Flüchtlingslager gekommen bin, sollte mich der Lagerarzt empfangen. Doch er stand in einer riesigen Menge von Menschen mit Verletzungen, Krankheiten, Kindern, die leblos auf den Armen der Mütter hingen – und der sollte jetzt freundlich einen Promi begrüßen. Da habe ich gesagt, komm, mach deine Arbeit weiter. In so einem Moment denkst du: Scheiße, könnte ich da jetzt mal helfen, anstatt dass ich ihm auch noch seine Zeit klaue. Aber so etwas habe ich nun mal nicht gelernt, ich bin halt Maler und Musiker.

Lernt man, das Gesehene zu verarbeiten?

Niedecken: Ich habe verstümmelte Menschen gesehen, ich war in Lazaretten. Nach den ersten Reisen habe ich an nichts anderes denken können, habe auch nicht gut geschlafen. Da habe ich nicht mehr verstanden, was in Deutschland abgeht. Damals gab es die Debatte um die 35-Stunden-Woche und so weiter. Und ich dachte ich nur: Was habt ihr denn für Probleme? Irgendwann merkt man dann aber, dass man da Äpfel mit Birnen vergleicht. Und als ich dann vor fünf Jahren nach Norduganda kam, war ich in einem Camp, in das gerade Kindersoldaten zurück kamen, die ein Gefecht überlebt hatten. Da waren zwei Mädchen, beide um die fünfzehn, mit HIV-infizierten Babys. Sie waren total gebrochen. Ein Betreuer hat mir ansatzweise erzählt, was sie durchgemacht hatten. Danach sollte ich ein TV-Interview geben. Aber ich habe das nicht geschafft, sondern mittendrin angefangen zu weinen. Heute würde mir das wohl nicht mehr passieren, weil ich solche Situationen jetzt kenne.

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Niedecken: «Mittendrin angefangen zu weinen» » Politik » Nachrichten

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Leserkommentare (6)
  • Kommentar: 6
  • 20.06.2010 07:16
von
Klemens Schwanenberger

hallo erst mal an alle, Wolfgang Niedecken ist einer der wenigen der was bewegt, nicht nur in seiner Musik, ich bin schon sehr lange Bap Fan und verfolge natürlich auch seine Projekte, ich sage nur weiter so Wolfgang, wir sind stolz auf Dich

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  • Kommentar: 5
  • 28.05.2010 22:11
von
Stefan Kleiszmantatis

Mich hat es schon immer sehr berührt, wie Wolfgang Niedecken sich in einer Region engagiert, die so weit weg ist. Ich habe für sein Projekt "Rebound" gespendet, weil es wirklich Wichtigeres gibt, als das neueste Handy mit der x-ten Funktion zu haben. Als BAP das erste Mal auf dem Roncalliplatz in Köln am 10.08.2007 das Lied "Noh Gulu" gespielt haben, ging es mir nicht anders als Wolfgang : Ich musste weinen, weil das Lied so intensiv ist, wie ein Film, der abläuft, wenn man es hört. Wir haben am Tag darauf im Dom Kerzen für "Jimmy und Rebecca" angezündet. Aber man kann mehr tun, Wolfgang tut's

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  • Kommentar: 4
  • 02.01.2010 16:29
von
Mathias

Und wir zerbrechen uns den den Kopf über Feinstaub-Werte in unseren Innenstädten...

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  • Kommentar: 3
  • 02.01.2010 12:04
von
Sieling

Herr Niedecken Sie verdienen meine vollste Hochachtung,ich würde alle diejenigen,die von der Korruption profitieren mal eine Woche lang in diese Lebrastation schicken,ich glaube da würde sich einiges ändern.Alle die weit ab(Europa)ihr Süppchen kochen,sehen doch nur ihren eigenen Geldbeutel,alles andere ist doch aus deren Augen Kollateralschaden und was die Spendenbereitschaft betrifft,die Leute die wissen wie weh Armut tut,die gern Spenden würden,die leben von HartzVI und können nichts abgeben.

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  • Kommentar: 2
  • 01.01.2010 19:01
von
mayday

Respekt für Herr Niedeckens Engagement. Doch die Korruption ist in Afrika nicht das Haupttproblem; sie fängt in den Köpfen an und setzt sich im Geldbeuteel fort, bei uns in noch weit größerem Maße, unter anderen Namen und viel besser organisiert. Aber ist es denn Ziel GesamtEuropas, dass es Afrika besser geht? Das scheint mir sehr zweifelhaft. Oder wie soll man z.B. die Ergüsse von Robert Francis Cooper (einst Chefberater von Tony Blair, dann von Solana) verstehen? Postkolonial und liberalimperial misst Europa mit zweierlei Maß. Die Guten sind wir - draußen herrscht Dschungel. Gottseisgelobt unterm Sternenkranz.

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  • Kommentar: 1
  • 01.01.2010 14:44
von
Benjamin Freedman

Alle Achtung, Niedecken hat kapiert, was heute wirklich Thema ist, nicht jedenfalls ein paar böse Nazis zur Selbstprofilierung! Vielleicht macht er ein paar Songs draus, damits auch die Masse kapiert? Eine Billion für Rüstung bei Millionen verhungernder Kinder jährlich, eine tolle Weltordnung ist das! Von der Bankenrettung ganz schweigen. Diese hielten 1916 den Krieg am laufen und zwangen schließlich die USA zu ihrer Rettung kriegsgeil zu werden, das Weitere ist bekannt! Das nächste Mal gehts dann auch bei uns so zu wie im Kongo?

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