Tafel auf Tour Reise in den Untergrund

Die Tafel (Foto)
Jeder zehnte Deutsche braucht staatliche Unterstützung. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Berlin
Die Tafeln in Deutschland leben von Spenden. Eine Reise in den Untergrund zwischen Müll, Abfall und einigen Problemen dieser Gesellschaft.

Es ist der Geruch, der den Unterschied macht. Oben riecht es nach Seife und dem neuesten Parfüm. Unten, in der Lieferantenetage, nach Müll - stechend. Der Geruch ist nicht nur der Unterschied zwischen unten und oben, sondern zwischen arm und reich. Und trotzdem ist der Geruch in ein und demselben Haus: im Kaufhaus des Westens, kurz KaDeWe, in Berlin. Das Haus steht eigentlich für Reichtum, Eleganz und Schickimicki.

Brian Reid war erst ein Mal oben im Kaufhaus. Er kann sich noch sehr gut daran erinnern, obwohl es schon eine Weile her ist. Es war 1988, Brian kaufte sich einen Anzug, ein Hemd und eine Krawatte. Es war sein Hochzeitstag. Schon damals roch es nach feiner Seife, gerade gebackenen Brötchen und frischer Schokolade. Seitdem war er immer nur unten, bereits Hunderte Mal.

Die Tafel
Vor dem Verfallsdatum

Man könnte sagen, er ist unten angekommen. Brian ist der Kollege von Bodo Diebel. Beide sind Anfang 50 und Tafelmitarbeiter in Berlin. Sie sind zwei von 30 Fahrern, die sechs Tage in der Woche mit einem weißen Mercedes-Transporter durch die Stadt touren und gespendetes Essen von Supermärkten, Kaufhäusern und Hotels einsammeln. Die Waren fahren sie zu einem Depot, von wo aus sie an Menschen verteilt werden, die sich selbst kein Essen leisten können. Es sind meist Obdachlose.

Das KaDeWe ist nur eine Station auf ihrer Reise, doch es ist jene, die am besten den Unterschied zeigt: zwischen oben und unten und arm und reich. Bodo und Brian reden mit Ehrfurcht über das Kaufhaus. Und auch ein bisschen mit Stolz. Denn mindestens einmal pro Woche sind sie an der Reihe und können in den Untergrund des Einkaufstempels eintauchen. Es ist wie eine Reise, die ein Problem dieser Gesellschaft aufzeigt.

Denn eigentlich steht das KaDeWe nicht für übelriechenden Müll und Abfall, für Container voller alter Joghurtbecher und Broten von gestern. Doch genau darum geht es, wenn die Mitarbeiter der Berliner Tafel vorbei kommen. Auf die Abholer ist man bestens vorbereitet. Bodo und Brian fahren mit ihrem Transporter von hinten an das Haus heran und gehen in den Lieferanteneingang. Zwischen den Containern für Restpappe und Bioabfall öffnet sich eine drei Meter breite Fahrstuhltür. Brian steigt ein, spricht kurz mit dem Portier und fährt vier Etagen nach oben.

Angekommen im Lager des hauseigenen Supermarktes stehen drei Rollwagen mit Säcken voller Backwaren. Die schieben sie erst stumm zum Fahrstuhl und dann weiter ins Freie zum Transporter. «Müssten wir das alles kaufen, wären es mehrere hundert Euro», sagt Bodo. Allerdings weiß er auch, dass diese Brote niemand mehr verkauft und eigentlich im Müll landen würden. Sie sind mitunter so hart wie Steine, einige jedoch noch weich und zu gebrauchen. Mehrere Säcke sind bereits aufgerissen. Bodo und Brian haben dafür heile Säcke im Auto liegen.

Sie sortieren gleich auf der Ladefläche. Zwei graue Müllsäcke voller Brot müssen allerdings komplett zurückbleiben. Die Tafelmitarbeiter können nur Waren aus Lebensmittelsäcken mitnehmen. Die sind durchsichtig. «Nur weil man obdachlos ist, ist man immer noch ein Mensch», sagt Bodo. Brian hat eine andere Meinung über seine Arbeit. «Eigentlich dürfte es sie in Deutschland gar nicht geben», sagt er.

Bodo und Brian sind Männer, mit denen es das Leben nicht gerade gut gemeint hat. Bodo ist ein dicklicher Mann mit verblassten Tätowierungen auf der Hand und kurzen grauen Stoppelhaaren. Er dreht sich die Zigaretten selbst und trinkt Milch, deren Verfallsdatum bereits überschritten ist. Bodo war bis zur Arbeitslosigkeit Hausmeister im Berliner Osten. Nun hat er bei der Tafel eine Aufgabe gefunden. Er hatte Glück, dass er bereits älter als 50 ist. Die Agentur für Arbeit hat für Menschen, die älter als 50 sind, ein Projekt aufgelegt und fördert nun seinen Arbeitsplatz.

Brian, ein Engländer aus London mit Rastazöpfen, lebt bereits seit 1975 in Berlin. «Der Liebe wegen.» Auch er war lange Zeit arbeitslos, bekommt Hartz IV und nun noch als Ein-Euro-Jobber ein Aufgeld bei der Tafel. Brian ist der Fahrer und Bodo der Beifahrer. «Weil ich keinen Führerschein habe», sagt Bodo. So einfach ist das. Seit zwei Jahren treffen sie sich 8 Uhr am Morgen und drehen ihre Runde laut Tourenplan. Montags bis samstags. Sie sammeln alles das ein, was Hotels, Supermärkte und eben das KaDeWe der Tafel Spenden möchten.

Das ist manchmal nur eine Kiste mit älteren Bananen, wie vom Hyatt-Hotel am Potsdamer Platz und manchmal sind es mehrere Rollwagen voll mit Brot und Brötchen, wie vom KaDeWe. Egal wie viel, eines ist allen Produkten gleich: Sie wollen von denen oben nicht mehr verkauft oder gegessen werden. Die unten freuen sich  darüber. Auch wenn Bodo und Brian manchmal einige Mülltüten beiseite schaffen müssen, bevor sie zum Essbaren vordringen können. So wie im Lager eines Supermarktes. Die Waren für die Tafel liegen unter leeren Kartons, die nicht mehr gebraucht werden.

Der Mercedes mit der Aufschrift «Für eine gute Sache geben wir unser Bestes» hat nun seine Tour beendet. Brian und Bodo fahren zurück zum großen Depot. Dort warten bereits Tafelmitarbeiter, die beide mit einem großen «Hallo» begrüßen. Sie laden den Transporter aus, packen alles auf Rollwagen und bringen es in eine Halle. Dort wird Essbares von Ungenießbarem getrennt, wieder neu verpackt und andere Transporter bringen die Waren zu Bedürftigen. Die Tour hat sich gelohnt: neun Säcke Brot und Brötchen und elf Stiegen voll Obst, Kuchen, Gemüse und Joghurt. «Ihr ward wohl beim KaDeWe», fragt einer. Brian nickt.

Morgen geht es woanders hin. In einer Woche wird er genau dieselbe Tour wieder fahren. Welche, ist im Grunde egal. Oben und unten gibt es auf jeder Route.

iwe/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Frank Schusterbach
  • Kommentar 1
  • 29.12.2009 08:19

Herr Menzel haben Sie ihren bedarf an artikeln dieses jahr noch nicht ganz gedeckt oder wie kommt es zu diesem langweiligen und doch allseits bekannten Beitrag, erhoffen Sie sich davon mehr Spenden für die Tafel in Berlin oder worin liegt der Sinn?

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