So., 12.02.12
Klimawandel

Klimaflucht «Es geht um Leben und Tod»

Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner

Artikel vom 15.12.2009

Europa merkt vom Klimawandel wenig, doch anderswo müssen Menschen ihre Heimat verlassen, weil sie unter den veränderten Bedingungen nicht mehr leben können. News.de sprach mit dem Wissenschaftler Chris Methmann über Klimaflucht und den Kampf um die Existenz.

Herr Methmann, was ist ein Klimaflüchtling?

Chris Methmann: Damit sind wir gleich beim ersten Problem, denn so ganz genau kann man das nicht sagen. Klimawandel führt auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu Flucht und Migration. Von einer plötzlichen Entwicklung spricht man, wenn beispielsweise Menschen vor einer Sturmflut in Bangladesch fliehen müssen. Anders ist es, wenn jemand in der Sahelzone südlich der Sahara schleichend merkt, dass immer weniger Regen fällt und er immer weniger ernten kann. So jemand fängt irgendwann an zu planen, sein Land zu verlassen und entscheidet aktiv. Das ist genauso Klimaflucht.

Man hört aber auch immer wieder, dass es Klimaflüchtlinge überhaupt nicht gibt. Klimaflucht ist auch kein Grund, um politisches Asyl zu bekommen. Wie erklären Sie sich das?

Methmann: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Diskussion um Umweltflüchtlinge auf das Thema Klimaflüchtling zugespitzt. Die Debatte an sich gibt es schon seit den 1980ern und sie ist sehr lange kontrovers geführt worden. Eine Position dabei ist, dass es sehr schnell sehr viele Klimaflüchtlinge geben wird. Die höchst genannte Schätzung liegt bei 200 Millionen. Dagegen stehen Kritiker, die sich gegen eine eindeutige Definition wenden. Denn oft vermischen sich die Gründe. Wenn Menschen in der Sahelzone von Großgrundbesitzern ausgebeutet werden und zusätzlich wird ihre Existenz auch noch vom Klimawandel bedroht, dann ist es relativ schwierig zu sagen, warum sie ihr Land verlassen haben. Ist es die Armut oder ist es der Klimawandel?

Sie sind ja einer der Verfasser der Greenpeace-Studie über Klimaflüchtlinge. Welches Ziel stand dahinter?

Methmann: Wir wollten zeigen, dass es infolge des Klimawandels in jedem Fall zu Flucht und Migration kommen wird, unabhängig davon, ob man eine Person ganz genau als Klimaflüchtling definieren kann. Klimawandel ist kein reines Umweltproblem, sondern in erster Linie ein Gerechtigkeitsproblem. Und an den Folgen leiden häufig Menschen, die sowieso schon arm sind und die überhaupt nichts zum Klimawandel beigetragen haben. Diese Menschen verlieren ihre gesamte Existenzgrundlage und werden zum Teil zu rechts- und existenzlosen Flüchtlingen.

Ist das Problem in der Politik angekommen? 

Methmann: In den vergangenen Jahren hat sich schon verhältnismäßig viel getan. Dieses Gerechtigkeitsproblem ist den Regierenden bewusst, aber es wird eben noch nicht entsprechend gehandelt. Klimaflucht ist erst seit diesem Sommer in den UN-Klimaverhandlungen überhaupt Thema. Die Delegation von Bangladesch hat es auf die Agenda gesetzt. Meines Erachtens wird es aber auch erstmal keine Bewegung geben. Denn in den Klimaverhandlungen sind gerade ganz andere Themen wichtig. Deswegen wird hinsichtlich Klimaflucht auf absehbare Zeit erstmal nichts passieren.

Hat das Problem für Kopenhagen Relevanz?

Methmann: Ich glaube, es hat Relevanz. Die erste Antwort auf die Klimafluchtproblematik darf nicht sein, darüber nachzudenken, wie man das Flüchtlingsrecht verändert. Denn die meisten Leute, die bedroht sind, Klimaflüchtling zu werden, wollen eigentlich da bleiben, wo sie sind. Und deswegen ist es in Kopenhagen relevant. Da geht es zum Beispiel um die Finanzmechanismen in Anpassung an den Klimawandel. Und da müsste es eigentlich darum gehen, dass der Norden mehr Geld zu Verfügung stellt, um den Menschen im Süden ein Auskommen unter veränderten klimatischen Bedingungen zu ermöglichen.

In der Greenpeace-Studie ist der ehemalige Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) Klaus Töpfer zitiert, der sagt: «Umweltpolitik ist die Friedenspolitik der Zukunft.» Würden Sie das so unterschreiben?

Methmann: Zum Teil. Ich warne immer ein bisschen davor, das Ganze als ein Sicherheitsproblem wahrzunehmen. Man neigt dann in der Konsequenz dazu, immer auch die Antworten auf der Sicherheitsebene zu suchen. Zum Beispiel wird in der EU-Sicherheitsstrategie Bezug genommen auf die Folgen von Flucht und Umweltveränderungen. Aber mir scheint, die größte Konsequenz, die die EU aus der Erkenntnis zieht, ist, dass man die Grenzzäune noch höher bauen muss und noch mehr Schiffe im Mittelmeer zur Patrouille schicken muss. Und das darf nicht passieren.

Was sollte passieren?

Methmann: In erster Linie muss man keine sicherheitspolitische, sondern eine entwicklungspolitische Antwort auf das Problem finden. Letztendlich muss es darum gehen, den Betroffenen finanzielle Ressourcen bereit zu stellen, damit sie sich an die veränderten Umweltbedingungen anpassen können. Und man muss einen humanitären Umgang mit der ein Stück weit unvermeidlichen Flüchtlingskatastrophe finden. Wir müssen uns in jedem Fall darauf einrichten, mehr Menschen aufzunehmen. Denn wir haben das Klima kaputt gemacht.

Was ist für Sie als Wissenschaftler der erstaunlichste Aspekt beim Thema Klimaflucht?

Methmann: Erstaunlicherweise können extreme Klimaveränderungen sogar dazu führen, dass Leute dort bleiben, wo sie sind. Das gab's zum Beispiel in Mali in den 1980er Jahren. Die Menschen sind so dermaßen verarmt und am Ende gewesen, dass sie gar nicht mehr die Möglichkeit hatten, zu emigrieren. Um irgendwohin zu kommen, muss man Geld haben oder Nahrungsmittel, und das hatten die Menschen nicht mehr. Die Emigrationsrate aus Mali ist damals international gesunken. Und ich finde das interessant, weil es ein wenig das Alarmistische aus der Diskussion nimmt und die Angst, die bei uns geschürt wird, dass alle «zu uns kommen würden». Das Beispiel Mali zeigt sehr deutlich, dass es um Leben und Tod geht. Von Menschen, die für den Klimawandel überhaupt nichts können.

Der Politologe Chris Methmann, geboren 1981, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Internationale Politik der Universität Hamburg. Er promoviert derzeit zum Thema «Verknüpfung internationaler Klima, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik». Gemeinsam mit Professor Cord Jakobeit hat er die Greenpeace-Studie «Klimaflüchtlinge - die verleugnete Katastrophe» verfasst. Chris Methmann ist Mitglied bei Attac.

san/hav/nbr/news.de
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Klimaflucht : «Es geht um Leben und Tod» » Politik » Nachrichten

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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 15.12.2009 21:03
von
Ferdy8
Antwort auf Kommentar 1

"Meine drei wichtigsten Ziele sind, die menschliche Population auf 100 Millionen weltweit zu reduzieren, die industrielle Infrastruktur zu zerstören und zuzuschauen wie die Wildnis mit ihrem kompletten Spektrum an Spezien auf der ganzen Welt zurückkehrt." - Dave Foreman, Mitbegründer von Earth First! "Wenn ich wiedergeboren werde, wünsche ich als Killervirus auf die Erde zurückzukehren, um die menschliche Bevölkerung zu reduzieren." - Prinz Philip, der Duke of Edinburgh, Mitbegründer des World Wildlife Fund. Klar doch, Elsbeths verblödeter Blaublütler. Gerade er ist der Überflüssigste.

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  • Kommentar: 1
  • 15.12.2009 17:13
von
ragnaroekr

Methmann und greenpeace und die andern Klimacliquen sind bezahlte Provokateure. Ihr Handwerkszeug ist die Angst. Ihr Ziel ist die Zerstörung von intelligenten Lebensplanungen. Es ist nahezu schwachsinnig, wenn sich ein Politologe zum Klimaexperten kürt. Politologie ist per se keine Wissenschaft, sie ist das Studium minderwertiger Geschichten um die Macht. Eigentlich kein Geschäft für jemand. ragnaroekr fordert: Abschafftung von Missbräuchen der Wissenschaft. Keinen Cent an Institute zur Verbreitung von Paranoia, wie Politologie, Soziologie, Betriebswirtschaft.

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