Auftakt Demjanjuk-Prozess beginnt

Demjanjuk-Prozess (Foto)
John Demjanjuk soll für den Tod von 27.900 Menschen verantwortlich sein. Heute beginnt der Prozess gegen den ehemaligen KZ-Wachmann in München. Bild: ap

Dem ehemaligen KZ-Wachmann John Demjanjuk wird ab heute der Prozess gemacht. Er soll für den Tod von 27.900 Juden verantwortlich sein. Bei dem größten NS-Verfahren der vergangenen Jahre treten auch etwa 40 jüdische Nebenkläger auf.

Zum Prozessauftakt vor dem Münchner Landgericht werden allein 220 Journalisten erwartet, hinzu kommen Prozessbeobachter von Forschungsinstituten, Historiker und natürlich Privatpersonen. Aber nicht nur im Zuschauerraum wird es eng: Bislang beläuft sich die Zahl der Nebenkläger auf rund 40, großteils Angehörige von in Sobibor Ermordeten.  Laut Spiegel treten damit mehr jüdische Nebenkläger auf, als im Auschwitz-Prozess zwischen 1963 und 1965.

Dabei ist es für die Münchner Prozessbeteiligten eher Zufall als ihr Wunsch, sich mit einem der letzten großen Prozesse zur Aufarbeitung des Holocaust zu befassen. Welches deutsche Gericht für den Fall Demjanjuk zuständig sei, habe der Bundesgerichtshof zunächst nicht eindeutig feststellen können, erklärt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Barbara Stockinger. «Es gibt die Vermutung, dass Demjanjuk mal einen Wohnsitz in Feldafing hatte, aber weil das nicht zu klären ist, hat man dem Landgericht den Fall einfach zugewiesen.»

Also lieferten die USA Demjanjuk, der mit seiner Familie bislang in Ohio lebte, im Mai nach München aus. Als Pflichtverteidiger bestellte man Günther Maull. Der 72-Jährige hat durchaus Erfahrung mit Holocaust-Prozessen: Bereits als Referendar arbeitete er für den Assistenten des berühmten Eichmann-Anwalts Robert Servatius.

Allerdings habe er sich um die Verteidigung «nicht gerade gerissen». Allein die Kommunikation mit dem «alten, kranken Mann», wie Maull sagt, ist sehr schwierig. «Wir verständigen uns recht und schlecht auf Englisch», erklärt der Anwalt. Während der Verhandlung wird man das Sprachproblem zu lösen versuchen. «Wir haben einen Übersetzer für Ukrainisch beantragt», erklärt Stockinger.

Schon einmal stand Demjanjuk, der in der Ukraine als «Iwan» zur Welt kam, vor Gericht: 1988 wurde er in Jerusalem zum Tode verurteilt, jedoch 1993 wieder freigesprochen, weil Zweifel an seiner Identität blieben. Man hatte ihn für «Iwan den Schrecklichen» gehalten, der in Treblinka die Gaskammern bediente. Mittlerweile scheint die Identität Demjanjuks geklärt. Laut Anklage geriet er 1942 auf der russischen Halbinsel Krim in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Nach nur wenigen Wochen holten ihn SS-Offiziere in das Ausbildungslager Trawniki in Polen. «Hier wurden gesunde Kriegsgefangene zum verlängerten Arm der SS ausgebildet», erklärt die Historikerin Angelika Benz. Demjanjuk war dann nach Angaben der Ermittler im Frühjahr und Sommer 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibór eingesetzt, wo er laut Anklage an der Ermordung vor allem von niederländischen Juden teilnahm.

Maull hat Zweifel daran, dass sein Mandant in Sobibor freiwillig handelte. «Was wir hier brauchen, ist der Begriff des 'Notstandes', nachdem jemand, der zu solchen Handlungen gezwungen wurde, auch einen Rechtfertigungsgrund hat.»

Wahrscheinlich muss die Staatsanwaltschaft im Prozess gegen Demjanjuk ohne lebende Zeitzeugen auskommen. Die Ermittler haben in ihrer Anklage 23 Zeugen benannt, darunter fünf aus Russland und der Ukraine. Nun habe sich herausgestellt, dass diese längst verstorben seien. «Die Männer wurden vor 30 Jahren vernommen - teilweise in der Sowjetunion und vielleicht unter Druck. Ob die Aussagen einen Beweiswert haben, ist fraglich», sagte Maull.

Der Angeklagte selbst schwieg entsprechend dem Rat seines Anwalts bisher zu den Vorwürfen. «Ob er sich jemals äußern wird oder nicht, kann ich noch nicht sagen, das muss der Prozessverlauf zeigen», sagt Maull der Nachrichtenagentur ddp. Dass sein Mandant überhaupt etwas von dem großen Interesse an seiner Person mitbekommt, hält Maull für unwahrscheinlich. «Ich bezweifle, dass er davon etwas merkt, da er ja kaum Englisch und ansonsten nur Ukrainisch kann. Wie soll er da die Zeitungen lesen.»

sis/ddp

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • ManfredRichard
  • Kommentar 2
  • 30.11.2009 19:17

Dem Iwan will man die Vernichtung der Juden in die Schuhe schieben,das ist Schwachsinn.Der Mann hatte ja keine Changs,entweder Jude oder Er und überleben.Und wenn nicht er,dann sind Andere da die es tun.Ich verstehe dieses Rechtssystem nicht,das ist Scheiße.Nach 1945 haben Nazis hohe Posten in der Bundesrepublik bekleidet.Nazis haben am 20.07.1944 das Attentat auf Hitler durchgeführt und versagt.Die anschließenden Vergeltungsmaßnahmen damit mußte man Rechnen.Aber wieso werden diese Leute heute noch Bedacht? Das waren Offizieren in Hohe Positionen,die den Tot brachten.Es ist Zeitzu überlegen

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  • K Leonhardt
  • Kommentar 1
  • 30.11.2009 13:02

Ich glaube dann an die moralische Rechtfertigung solcher Prozesse wenn auch die unmenschliche Taten der Sieger so aufgerollt werden wie die der Besiegten Man misst mit meherlei Maß: Das Hauptmaß dieser Dinge ist: Zuerst mal sind Deutsche und ihre Allierten schuldig

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