Wenn der Kunde die Firmenspende zahlt
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Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Artikel vom 29.12.2009
Die Armut steigt. Immer öfter müssen deshalb Spenden mit Hilfe der Wirtschaft eingetrieben werden. Das hilft den Bedürftigen. Und manchmal auch den Firmen.
Wer es sich leisten kann, bekommt bei Lidl viel für sein Geld. Mittlerweile kann man sich dort sogar ein reines Gewissen kaufen. Ganz leicht. Per Knopfdruck. Denn der Lebensmittel-Discounter hat zusammen mit dem Bundesverband Deutsche Tafel e. V. (BDT) eine große Spendenaktion ins Leben gerufen. Dafür wurde zusätzlich an bundesweit 4500 Pfandautomaten ein Spendenknopf installiert. Wer ihn drückt, verzichtet auf das Leergut-Rückgeld und überlässt stattdessen den Betrag den Bedürftigen. Kleiner Schritt, große Wirkung. Eine Million Euro kamen in eineinhalb Jahren auf dem Konto der Tafeln zusammen. Selbst im Großkonzern zeigt man sich darüber überrascht. «Wir hätten am Anfang nie gedacht, dass das solche Ausmaße annehmen würde», jubelt Lidl-Sprecherin Petra Trabert.
Ganz unbekannt ist das Phänomen in der Handelsbranche allerdings nicht. Egal, ob Lidl, Krombacher, Pampers, Tchibo oder andere Firmen – immer öfter polieren Großkonzerne ihren Ruf auf und sammeln bei den Kunden Geld für gemeinnützige Zwecke. Gerade zur Weihnachtszeit boomt das Geschäft. Das Prinzip ist bei allen Aktionen stets das gleiche: Der Kunde kauft ein Produkt und ein Teil des Verkauferlöses wandert an eine Hilfsaktion. Eigentlich eine schöne Sache. Für viele Unternehmen sind diese Charity-Aktionen bereits unverzichtbar geworden. Ebenso wie für viele soziale Projekte in Deutschland. Doch bei Verbraucherschützern stoßen diese Kooperationen auch immer wieder auf Kritik.
Lukratives Geschäft mit der Spendeneintreiberei
Einer der Kritiker ist Stefan Loipfinger von der Organisation CharityWatch. Seiner Ansicht nach dienen die Kooperationen den Firmen längst nicht mehr nur zur reinen Imagepflege, sondern auch zur Vergrößerung der Umsätze und Marktanteile. «Die Unternehmen haben Erfolg mit den Aktionen», sagt Loipfinger. «Auch deshalb verzeichnen wir in diesem Bereich einen stark wachsenden Trend.» Grundsätzlich sei das Spendenmarketing ja auch okay. Bedingung: Es muss transparent sein. «Wenn für die Verbraucher ersichtlich ist, wie hoch der Spendenanteil wirklich ist, dann ist das eine saubere Sache», sagt der Experte. Dann verdiene das Unternehmen und die Organisationen in einer Art Win-win-Situation. Allerdings: In vielen Fällen seien die Kooperationen zu undurchsichtig.
Beispiel Krombacher. Seit Jahren wirbt der Bierhersteller damit, dass man durch den Erwerb eines Kastens etwas für den Erhalt des Regenwaldes tun kann. Der oftmals geäußerte Verdacht, das Unternehmen engagiere sich überhaupt nicht im Umweltbereich, ist für Loipfinger dabei völlig haltlos. Sein Problem ist vielmehr die Werbeformel: «Ein Kasten rettet einen Quadratmeter», heißt es da. Doch wie teuer ist ein Quadratmeter Urwald? 1 Cent? 1 Euro? Laut Loipfinger lässt sich das kaum realistisch bemessen. Seine Recherchen ergaben vielmehr, dass von jedem verkauften Kasten nur 4 Cent an den World Wildlife Fund (WWF) überwiesen worden sein können. Ob das zum Einlösen des abgegebenen Versprechens ausreicht, bezweifelt Loipfinger: «Der Verbraucher wird oftmals bewusst in die Irre geführt», sagt er.
Das Argument, dass ein Cent besser ist als gar keiner, lässt der Kritiker dabei nicht gelten. Denn: Dem Verbraucher würde dadurch suggeriert, dass er mit seinem Kauf etwas Großes unterstütze. Loipfinger sieht darin eine Gefahr. Denn die Spendenaktionen könnten oftmals das schlechte Gewissen ersetzen und Verbraucher dazu verleiten, darüber hinaus gehende Spendenaktivitäten einzustellen. «Dieser Effekt wird von den beteiligten Organisationen oftmals unterschätzt», warnt der Experte. Seine These: «Dem guten Zweck wird ein Teil der tatsächlichen Spendenbereitschaft entzogen.» So sehr das einzelne Hilfsprojekt auch von einer Kooperation profitiere, «in der Gesamtschau kostet es Geld», sagt Loipfinger und rät allen Verbrauchern und Organisationen dazu, genauer hinzuschauen. «Eine andere Möglichkeit der Kontrolle gibt es nicht», sagt er.
Deutscher Geiz befördert Spendenmarketing
Bei den Firmen und den Organisationen weiß man um die vielen Verdächtigungen. Ob Kundenabzocke oder Steuerbetrug - die Liste den Anschuldigungen ist lang. «Damit müssen wir leben», sagt der BDT-Vorsitzende Gerd Häuser. Ja, die Summe gehe eins zu eins an die Tafel. Ja, das werde von unabhängigen Wirtschaftsprüfern kontrolliert. Und nein, Lidl erwachsen daraus keine Steuervorteile – auch bei Lidl ist man in der Beantwortung kritischer Fragen geübt. «Wir haben durchaus Verständnis dafür», sagt Sprecherin Trabert. «Schließlich geht es hier um Kundengelder.» Doch wirklich glücklich sind beide nicht, weder Häuser noch Trabert.
Gerade bei der Hilfsorganisation fühlt man sich oftmals in die falsche Ecke gedrängt. Im internationalen Vergleich nehme die deutsche Spendenbereitschaft nicht gerade den Spitzenplatz ein. In Schweden liegt sie siebenmal höher, in den USA zehnmal. Vor diesem Hintergrund müsse man sich halt immer etwas einfallen lassen, um genug Gelder aufzutreiben. Denn auch wenn die Spenden knapp sind, an Bedürftigkeit mangelt es nicht in Deutschland.
Zu beobachten ist das allein an der Anzahl der Tafeln. Zwischen 2003 und 2009 stieg sie explosionsartig an. Statt an 320 Standorten verteilen die ehrenamtlichen Mitarbeiter jetzt an 800 Orten kostenloses Essen an bedürftige Menschen. Hungrige Kinder sehen die Ehrenamtlichen genauso oft wie verzweifelte Eltern. «Wir bekommen immer mehr Bedürftige», klagt Häuser. Doch wessen Schuld ist das? Die der Organisationen? Oder die der Firmen? Wohl kaum, denn die Kooperationen würden helfen, die Not zu lindern, sagt Häuser. Der eigentlich Schuldige steht für ihn fest: der Staat. Denn der habe eigentlich eine Daseinsvorsorge für seine Bürger. «Doch er kommt seiner Aufgabe immer weniger nach», sagt der BDT-Vorsitzende. «Das ist der eigentliche Skandal.»
jek/reu/news.de
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Die harte Hand des Fiskus merkt nur der, der gibt. Was immer man hier macht, ist irgendwie nie richtig oder falsch. An allem gibt es eine beißende Kritik, die nicht hilft.
jetzt antwortenKommentar meldenDiese miesen, geizigen BRDler? Mich würde sehr interessieren woher diese Spendenzahlen stammen und wie das gerechnet wird. In den USA zählt auch ein Gelage mit dem Präsidenten zum Preis von sagen wir mal 20.000 Dollar als Spende und die kann man sogar abschreiben. Knausrig ist der deutsche Fiskus - verständlich denn die ganze Welt schreit nach BRD-Moneten - deshalb wird vieles, das hier aufgebracht wird zur Hilfe, auch international, überhaupt nicht gerechnet, wem sollte und zu welchen Zweck sollte man diese Spenden auch melden?
jetzt antwortenKommentar meldenSolange unsere Politiker Banken, Versicherungen und Konzerne trotz deren massiven Arbeitsplätzeabbau weiter schützen und unterstützen, wird sich an der fortschreitenden Verarmung der Bevölkerung nichts ändern. Im Gegenteil, werden unsere "Volksvertreter" immer wieder Sozialabgaben, Steuern, Gebühren usw. weiter erhöhen oder neue Abgaben einführen, um sich, die Banken, Versicherungen und Konzerne, am Volk zu bereichern. Für das Volk,also ihre Wähler und Arbeit- geber haben sie doch nur dumme Sprüche, Beleidigungen und Spott über.
jetzt antwortenKommentar meldenEine Schande für Deutschland, dass man so etwas überhaupt braucht. Banken und Unternehmen greifen Milliarden ab, und das Volk geht zu den Tafeln. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns immer mehr den USA angleichen...
jetzt antwortenKommentar meldenWas sind das eigentlich für Grübler - die von der Verbraucherzentrale z.B. Eine Einrichtung, die überall herum mosert: Spenden für - gute? - Zwecke, aber nicht richtig motiviert. Verdammt ist die "win-win-Situation". Diese Herrschaften sind kleinmütige Knilche mit der Begabung, alles in den Dreck zu ziehen und die Gegenleistung hierfür schuldig zu bleiben. Ein lebenslanges Dummschwätzertum zur Vernichtung und Abschaffung des sozialen Handlungs- spielraums. Ziel: Dem dümmst anzunehmenden Verbraucher die Vertragsfähigkeit abzusprechen. Ein intelligentes Volk braucht keine Verbraucherzentralen
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