Die Schwelle ist hoch
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Von news.de-Redakteurin Rieke Havertz
Artikel vom 12.12.2009
Sie wollen wachsen, können aber auch vor dem Problem des Klimawandels nicht die Augen verschließen. Schwellenländern fällt eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die Erderwärmung zu.
Dümpelte der Klimagipfel in Kopenhagen zu Beginn der Woche noch etwas dröge vor sich hin, wurde es am Mittwoch erstmals spannend. Denn da prallten sie aufeinander, die Interessen der Industrieländer und der Entwicklungsländer. Zehn Milliarden Dollar Anschubfinanzierung stellen die Reichen den Armen in Aussicht, um den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen. Zu wenig, beklagt sich der Block der 135 Entwicklungsländer, zu denen auch die Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien zählen. Doch was sind diese zehn Milliarden wert? Expertin Susanne Dröge glaubt, es ist, ähnlich wie die am Freitag verkündete Finanzspritze der Europäischen Union, ein Anfang: «In der Tat müssen einige wenige Entwicklungsländer in den Klimaschutz investieren – andere brauchen Hilfe bei der Anpassung an die Folgen der Erderwärmung», sagt Dröge von der Stiftung Wissenschaft und Politik gegenüber news.de. Dennoch reichten die Mittel nicht aus, gibt Dröge den Kritikern recht. «Die notwendigen Beträge liegen weit über zehn Milliarden Dollar.»
Nicht nur in puncto Finanzierung liegen die Länder miteinander im Clinch. Wenn es um die Maßnahmen zu Minderung von schädlichem Kohlendioxid geht, haben alle Länder sehr unterschiedliche Vorstellungen, die Schwellenländer bilden keine homogene Gruppe, wenn es um den Klimaschutz geht. Mit mehr als sechs Milliarden Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr ist China der größte Klimasünder der Welt. Aber auch Indien liegt mit 1,3 Milliarden Tonnen weit vorne. Zwar haben sowohl China als auch Indien vor Kopenhagen neue Ziele für den KlimaschutzIn China soll der Ausstoß der Treibhausgase künftig nicht mehr ganz so stark zulegen wie das Wirtschaftswachstum und bis 2020, gemessen an der Wirtschaftsleistung, um 40 bis 45 Prozent gegenüber dem Stand von 2005 sinken. In Indien soll bis zum Jahr 2020 der sogenannte Emissionsfaktor um 20 bis 25 Prozent im Vergleich zu 2005 abgesenkt werden. Das bedeute, für jede im Rahmen des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftete Rupie werde dann ein Viertel weniger Kohlendioxid ausgestoßen. im Land vorgestellt, doch bindend sind sie nicht
Doch verbindliche Reduktionsziele lehnen die Schwellenländer nach wie vor ab. Lediglich Brasilien ist mit recht ehrgeizigen Zielen nach Kopenhagen gereist. Es will seine Emissionen, gemessen an der Wirtschaftsleistung, bis 2020 um fast 40 Prozent senken und damit rund eine Milliarde Tonne CO2 sparen.
Der Grund für die Zurückhaltung der meisten anderen Staaten liegt im Wirtschaftswachstum begründet, dass die aufstrebenden Länder nicht bremsen wollen. Internationale Verpflichtungen würden aus Sicht der Regierungen die Wachstumsperspektiven der Länder einschränken. Darüber hinaus, so Expertin Dröge, gebe es für viele Länder aus ihrer Sicht nach wie vor sehr viel drängendere Probleme, die es zu lösen gilt: «Armut und Hunger und vor allem das Bestreben des wirtschaftlichen Aufstiegs stehen im Vordergrund.» Ein Klimawandel, der sich langsamer vollzieht und noch nicht überall allgegenwärtig ist, ist oft weit weg und muss warten.
Nationale Interessen haben Priorität
Ein weiteres Problem der Entwicklungsländer: Die Menschen sind oft nicht gut über das Problem des Klimawandels informiert: «Wenn das Bildungsniveau generell gering ist oder nur die Eliten Zugang zu den Erkenntnissen über den Klimawandel haben, und wenn die Medien das Thema nicht aufgreifen, dann ist auch eine breite öffentliche Problemwahrnehmung unmöglich», glaubt Dröge.
Kann der Wandel unter solchen Voraussetzungen überhaupt gelingen? Hoffnungen könnten auf einer Art Dominoeffekt liegen. Sollte ein Staat seine starre Haltung in der Klimafrage aufgeben, könnten andere Schwellenländer unter Druck geraten. Dafür, so Dröge, müsste es jedoch einen grundsätzlichen Trend der «global player» hin zu mehr Verantwortung geben, etwa durch die Anerkennung des Zwei-Grad-ZielsUnter dem Zwei-Grad-Ziel versteht man die Überlegung, dass die Temperatur weltweit nicht über zwei Grad im Bezug auf die Zeit vor der Industrialisierung ansteigen darf. . Dann könnte die Beteiligung eine Frage der Ehre werden. «Wenn fast alle Schwellenländer relative Minderungsziele ankündigen würden, werden auch die Hardliner wie Indien auf diesen Zug aufspringen», sagt Dröge.
Doch mehr als Zukunftsmusik ist diese Szenario bislang nicht. Denn auch, wenn die Ankündigungen von China darauf hoffen lassen, dass sich etwas bewegt – letztlich handelt jedes Land für sich und nationale Interessen haben Priorität. So, wie es auch unter den Industrienationen üblich ist. Sie müssen aus Sicht der ärmeren Länder ganz klar eine Vorreiterrolle in der Bekämpfung des Klimawandels einnehmen. Schließlich, so das Argument der Schwellenländer, seien die reichen Staaten die Verursacher des Problems.
Viel wird daher in Zukunft davon abhängen, inwieweit sich die Industrie- und Entwicklungsländer aufeinander zu bewegen. Die Schwellenländer benötigen nicht nur Geld, sondern auch Ideen, wie Wirtschaftswachstum und Klimaschutz miteinander zu verbinden sind. Expertin Dröge sieht es so: «Die Intensitätsziele dieser Länder - so verpönt sie auch sein mögen - sind der einzige Hebel für mehr Klimaschutz. Bessere Energieeffizienz und die Anwendung technologischer Innovationen sind hier besonders wichtig.»
ham/news.de/dpa
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