Chronik Nato-Angriff auf Tanklastzüge

Sicherheitsbeauftragte inspizieren die ausgebrannten Tanklastzüge in Kundus nach dem Luftangriff. (Foto)
Sicherheitsbeauftragte inspizieren die ausgebrannten Tanklastzüge in Kundus nach dem Luftangriff. Bild: dpa

Deutschland diskutiert über den Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster in Afghanistan. Bei dem Angriff, der von einem Deutschen Oberst angefordert wurde, starben viele Zivilisten. Offen bleibt, ob die Attacke gerechtfertigt war.

4. September: Bei einem Nato-Luftangriff auf Anforderung der Bundeswehr in der Provinz Kundus werden nach afghanischen Angaben mindestens 40 Menschen getötet. Der Polizeichef der Provinz, Gulam Mohjuddin, erklärt, es seien zwei entführte Tanklastzüge nahe der tadschikischen Grenze getroffen worden. Die Bundeswehr teilt mit, bei dem Angriff seien 56 Aufständische getötet worden, Zivilpersonen seien nicht zu Schaden gekommen.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung rechtfertigt die erstmalige Anforderung von Luftunterstützung im Kampf gegen die Taliban als notwendig. Sein Staatssekretär Thomas Kossendey sagt: «Wir gehen davon aus, dass die entführten zivilen Tanklaster in Richtung des Bundeswehrlagers gebracht werden sollten, um durch ein Selbstmordattentat größtmöglichen Schaden anzurichten.» Aus Sicht der militärisch Verantwortlichen in Kundus sei höchste Gefahr im Verzug gewesen.

Afghanistan
Diskussion um Luftangriff

5. September: Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen schließt die Möglichkeit ziviler Opfer nicht aus und kündigt eine gründliche Untersuchung an. Der Oberkommandierende der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, US-General Stanley McChrystal, bestätigt zivile Verletzte.

6. September: Jung sagt, nach seinen Informationen seien bei dem Angriff ausschließlich terroristische Taliban getötet worden. Der «Bild am Sonntag» sagt der CDU-Politiker: «Durch sehr detaillierte Aufklärung über mehrere Stunden durch unsere Kräfte hatten wir klare Hinweise darauf, dass die Taliban beide Tanklastzüge circa sechs Kilometer von unserem Lager entfernt in ihre Gewalt gebracht haben, um einen Anschlag auf unsere Soldaten in Kundus zu verüben.» Der Minister betont: «In diesem Fall war der Schlag dringend geboten.»

7. September: Nach dem umstrittenen Luftangriff stützt laut Bild erstmals ein Dokument die Version der Bundeswehr. Afghanische Offizielle gingen in einem Bericht an Präsident Hamid Karzai davon aus, dass es keine zivilen Opfer gegeben habe.

Jung rechtfertigt den tödlichen Bombenangriff erneut. Als der deutsche Oberst Georg Klein die Entscheidung getroffen habe, sei er von einer Bedrohung «auch und gerade» für die deutschen Soldaten ausgegangen. Der Verteidigungsausschuss des Bundestages fordert in einer Sondersitzung eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle.

8. September: In einer Regierungserklärung verspricht Bundeskanzlerin Angela Merkel eine «lückenlose Aufklärung» der Bombardements. «Ich stehe dafür ein, dass wir nichts beschönigen werden», sagte die Regierungschefin. Jung erklärt: «Wenn es hier zivile Opfer gegeben hat, fordert das unsere Anteilnahme und unser Mitgefühl.»

Afghanistan
Land am Abgrund

10. September: Die Nato dementiert die Existenz eines vorläufigen Berichts der Afghanistan-Schutztruppe Isaf zu dem umstrittenen Luftangriff in Kundus.

11. September: Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, stärkt dem heftig kritisierten deutschen Oberst Klein den Rücken. Er gehe davon aus, «dass diese Entscheidung das Resultat einer ganz sorgfältigen Beurteilung der Lage ist, so wie wir es als Soldaten kennen».

17. September: Nach einem Nato-Bericht sollen 100 Menschen ums Leben gekommen sein, 30 davon Zivilisten. Die anderen 70 Toten ordnet die Nato der Meldung zufolge «feindlichen Kräften» zu.

29. Oktober: Der verheerende Luftangriff ist aus Sicht der Bundeswehr-Führung militärisch angemessen gewesen. Diesen Schluss zog Generalinspekteur Schneiderhan aus dem Isaf-Untersuchungsbericht. Oberst Klein habe die Lage richtig beurteilt und sogar davon ausgehen können, dass keine Unbeteiligten durch den Luftschlag zu Schaden kommen würden.

6. November: Die Bundesanwaltschaft soll die strafrechtlichen Konsequenzen des Luftangriffs prüfen. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden bat die Behörde in Karlsruhe um eine Prüfung des Sachverhalts. Als Grund gab sie an, dass in Afghanistan ein bewaffneter Konflikt im Sinne des Völkerstrafgesetzbuchs vorliegen könnte.

Auch aus Sicht des neuen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg war der Luftschlag «militärisch angemessen». Es habe aber Verfahrensfehler durch Ausbildungsmängel und verwirrende Einsatzregeln gegeben. Dennoch zieht der CSU-Politiker die Schlussfolgerung: «Selbst wenn es keine Verfahrensfehler gegeben hätte, hätte es zum Luftschlag kommen müssen.»

26. November: Die Bild-Zeitung meldet unter Berufung auf vorliegende Berichte der Bundeswehr und ein Video des Luftangriffs aus einem der beteiligten Kampfflugzeuge, Jung habe bereits viel früher über mögliche zivile Opfer informiert sein müssen als bislang bekannt.

Verteidigungsminister Guttenberg entbindet Generalinspekteur Schneiderhan von seinem Amt und beurlaubt Staatssekretär Peter Wichert. Als Gründe gibt der CSU-Politiker die Zurückhaltung von Informationen über das Bombardement an. Die Luftangriffe wolle er neu beurteilen, kündigt er an. Die SPD verlangt eine parlamentarische Untersuchung der Umstände des Luftangriffs.

jan/reu/news.de/ap

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